7 Fragen an... Eliana Bambino

Eliana Bambino
Eliana Bambino | © Maria Grazia Mormando

Eliana Bambino wurde 1979 in Apulien geboren. Nach dem Grundstudium der Philosophie absolvierte sie ein Fachstudium in Denkmalpflege. 2010 zog sie nach Rom, um an der Fotoschule Istituto Superiore di Fotografia e Comunicazione Integrata (ISFCI) zu studieren und gleichzeitig Fachkurse als Photo Editor bei Officine Fotografiche zu besuchen. Seit 2015 arbeitet sie als Photo Curator zusammen mit Fotografen an verschiedenen Fotoprojekten sowie in der Recherche, Textbearbeitung, Organisation und Projektentwicklung. Für das Goethe-Institut hat sie die Führungen in der Austellung „25 Jahre Ostkreuz – Agentur der Fotografen“ im Museo di Roma in Trastevere übernommen.

Du hast dich bei der Ausstellung “Ostkreuz” um die Führungen gekümmert. Was ist für dich das Besondere an dem Fotografenkollektiv Ostkreuz?
Ich glaube, das Kollektiv Ostkreuz kennzeichnet insbesondere die Philosophie, mit der sie ihre journalistische und fotografische Dokumentation angehen. Jeder von ihnen interessiert sich für sehr unterschiedliche Themen, und doch verfolgen und entwickeln alle ihre Projekte mit einer humanistischen Weltanschauung, bleiben in der Ostkreuz-Philosophie vereint, nämlich mit Strenge und Engagement in der realen Welt zu leben und auf sie einzuwirken, Dingen und Fragen auf den Grund zu gehen und dabei immer so ehrlich wie möglich sozialen Themen treu zu bleiben. Dass sie alle dieses Prinzip teilen, halte ich für eine der Stärken des Kollektivs, die dessen Geist ausmacht.
 
Wie haben die Besucher reagiert?
Alle Besucher, die an der Führung teilgenommen haben – die ich übrigens lieber als gemeinsame Ausstellungsbesuche definiere, zu denen alle etwas beitragen, schließlich haben wir zusammen mit den verschiedenen Besuchergruppen immer erst die Bilder betrachtet und uns über die verschiedenen fotografischen Werke dann anhand persönlicher Gedanken und Wertungen ausgetauscht –, waren hinterher sehr zufrieden. Abgesehen davon, dass die Ausstellung sehr gut kuratiert und gestaltet war, schätzten die Besucher die thematische Vielfalt all der Geschichten und zeigten besonders großes Interesse am stilistischen Abwechslungsreichtum durch die unterschiedlichen fotografischen Handschriften, was bei einer solchen Gelegenheit, wenn ein Kollektiv ausstellt, ja viel deutlicher sichtbar wird. Weil sie kulturell so stark einbezogen wurden und auch dank der thematischen Vertiefung, waren die Besucher am Ende begeistert, was sich unter anderem daran zeigte, dass alle Führungen etwa zwei Stunden dauerten und die Teilnehmenden ihre diversen Anmerkungen und Debatten manchmal noch außerhalb des Museums fortführten. So viel Beteiligung hatte ich ehrlich gesagt gar nicht erwartet, auch ich war also positiv überrascht.
 
Ostkreuz, 1990 und heute. Gemeinsamkeiten? Unterschiede in der Herangehensweise?
In der Zeitspanne seit der Entstehung der Agentur Ostkreuz in den 90er-Jahren bis heute gibt es meiner Meinung nach keine großen und relevanten Unterschiede zu vermerken. Auch wenn sich verschiedene Mittel und Techniken in der Welt der Fotografie ständig weiterentwickeln und verbessert werden, ist doch was zählt – und wovon ich glaube, dass es über die Zeit beständig und unverändert geblieben ist – die besondere Herangehensweise an fotografische Dokumentation. Heutzutage sind fotografische Stile und Methoden alle vermischt und miteinander verschmolzen, aber wichtig ist doch immer die eigene Sicht auf die Dinge und die Ausdrucksweise, mit der man sie kommuniziert. Es gibt Fotografen mit einem klassischeren, künstlerischen, visionäreren oder extrem zeitgenössischen Auge und vieles mehr. Die Fotografen von Ostkreuz sind alle von der humanistischen Notwendigkeit getrieben, Geschichten zu erzählen; und ich bin absolut überzeugt, dass das jegliche Zeitspanne überschreitet und auch eine ältere Arbeit von ihnen heute noch großen Wert haben kann, trotz des technischen Stils, mit der sie realisiert wurde. Ich neige dazu, die Fotografie an sich für noch zu jung zu halten, als dass man bei ihr sinnvoll von alter und neuer Fotografie reden könnte. In jedem Fall bleibt das gemeinsame Element von Ostkreuz unbestritten die Lebensphilosophie, die, wie ich es vorhin beschrieben habe, im Geist dieses Kollektivs steckt.
 
