Highlights der Documenta 14 Fünf bemerkenswerte Arbeiten

BEINGSAFEISSCARY, Friedrichsplatz
BEINGSAFEISSCARY, Friedrichsplatz | -

BEINGSAFEISSCARY – Banu Cennetoğlu – Friedrichsplatz

Die Inschrift Beingsafeisscary (Being Safe is Scary, Sicher zu sein ist beängstigend) auf dem Portikus des Fridericianum leiht sich zehn der Aluminiumbuchstaben des ursprünglichen Schriftzugs und fügt ihnen sechs neue, in Bronze gegossene hinzu. Der neue Spruch nimmt ein Graffiti auf, das der Künstler Banu Cennetoğlu in Athen in der Nähe der National Technical University of Athens gesehen hatte, und bezieht sich auf eine in der Politik vielgenutzte Überzeugungsrhetorik, die stärker auf die Wiederholung bestimmter Slogans vertraut als auf die Darlegung von Inhalten.
Die Arbeit spielt so auf die geografische Verlagerung der documenta 14 nach Athen an und unterstreicht damit auch den Wunsch, dort zu beginnen, wo alles angefangen hat, bei der klassischen Kultur, aus der das Konzept Europa hervorgegangen ist, Europas Geschichte wie auch Europas Kolonialismus und Europas Krisen. Die neoklassische Fassade des Fridericianum, symbolischer Ort der Documenta-Geschichte, wird zur Metapher: zum Ausgangspunkt einer Diskussion um neue Beziehungsformen zwischen Staaten, die sich nicht darauf beschränken mögen, bloß den x-ten Slogan zu wiederholen.

Jugoexport, Nine Hour Delay – Irena Haiduk – Neue Neue Galerie

Im obersten Stockwerk der Neuen Neuen Galerie hat Irena Haiduk ein echtes Schuhgeschäft aufgebaut. Die Idee dahinter ist Borosana-Arbeitsschuhe, ein in den 1960er-Jahren in Jugoslawien patentiertes Schuhmodell, das sich besonders für weibliche Arbeit eignet, wieder ins Leben zu rufen. Irena Haiduk, Borosana Shoe Issue, Yugoexport kein Als die Borosana-Schuhe 1969 auf den Markt kamen, wurden sie sofort zur obligatorischen Ausstattung für weibliches Personal im öffentlichen Sektor, da sie während der neuen Stunden Arbeit wirksam die Wirbelsäule schützen. Ihre Produktion wurde mit Beginn der Krise und dann durch den Kriegsausbruch 1991 unterbrochen.
Nun wieder hergestellt, tragen Mitarbeiterinnen der Documenta die Schuhe während ihrer Arbeit. Auch Besucherinnen können die Schuhe erwerben, wenn sie einen Vertrag unterschreiben, mit dem sie sich verpflichten, sie nur während ihrer Arbeitszeit zu tragen, um so die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit wiederherzustellen, oder wenigstens daran zu erinnern.

Die Gesellschaft der Freund_innen von Halit – Neue Neue Galerie

Die Gesellschaft der Freund_innen von Halit Foto © Michael Nast Die Gesellschaft der Freund_innen von Halit ist ein Forschungsprojekt, bei dem sich Verbände, Aktivisten und Künstler mit dem tief verwurzelten Rassismus in deutschen Institutionen und der heutigen deutschen Gesellschaft auseinandersetzen. Ausgangspunkt des Projekts ist die Ermordung des einundzwanzigjährigen Halit Yozgat am 6. April 2006 in einem Internetcafé in Kassel. Der junge Mann war das neunte Opfer einer rassistisch motivierten Mordserie der neonazistischen Terrorzelle NSU.
Die Gesellschaft der Freund_innen von Halit ist Teil des Parlaments der Körper, des öffentlichen Programms der documenta 14, und umfasst Präsentationen und Debatten zum Thema, die in der Rotunde des Fridericianum stattfinden. In den Räumen der Neuen Neuen Galerie hingegen ist die reichhaltige Dokumentation der Gegen-Ermittlungen zum Mord an Halit ausgestellt. Unter dem gesammelten Material widerlegt etwa die Videoinstallation 77sqm_9:26min: von Forensic Architecture im Detail die Zeugenaussage des Verfassungsschützers Andreas Temme, der sich zum Zeitpunkt des Verbrechens in dem Internetcafé befand und vor Gericht aussagte, er habe weder einen Schuss gehört, noch Schießpulver gerochen und auch den Leichnam des jungen Mannes auf dem Boden nicht bemerkt.

Kassel Ingot Project – Dan Peterman – Neue Neue Galerie, Glass Pavilions, KulturBahnhof, Palais Bellevue

Dan Peterman, Kassel Ingot Project, Neue Neue Galerie Foto © Mathias Voelzke Für dieses Projekt hat Dan Peterman eine große Anzahl Eisenbarren hergestellt, und zwar aus Recyclingmaterial, das in Barrenformen gegossen wurde. Diese Praktik bezieht sich auf die klassische Tradition einer Skulptur, verstanden als Arbeit an Form und Inhalt, und hat zugleich einen sozio-ökonomischen Wert, der sich aus dem Gebrauch des Barrenabgusses ergibt, verstanden als Archetyp, ursprüngliche Einheit, Maßeinheit und im erweiterten Sinne Währungsart.
Das Nachdenken über alternative Ökonomien verbündet sich mit dem ökologischen Interesse für Recyclingmaterialien, die, durch Bildhauerei geadelt, einer sonst statischen Praktik eine prozessuale Qualität zurückgeben.
Das Projekt verbindet einige voneinander getrennte Gebäude der documenta 14 und verweist auch auf Athen, wo das Projekt bereits durchgeführt wurde, allerdings wurde dort konzeptuell anspielungsreich Eisen durch Kupfer ersetzt.

The Dust Channel – Roee Rosen – Palais Bellevue

Roee Rosen, The Dust Channel Foto © Daniel Wimmer Im obersten Stockwerk des Palais Bellevue besticht das ironische und ergreifende Video des israelischen Künstlers Roee Rosen. The Dust Channel ist die Geschichte eines jungen bürgerlichen Paars, das seine Liebe zur Sauberkeit und zum Staubsauger als wirksames Mittel, erstere zu gewährleisten, besingt. Die zwanghafte Besessenheit an den Grenzen zum Absurden wird zur Metapher für die Fremdenfeindlichkeit, die den israelischen Staat plagt, wie zahlreiche Verweise auf das Internierungslager Holot und ständige grafische Bezüge auf TV-Flash-News zeigen.