Ein autobiografischer Roman „Der falsche Inder“ von Abbas Khider

Abbas Khider
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Man braucht nicht lange nach Worten zu suchen, um das Buch Der falsche Inder des Irakers Abbas Khider zu beschreiben, denn er liefert auf den letzten Seiten selbst eine perfekte Zusammenfassung: „Immer wieder habe ich versucht, eine Form zu finden, bei der man jederzeit und überall mit dem Lesen anfangen kann. Jedes Kapitel ein Anfang und zugleich ein Ende. Jedes eine eigene Einheit und doch unverzichtbarer Teil eines Ganzen. Alles in einem Werk vereint: Roman, Kurzgeschichte, Biografie und Märchen.“ Und genau so ist es.

Tatsächlich handelt es sich bei Der falsche Inder, das in Italien im Verlag Il Sirente unter dem Titel I Miracoli (wörtl. „Die Wunder“) erschienen ist, um ein seltsames, ein ungewöhnliches Buch. Es ist nicht wirklich ein Roman, aber auch kein Tagebuch, eher eine Sammlung persönlicher Geschichten, die häufig tragisch oder tragikomisch, zuweilen auch grotesk sind, dabei aber Geschichten in jeder Hinsicht, immer mitreißend und unter die Haut gehend.

Ein im Zug liegengelassenes Manuskript

Der Erzähler der Geschichten und ihrer tausend Handlungen ist Rasul, ein Alter Ego des Autors, Iraker und Geflüchteter wie er, mit einem so banalen wie wirkungsvollen Trick für die Rahmenhandlung: Er findet in einem Zug eine herrenlose Tüte mit einem Manuskript darin. Wie er in einer verrauchten Küche geboren wird, wie er seine Leidenschaft für Poesie und Literatur entdeckt und wie er sich politisch engagiert; wie er mit neunzehn Jahren ins Gefängnis kommt, mit Anfang zwanzig befreit wird und aus dem Irak flieht, die Pilgerfahrt erst als Gelegenheitsarbeiter, dann als Flüchtling über drei Kontinente, Asien, Afrika und Europa, bis zur Ankunft in Deutschland im Jahr 2000 – das sind Rasuls Geschichten, aber auch, was Abbas Khider wirklich erlebt hat. Rasul schreibt Gedichte, dokumentiert alles, schreibt über alles und überall, verliert, was er geschrieben hat, findet es wieder und schreibt es neu, auf Gefängnismauern genauso wie auf das Einwickelpapier von Kebab oder Datteln. Er erzählt mit derselben Kraft von sich selbst, von anderen Migranten und Flüchtlingen, von dem kurdischen Jungen, den er in Athen wiedertrifft, von der Zigeunerin Selwa, von der alten Griechin, die ihn zweimal rettet, von Mädchen und wie man an unverdächtigen Details ihre Nationalität erkennen kann, vom Krieg mit dem Iran. Aber vor allem erzählt er von den Wundern, die er erlebt hat und die ihm das Leben gerettet haben.

Die Erzählung einer Flucht

Der falsche Inder ist die Erzählung einer Flucht“, sagt die Journalistin Francesca Paci während der Buchvorstellung mit dem Autor im Goethe-Institut. „Durch die Lektüre versteht man sehr gut, dass wer aus einer bestimmten Lage flieht, sich wohl kaum von irgendwelchen Mauern aufhalten lässt.“
Khider nickt, als er die Übersetzung hört, er ist sehr kommunikativ, genau wie sein Roman und seine Figuren, er gestikuliert, zeigt Leidenschaft. „1991 gab es im Irak eine Revolution, die auch dank ausländischer Mächte zum Schweigen gebracht wurde“, sagt er. „Die jungen Leute meiner Generation, die das erlebt haben – ich war damals siebzehn – gaben sich aber nicht geschlagen. Wir waren weiter politisch aktiv, und ich wurde verhaftet. Zwei Jahre war ich unter der Erde, habe Hunger und Durst gelitten und wurde gefoltert. Wenn man so etwas erlebt, begreift man, dass der Mensch es nicht mehr wert ist, Mensch genannt zu werden. Irgendwann wurde ich begnadigt, aber ich durfte nicht weiterstudieren, sondern musste Militärdienst ableisten und wurde täglich kontrolliert. Ich wundere mich immer, wenn die Leute nicht verstehen, was Geflüchtete erleiden mussten, bevor sie die weite Reise auf sich genommen haben. Jedenfalls sind es nicht die Menschen, die Gewalt bringen, sondern die Systeme, die Regime. Die Menschen, die foltern, sind bloß Menschen, genau wie die Gefolterten. Das Problem ist das System, der Folterknecht ist nur ein Rädchen im Getriebe des Systems. Man muss das System bekämpfen, nicht die Menschen.“