Wie stellst du dir das Kollektiv Ostkreuz in 25 Jahren vor?
Ganz einfach weiterhin ihrer Philosophie treu, ihrer Herangehensweise und Sicht auf die Welt, mit dem immer aufmerksamen, feinen und realistischen Blick.
 
Hast du ein Lieblingsfoto?
Nein, ich könnte nie ein einziges Lieblingsfoto haben. Als Photo Curator beschäftige ich mich häufig mit Projekten, bei denen Geschichten und Erzählungen durch Fotografie entstehen und sich darüber entwickeln, und sicherlich habe ich bestimmte Werke anderen Werken vorgezogen – so auch bei dieser Ausstellung –, aber einfach, weil sie meinem Empfinden und meinem persönlichen ästhetischen Geschmack näher waren.
 
Gibt es bei den Fotografen von Ostkreuz etwas typisch Deutsches?
Aber sicher! Häufig ergibt der Blick deutscher Fotografen, und das zeigen auch die Werke der Ostkreuz-Ausstellung, Fotografien von großer Strenge, sehr scharf, ästhetisch rein und quasi perfekt, oft sind sie harmonisch so einwandfrei, dass sie schon etwas kühl, aber zugleich betörend wirken. Das ist meine Vorstellung und Wahrnehmung quasi der gesamten großen und schätzenswerten deutschen Fototradition.
 
Was würdest du dir für eine nächste Fotoausstellung in Rom oder in Italien wünschen?
Was ich mir vor allem wünschen würde, ist, dass ihr immer ein großes Publikum beschert sein möge! Ich finde es wirklich wichtig, an einem allgemeinen fotografisch-kulturellen Wachstum zu arbeiten, auf dass die Bevölkerung dieses Landes sich der Fotografie immer mehr nähert, die Bilder zu lesen und bestmöglich in all ihren Bedeutungen zu entziffern lernt. Fotoausstellungen haben das Potential, zur Sensibilisierung der Allgemeinheit für fotografische Ausdrucksweisen beizutragen. Das ist ein langsamer, aber wichtiger Prozess: So könnten alle die eigene Kultur allgemein steigern und zugleich im Besondern einen kritischen Sinn in Bezug auf visuelle Kommunikation entwickeln, auch weil man ja tagtäglich von so vielen Bildern überschwemmt und überwältigt wird. Was ich mir immer wünsche, ist, dass es sowohl von Institutionen als auch von Privatleuten den Willen und das Interesse geben möge, in gute Fotoausstellungen in Italien zu investieren.

  • „Ostkreuz“ im Museo di Roma in Trastevere © Goethe-Institut Italien / Eliana Bambino
    „Ostkreuz“ im Museo di Roma in Trastevere
  • Fotografie von Ute und Werner Mahler im Museo di Roma in Trastevere © Goethe-Institut Italien / Eliana Bambino
    Fotografie von Ute und Werner Mahler im Museo di Roma in Trastevere
  • Fotografien von Maurice Weiss im Goethe-Institut Rom © Goethe-Institut Italien / Eliana Bambino
    Fotografien von Maurice Weiss im Goethe-Institut Rom
  • Fotografie von Heinrich Völkel im Museo di Roma in Trastevere © Goethe-Institut Italien / Eliana Bambino
    Fotografie von Heinrich Völkel im Museo di Roma in Trastevere