Berlin Kreuzberg Kreuzberg von oben

Berlin Kreuzberg
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Mieten runter! Mieten runter! Das dokumentarische Hörstück Kreuzberg von oben von Lorenz Rollhäuser, das im Rahmen des Festivals der Zeitschrift Internazionale im Goethe-Institut vorgeführt wurde, beginnt mit diesen Sprechchören der Demonstranten, den Geräuschen rund um den Platz sowie der Musik und den Worten des Rauch-Haus-Songs, einer der Hymnen der Berliner Hausbesetzerszene: Und wir schreien's laut, ihr kriegt uns hier nicht raus, das ist unser Haus.

Ein Versuch über Geld und Moral

Rollhäuser nimmt uns buchstäblich mit in seinen Kiez, nach Kreuzberg, wo Berlins Multikulti kulminiert, wo – wie wir im Laufe des Features hören – alle Platz hatten, „alles, was irgendwo angeeckt war und als merkwürdig galt, fand seinesgleichen“, und das zum Symbol einer Zeit geworden ist, die es vielleicht nicht mehr gibt. Wir steigen die Treppen seines Wohnhauses hoch, fünf Stockwerke ohne Aufzug, hören die Geräusche, die Stimmen der Bewohner, können sogar riechen, dass irgendjemand Hühnchen gekocht hat. Die Stimmen der Leute aus der Sorauer Straße, die Angst vor Verdrängung haben, dringen zu uns herauf, wir blicken aus dem Penthouse, schauen auf die Roma, die noch immer hinter der Mauer des Görlitzer Parks lagern, und auf die afrikanischen Dealer, die noch immer zwischen den Parkbänken hin- und herlaufen.

Doch Kreuzberg wird sich verändern, es hat sich bereits verändert

Immer mehr Häuser werden von Immobilienhandelsgesellschaften gekauft, die die preiswerten Mietswohnungen zwangsräumen lassen, denn „Miete ist nicht das Paradies auf Erden“. Sie verkaufen an diejenigen, die es sich leisten können, an Bürgerliche von außerhalb, mit einem Makler, der sich mit der „Unverschämtheit, einfach zu meinen wir können alles kaufen,“ gewieft in einen Soziologen verwandelt und zusammen mit der Wohnung auch die „romantische Sehnsucht nach dem Wilden, Unangepassten“ und den „Multikulti-Chic“ verkauft.
 
  • Berlin Kreuzberg © Colourbox.de
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Diese sogenannte Gentrifizierung: die dunkle Seite der Stadterneuerung, der Aufwertung von Stadtgebieten, die mit dem Zuzug wohlhabender Leute einhergeht, rollt in Berlin also durch Kreuzberg, und wer davon betroffen ist, ist stinkwütend. Es geht nicht bloß um die Nostalgie, im Supermarkt nicht mehr die türkische Familie und das übliche Rentnerpaar anzutreffen oder die alte Punkerin mit den verblassten Tattoos, die trotz allem noch für eine Weile an ihrem Platz sein werden. Vielmehr wird es als das Ende einer Ära der Freiheit erlebt.

Doch Kreuzberg von oben ist viel mehr als eine soziale Anklage, hören wir doch auch die intimen, moralischen und fast philosophischen Gedanken des Autors. Die Beschreibung des unvermeidlichen Gentrifizierungsprozesses ist absolut persönlich und mit sich selbst hadernd. Denn Rollhäuser lebt selbst in Kreuzberg und hat nach vielen bescheidenen Jahren geerbt und sich eine große Penthouse-Wohnung gekauft. Er hat den Klassenkampf der beiden sozialen Schichten erlebt, den zwischen alten Mietern und neuen Eigentümern, und ist in gewissem Sinne von der anderen Seite der Barrikade auf diejenige der reichen Eindringlinge gewechselt – ohne dies groß zur Schau zu stellen, aber doch mit vielen Schuldgefühlen, wie er gleich durch den Untertitel seiner Arbeit klarmacht: ein Versuch über Geld und Moral. Auch stellt er es durch die Fragen klar, die er den Zuhörern ohne Antwort hinterlässt: Wer bin ich wirklich? Darf ich dieses unverdiente Privileg genießen? Wer ist der König von Kreuzberg?
Unterdessen setzen die Demonstranten unten auf der Straße, mittlerweile weit entfernt vom Penthouse, ihren Protest fort: A! Anti! Anticapitalista! A! Anti! Anticapitalista!