Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Literatur
„Die Hochhaussprin­gerin“: Dystopischer Roman oder Blick in unsere Zukunft?

Julia von Lucadou
Julia von Lucadou | Foto (Zuschnitt): © Maria Ursprung

Julia von Lucadous Debütroman „Die Hochhausspringerin“ (in Italien erschienen bei Carbonio) präsentiert eine verstörende Vision unserer Gegenwart, indem er eine nahe Zukunft beschreibt. Es ist ein Sturzflug in die Hölle, ein Sprung im wahrsten Sinne des Wortes, den wir hautnah und live miterleben, der sich direkt vor unseren Augen und den noch viel aufmerksameren Blicken der unzähligen, allgegenwärtigen Kameras abspielt.

Von Giovanni Giusti

Absolviert wird der metaphorische Sprung in die Hölle von Hitomi. Die junge Psychologin hat den Auftrag, die sich einer Krise befindende Spitzensportlerin Riva vierundzwanzig Stunden am Tag zu betreuen und zu überwachen. Diese hat aus unerklärlichen Gründen die Teilnahme an den populären Highrise-Diving-Bewerben aufgegeben, in denen die Athletinnen von den Dächern der gigantischen Hochhäuser der Stadt in die Tiefe springen, um wenige Sekunden vor dem Aufprall durch kunstvolle Drehungen mithilfe ihrer wundersamen Flysuits wieder nach oben zu schießen.
 
Extreme soziale Kontrolle, eine gespaltene Gesellschaft, die vollkommene Aufgabe der Privatsphäre, die Notwendigkeit, sich physisch und psychisch immer in bester Verfassung zu präsentieren, ein System des schulischen und gesellschaftlichen Aufstiegs, das nach dem Prinzip von Talentshows funktioniert – das ist die Welt von Hitomi und Riva. Es sind Ängste, die wir auch heute kennen, und von Lucadou führt sie uns auf dramatische Weise vor Augen. Die Hochhausspringerin ajouriert den Kanon negativer Zukunftsvisionen, wie sie für dystopische Romane typisch sind. Das Buch lässt die Zukunft in gewisser Weise näherrücken, präsentiert uns Situationen und Gegebenheiten, die wir zu einem gewissen Teil bereits heute erahnen können.

Dystopische Stimmung als Ergebnis eines Prozesses

Wir haben Julia von Lucadou gefragt, ob sie beim Schreiben diese Nähe zur Gegenwart bereits gespürt hat. Ob sie also spürte, dass sie da gerade weniger über die Zukunft schrieb als vielmehr über eine Realität, die wir bereits kommen sehen.
 
„Deine Frage beschreibt sehr genau, wie es mir beim Schreiben des Romans gegangen ist. Zu Beginn hatte ich gar keinen dystopischen Roman im Sinn. Die dystopische Stimmung war das Ergebnis eines Prozesses, den man als Kondensation oder Verdichtung der Gegenwart bezeichnen könnte. Ich schichtete Elemente unserer gegenwärtigen Realität übereinander, die mich faszinierten oder beunruhigten. Dabei habe ich gewisse Entwicklungen bewusst zugespitzt, um sie deutlicher sichtbar zu machen und einem Gefühl des Unbehagens Ausdruck zu verleihen. Ich glaube, es ist dieses Unbehagen, das diese dystopische Stimmung entstehen lässt.
 
Einige Elemente des Buchs haben allerdings kaum etwas mit unserer Realität zu tun, wie etwa die spezielle Form der Kindererziehung und der Ausschluss von Kindern aus der Gesellschaft, bis sie sich als produktive Arbeitskräfte beweisen. Aber der Roman enthält auch Elemente, die meinen Erfahrungen in unserer heutigen Welt schon näher kommen: das Überhandnehmen des Perfektionismus und der Selbstoptimierung zum Beispiel.“

Digitale Eingriffe

„Und dann ist da noch der Aspekt des digitalen Eindringens in die Privatsphäre. In meinem Roman verschaffen sich Unternehmen Zugang zu den intimsten Daten der Menschen, analysieren ihre Gedanken und Gefühle und beeinflussen ihr Verhalten mit Hilfe von Überwachungstechnologien und künstlicher Intelligenz. In Ländern wie Italien und Deutschland ist dies bereits heute Realität. In einigen Ländern, wie z.B. China, wird diese Art von Daten sogar von der Regierung genutzt, um Menschen, die sich nicht konform verhalten, zu kontrollieren, zu diskriminieren und zu eliminieren.“

Befremdend, aber erschreckend vertraut

Buchcover - "La tuffatrice" von Julia von Lucadou – Carbonio editore Buchcover – La tuffatrice von Julia von Lucadou | © Carbonio editore Der packende Stil des Romans lässt uns ab den ersten Seiten mit Riva und Hitomi mitzittern. In zunehmend schmerzhaften Rückblenden werden Hitomis Schuldgefühle offenbart, die deren Ängste zusätzlich verstärken. Das Buch überzeugt mit kurzen, trockenen Kapiteln und Sätzen von bestechender Einfachheit, ähnlich simplen Bildunterschriften, unterbrochen von englischen Redewendungen, die beinahe eine Art neue Sprache entstehen lassen. „Wir lieben es, zu experimentieren und ungewöhnlichen, auch noch unbekannten Stimmen eine Plattform zu bieten“, erklärt man uns beim italienischen Verlag Carbonio. „Das Thema schien uns interessant und der Linie unseres Verlags entsprechend. Unser Ziel ist es, gewagte, originelle, literarisch hochwertige Texte aufzuspüren, die dazu einladen, sich auch unbequeme Fragen zu stellen. Der Stil der Autorin hat uns hypnotisiert und in eine befremdliche, fiktive – aber zugleich erschreckend vertraute – Welt katapultiert.“
 
Hitomi findet sich außerhalb der Gesellschaft wieder, die sie geformt hat, und muss eine endgültige Entscheidung treffen. Und während im poetischen Prolog des Romans Hitomis Augen von der Weite des Himmels in die Stadt zoomen, bis auf das Dach eines Hochhauses, bis auf die Hochhausspringerin, die der Welt entgegenspringt, so wird der im Epilog versuchte umgekehrte Zoom nicht funktionieren. Er führt ins Nichts.

Top