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„Verzeichnis einiger Verluste“
Eine Reise in die Vergangenheit mit Judith Schalansky

<i>Inventario delle cose perdute</i> (Buchcover)
© Nottetempo edizioni

Die Intention hinter ihrem „Verzeichnis einiger Verluste“ (in Italien erschienen bei Nottetempo) verrät uns die Autorin, Judith Schalansky, bereits im zugehörigen Vorwort. Diese verzauberte „Tür zum Buch“ führt in eine andere Dimension – eine andere als unsere, aber keine fremde. Es ist die Dimension der Dinge, die einmal existiert haben, aber nie wieder existieren werden, außer in unserer Erinnerung.

Von Giovanni Giusti

In ihrem Buch nimmt uns Schalansky mit auf eine Reise in ein nicht unbedingt unbekanntes, sondern vielmehr einfach vergessenes Land. Ihr Verzeichnis ist, wie sie gleich zu Beginn klarstellt, „von dem Begehren getrieben, etwas überleben zu lassen, Vergangenes zu vergegenwärtigen, Vergessenes zu beschwören“. Es ist eine Reise in eine verlorene Welt, die wiederentdeckt werden will, die zur Metapher wird, zu einem Nachdenken über die Vergänglichkeit von Objekten und Handlungen; mit jenem bittersüßen Geschmack, wie ihn nur Dinge haben, die wir einmal besaßen und die uns verloren gingen. Aus welchem Grund auch immer. Sei es durch unseren Willen oder durch den eines anderen oder einfach durch Zufall. 

Hinter der Tür

Zu jedem der in ihrem Verzeichnis gelisteten Verluste erzählt Schalansky eine Geschichte – jede davon wieder anders als die anderen, aber jede faszinierend, jede eine zutiefst persönliche mentale Reise, die der Leser aber unmittelbar nachempfinden und zu seiner eigenen machen kann. Denn die Autorin beschränkt sich nicht darauf, uns die Tür zu zeigen, sie überschreitet deren Schwelle gemeinsam mit uns, holt sich Anregungen und Inspirationen für ihre Erzählung, lässt sich vom jeweiligen Objekt beziehungsweise Ort leiten, das oder den sie zunächst stets beschreibt.
 
Das grafisch überaus ansprechende Buch – Judith Schalansky ist auch Buchgestalterin und Dozentin für Typographie – lehrt uns, dass es einen zarten, aber festen Faden gibt, der eine Insel im Pazifik, die (vielleicht) bei einem Seebeben versank, mit dem letzten Kaspischen Tiger und den Ruinen der Villa Sacchetti gleich hinter dem Vatikan miteinander verbindet. Dass es einen Konnex gibt zwischen den überlieferten Fragmenten der Werke des mesopotamischen Propheten Mani und jenen der Lieder Sapphos oder auch den Mondzeichnungen Kinaus. 

Ein vielfältiges Werk

Wir lernen die zusammenhanglosen und ungeordneten Gedanken von Armand Schulthess kennen, sein Haus, seine vernichteten Sammlungen und seinen Wald, der zuerst in eine Enzyklopädie verwandelt und dann abgeholzt wurde. Wir sehen das in einem Brand vernichtete Gemälde „Hafen von Greifswald“, Schalanskys Geburtsstadt im Nordosten Deutschlands. Mit „Der Knabe in Blau/Der Todessmaragd“, dem ersten – natürlich verschollenen – Film von Friedrich Wilhelm Murnau tauchen wir ein in den Bewusstseinsstrom der depressiven Greta Garbo elf Jahre nach dem Rückzug der Schauspielerin von der Leinwand. Und auch sie, der Star, ist inzwischen vollkommen in ihrer kranken Welt aus Verlusten und versteckter Sexualität verloren. Gleichzeitig begegnen wir in dem Buch auch autobiografischen Passagen, Reflektionen der Autorin zum Thema Tod, aber auch zu, sagen wir mal, Alltäglicherem, wie in ihrer Geschichte von einem jungen Berliner Paar in einer Beziehungskrise.
 
Das Ergebnis ist ein vielfältiges Werk, das leichtfüßig von einem Thema zum nächsten, von einem Genre zum anderen springt. Ein Buch, das uns mit einer großen Sehnsucht zurücklässt und Lust macht, uns selbst einen Moment Zeit zu nehmen, um unsere eigene, persönliche Liste der Verluste zu erstellen.
 

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