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Anja Kampmanns Roman „Wie hoch die Wasser steigen”
Ein immer stürmendes Meer

Anja Kampmann, Literarischer März, 2015
Anja Kampmann, Literarischer März, 2015 | Foto (Zuschnitt): commons.wikimedia.org

Immer stürmisch ist das Meer rund um die Ocean Monarch, eine Bohrinsel vor der Küste Marokkos. In einer Nacht trägt dieses Meer Mátyás davon, einen der Arbeiter, und fortan tobt der Sturm im Kopf und im Herzen von Waclaw, der sechs Jahre lang sein Schicksalsgenosse war. Sechs Jahre geteilte Arbeit und geteilte Kabine, geteilte Hoffnungen und Enttäuschungen. Anja Kampmanns Roman „Wie hoch die Wasser steigen” (Hanser) erzählt von der Reise, die Waclaw nun unternimmt, um über seine Erschütterung und Trauer hinwegzukommen, und die schließlich zu einer Abrechnung mit seiner gesamten Existenz wird.

Von Giovanni Giusti

QUER DURCH EUROPA UND DIE JAHRESZEITEN

Buchcover von "Dove arrivano le acque" (Wie hoch die Wasser steigen) von Anja Kampmann | Übersetzung aus dem Deutschen: Franco Filice Dove arrivano le acque (Wie hoch die Wasser steigen, Carl Hanser Verlag 2018) von Anja Kampmann | Übersetzung aus dem Deutschen: Franco Filice | © Keller Editore 2022 Waclaws Reise ist eine äußere und eine innere Reise, an deren Anfang die Verzweiflung über den Verlust von Mátyás steht. Eine Reise, die Monate andauert, quer durch Europa und die Jahreszeiten führt und durch all die vergangenen Verluste, die eigenen, aber auch die der vielen Menschen, denen Waclaw unterwegs begegnet. Ob auf dem Schiff, im Zug, im Auto, selbst zu Fuß, überall verfolgt ihn zunächst das Gespenst des vermissten Mátyás, den er überall sucht, wo sie einmal gemeinsam waren, dann die Gespenster seiner Vergangenheit, die ihm den Weg in eine zweifelhaft erscheinende Zukunft weisen.

Waclaws Reise beginnt in Marokko, auf dem Festland, wo er gemeinsam mit Mátyás die Ruhezeiten verbrachte und wo er ihn hinter jeder Ecke zu erkennen meint. Er sucht die Dinge, Erinnerungen, Erfahrungen zusammen, die er ins ländliche Ungarn bringen will, wo der Freund geboren wurde. Die Figuren, die Anja Kampmann mit ihrer zugleich rauen und poetischen Sprache zeichnet, sind unvergesslich, auch wenn sie sich auf nur wenigen Seiten oder gar Zeilen entfalten. So wie Ahmad, der Barkeeper in Tanger, der sich über seine Theke beugt, um zu sehen, warum hinter Waclaw nicht auch sein Freund das Lokal betritt. Oder Patrícia, die Stiefschwester, die Mátyás aufgezogen hat und die Waclaw nur durch die ungelenke Schrift der Briefe kennt, die sie ihrem Bruder schrieb.

ALOIS’ BRIEFTAUBE

Nach einer Rückkehr nach Marokko wegen einer Arbeitsstelle, die er nie antreten wird, und nach Malta, wo er eine frühere Geliebte trifft und weitere Teile seines Lebens wiederfindet, gelangt Waclaw schließlich nach Italien. Hier unternimmt er eine monatelange Wanderung zu Fuß, fast eine Pilgerreise, zu Alois – oder Enzo, wie er in Bobbio genannt wird, wo er lebt –, einem alten Freund der Familie, ehemaligem Zechenkumpel von Waclaws Vater in Deutschland. Mit der Begegnung mit Alois/Enzo, der ihm eine seiner Brieftauben anvertraut, die er mit großer Leidenschaft züchtet, beginnt sich allmählich ein Kreis zu schließen in Waclaws Leben.

WO DIE UNGEHEUER LEBEN

Die akute, durchdringende Trauer um Mátyás lässt allmählich nach und macht einer Leere Platz, die Waclaws ganze Existenz erfasst. Nur geografisch kehrt er zurück in „jene Welten, die jahrelang die Innenseiten ihrer Spinde ausgekleidet hatten“. Die Spinde seiner multinationalen Kumpel auf der Bohrinsel, nicht seinen eigenen. Im Auto reist er weiter nach Deutschland, zurück in die Stadt, in der er vor 52 Jahren geboren wurde und viele weitere Jahre lebte, der symbolträchtigen Freilassung der Brieftaube zu, die zu Alois nach Italien zurückfinden soll. Dann nach Polen, der Heimat von Waclaws Vater, der an seiner Staublunge gestorben ist, und von Milena, Waclaws Gefährtin, die er verlassen hat, um auf den Bohrinseln zu arbeiten, noch so eine tragische Geschichte der Vergangenheit. Am Ende erreicht Waclaw wieder das Meer, doch diesmal ist es nicht der Atlantische Ozean, der ihm seinen Freund Mátyás genommen hat, sondern die Ostsee.  

Ein immer stürmendes Meer, auch wenn es ruhig ist. Ein Meer, das der Ort ist, „wo die Ungeheuer lebten“. Nicht für Waclaw, der seine Ungeheuer in sich selbst herumträgt.
 

Anja Kampmann stellt ihr Buch Dove arrivano le acque am 21. Juni 2022 um 18:30 Uhr im Goethe-Institut Rom vor.

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