Migration Wir sind jung. Wir sind stark.

Burhan Qurbani – Gespräch bei der Vorführung von „Wir sind jung. Wir sind stark.“ im Goethe-Institut Rom
Burhan Qurbani – Gespräch bei der Vorführung von „Wir sind jung. Wir sind stark.“ im Goethe-Institut Rom | © Goethe-Institut Rom | Foto: Max Intrisano

Unbehagen gegen Unbehagen. Die Geschehnisse von Rostock im August 1992, die der Film „Wir sind jung. Wir sind stark.“ von Burhan Qurbani aufgreift, könnten eine Geschichte von heute erzählen: eine Plattenbausiedlung am Stadtrand, umfunktioniert zu einem Asylbewerberheim, in dem tausende geflüchtete Roma aus Rumänien untergebracht sind.

Fremdenfeindliche und neonazistische Gruppen, die auf Krawall aus sind, arbeitslose Jugendliche ohne Zukunftsaussichten, unfähige Politiker, die die Lage nicht in den Griff bekommen, die schaulustigen Anwohner der Siedlung, die sich mit Klappstühlen und Bier verkaufenden Imbissbuden das Spektakel der Unruhen ansehen und stürmisch Beifall klatschen; die mehr oder weniger legalen Einwanderer mit ihren Leben, trotz alledem. Der Regisseur Burhan Qurbani, 1980 in Deutschland als Kind afghanischer Eltern geboren, die während der sowjetischen Invasion aus ihrem Land geflohen waren, weiß gut, wovon er spricht. Bei einer Geschichte von heute gäbe es darüber hinaus bloß noch den Hass, der die sozialen Netzwerke durchströmt.

Wir sind jung. Wir sind stark wurde vom Goethe-Institut im Rahmen der Filmreihe Hollywood ist fern – Filme, Geschichten und Menschen unter dem Himmel Europas gezeigt. Die Filmreihe möchte von der Aktualität, der Realität und vor allem von den Widersprüchen unseres Europas erzählen, das sich heute erneut mit Populismus und Rassismus herumschlägt, mit Problemen, die man endgültig überwunden zu haben glaubte. Wir sind jung. Wir sind stark ist ein vielstimmiger Film, dessen Erzählstränge sich an einem einzigen Tag verflechten: dem der finalen Ausschreitungen in Rostock.

Da ist die Geschichte der jungen Vietnamesin Lien, die mit ihrer Familie und anderen Landsleuten in dem Plattenbau neben dem Asylbewerberheim lebt, dem sogenannten „Sonnenblumenhaus“. Sie möchte sich integrieren, gleichsam auch körperlich, indem sie sich blonde Strähnchen färbt. Es gelingt ihr, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, und anders als ihre Verwandten will sie nicht nach Vietnam zurück. Dann sind da die Geschichten des Rudels junger Neonazis: von Philipp, der Selbstmord begeht, von Stefan, der als Einziger der Gruppe aus behüteten Verhältnissen stammt und nun mit Molotowcocktails losstürmt – und das unter den entsetzen und ohnmächtigen Blicken seines Vaters, ausgerechnet einem jener Lokalpolitiker, die den Gewalttaten hätten vorbeugen sollen – sowie die Geschichten all der anderen: des schwachen Mitläufers und des Psychopathen der Bande, des gewalttätigen Anführers und der Mädchen, die die Unterwürfigen spielen.

Die Roma-Flüchtlinge wird die Polizei am Ende des Tages problemlos evakuiert haben. So entlädt sich die Gewalt der Demonstranten, denen die Polizei freie Bahn lässt, gegen das „Sonnenblumenhaus“ mit den vietnamesischen Familien, die gezwungen sind, auf das Dach des Gebäudes zu flüchten.

Wir sind jung. Wir sind stark ist, dank Liens Geschichte, auf seine Art trotz allem ein poetischer Film. Das anfängliche Schwarz-Weiß stilisiert den Film. Nie nutzt er die Gewalt des Kontextes zu voyeuristischen Zwecken aus, sondern verurteilt sie immer und in letzter Instanz. Das äußerst bittere Ende besiegelt die ganze Geschichte, wenn die junge Vietnamesin am Morgen nach den Unruhen in der Notunterkunft aufwacht, in der sie mit ihren Landsleuten nach der Zerstörung des „Sonnenblumenhauses“ untergebracht wurde, wenn die bettelnden Kinder, die wir den ganzen Film über mit einem Einkaufswagen auf der Suche nach Pfandflaschen zwischen den Leuten haben herumlaufen sehen – sogar mitten in den Ausschreitungen, zwischen umgekippten Müllcontainern –, ebenfalls Groll gegen die gerade erwachte junge Vietnamesin hegen, sie beschimpfen und Flaschen nach ihr werfen.