Die Ängste der Flüchtlinge

Die Übersetzerin des Buches ins Italienische, Barbara Teresi, liest einige Seiten vor: die Geschichte mit dem geplatzten Autoreifen, ein wahres Wunder, eines derjenigen, die ihm das Leben retten. Khider hört zu und erzählt, immer mit einem Lächeln auf den Lippen, auch wenn es um Folter und Tod geht, auch wenn dank Francesca Pacis Fragen von seinen Ängsten und den Ängsten der Flüchtlinge, die er darstellt, die Rede ist. „Geflüchtete haben immer Angst“, sagt er. „Sie suchen Sicherheit, denken an nichts anders. Sie haben Angst vor der Reise, Angst vor der Ankunft, Angst, zurückgeschickt zu werden. Wenn man zum Flüchtling wird, verliert man die innere Ruhe und Selbstsicherheit. Als Saddam 2006 starb, realisierte ich meinen Traum, in den Irak zurückzukehren. Doch hatte sich dort nichts verändert, und ich hielt es nur ein Jahr lang aus. Ich arbeitete als Journalist unter Pseudonym und hatte weiterhin Angst, Angst vor allem Möglichen, zum Beispiel ins Auto zu steigen und den Zündschlüssel umzudrehen.“ Er tut, als stecke er den Schlüssel ins Zündschloss und drehe ihn um, dann ahmt er eine Explosion nach. „Nach einem Jahr ging ich nach Deutschland zurück und mir wurde klar, dass ich ein Mann ohne Träume bin. Ich begriff, dass ich neue Träume entwickeln musste, in Deutschland.“

Deutschland und was sich dort verändert hat

Über Deutschland möchte Francesca Paci mehr erfahren: „Was ist aus der Sicht eines Migranten heute anders im Vergleich zu 2000, als du nach Deutschland kamst?“
„Viel“, sagt Khider mit sichtlichem Bedauern, „Deutschland hat sich sehr verändert. Damals war ich nur eine irgendwie ungewöhnliche Gestalt, aber niemand ging mir auf die Nerven oder beachtete mich sonderlich. Nach dem 11. September 2001 wurde ich plötzlich zum Verdächtigen. Die Polizei hielt mich an und stellte mir absurde Fragen. Bist du ein Terrorist? Hast du Sprengstoff? Nach ein paar Jahren normalisierte sich die Lage, aber heute ist es wieder wie direkt nach dem 11. September. Auch wenn ich in Deutschland mittlerweile bekannt bin, erhalte ich bei Lesungen aus meinen Büchern manchmal Drohungen, oder auch per E-Mail. In gewisser Hinsicht dringen die politischen Ereignisse ins Privatleben ein. Im Ausland bist du nie allein, du wirst zu einem Vertreter der Kultur, aus der du stammst. Wenn irgendjemand aus dieser Kultur etwas Schlimmes tut, fällt das sofort auch auf dich zurück, obwohl du gar nichts getan hast. Die politischen Parteien nutzen solche Ereignisse aus, um die Wähler zu manipulieren. Ich persönlich bin glücklich, kein Politiker zu sein, aber als Schriftsteller muss ich bestimmte Situationen analysieren. Ich muss beispielsweise Angela Merkel kritisieren, weil sie in den letzten Jahren nur Syrer aufgenommen hat. Was ist mit den anderen? Die eigentliche Herausforderung ist es, eine andere, neue Beschreibung für Flüchtlinge zu finden, denn erst, wenn sie als Menschen betrachtet werden, kann sich etwas ändern. Zu Menschen aus anderen Ländern sollten wir immer freundlich sein, nicht bloß, wenn die Politiker uns das sagen.“
Abbas Khider lächelt weiter, auch als er auf die Fragen aus dem Publikum antwortet, aber unter seiner für einen Iraker ungewöhnlich dunklen Haut, die ihn zum „falschen Inder“ macht, wie es im deutschen Titel des Buchs und im ersten Kapitel anklingt, erahnt man die Gesichter von Aga, von Fadhel, von Alla, die Gesichter all der anderen. All der Migranten, die es nicht geschafft haben, all derer, die Rasul – und Khider selbst – auf der Flucht von Bagdad nach Deutschland haben sterben sehen.