Gegenwarten reformieren Die Galassia Luther begeistert im Konservatorium Santa Cecilia

Galassia Luther – Konzert „Silenzi Luterani“
Galassia Luther – Konzert „Silenzi Luterani“ | © Goethe-Institut Italien / Marco Gioia

In tragenden Rollen: der Philosoph Giacomo Marramao, die Musiker des Konservatoriums Santa Cecilia unter der Leitung von Paolo Damiani und das Theaterensemble Il ServoMuto. Alle gemeinsam auf einer außergewöhnlichen Entdeckungsreise in die „Luther-Galaxis“.

Philosophie. Musik. Theater. Der Abend unter dem Titel Galassia Luther gehörte zu einer ganzen Veranstaltungsreihe, die das Goethe-Institut dem fünfhundertjährigen Jubiläum der Veröffentlichung von Martin Luthers 95 Thesen widmete. Ein intellektueller und sinnlicher Feuerhagel, die Erforschung einer Galaxie aus Politik und Religion, Glaube und Kunst, innerhalb von drei Stunden, die in der beeindruckenden Sala Accademica des Konservatoriums Santa Cecilia in Rom blitzschnell vorübergingen.

„Luther ist ein Mann der christlichen Religion, der für die Veränderung der Welt eine entscheidende Rolle spielte, nicht bloß in Deutschland“, eröffnet Professor Marramao den Abend und seine Lectio magistralis, „seine 95 Thesen sind nicht nur eine Auflehnung gegen das Ablass-System, sondern gegen eine Art ‚Heiligenindustrie‘, die selbst nichts Heiliges mehr enthielt, eine Auflehnung gegen die Mondänität des päpstlichen Hofes, dem jede Spiritualität abhanden gekommen war.“ Und dank Luther, wird er später sagen, „wurde in einer Welt, die nach dem Mittelalter in eine Spirale der Mondänität ohne Spiritualität gesogen zu werden schien, der Glaube wieder entflammt.“

Deutschland und Italien, von Dichtern erfundene Nationen

Um Luther in seine Zeit einzuordnen, beginnt Marramao mit dem Titel des Abends, in dem Marshall McLuhans Essay Gutenberg-Galaxis anklingt. „Es war eine gute Entscheidung, diese Veranstaltung Galassia Luther zu nennen und so auf die Gutenberg-Galaxis anzuspielen, denn Luther steht auch für die außergewöhnliche Unternehmung, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen und drucken zu lassen. Luther übersetzt die höchsten Dinge, die man sich vorstellen kann, in die Volkssprache, genau wie es einige Jahrhunderte zuvor Dante mit seiner Göttlichen Komödie getan hat.“ Und wo schon von Dante Alighieri die Rede ist, liegt auch ein Vergleich mit Italien nicht fern. „Politisch haben sich Italien und Deutschland, verglichen mit den anderen großen europäischen Ländern, spät vereinigt, doch waren sie die ersten, die sich kulturell vereinigten. Die einzigen, bei denen die Nationalsprache die der Dichter ist und nicht, wie zum Beispiel in Frankreich und England, die der Könige. Man kann sagen, dass sowohl die deutsche als auch die italienische Nation eine Erfindung der Dichter waren.“

Eine verheerende Tat

Übersetzung und Druck der Bibel und die daraus folgende unmittelbare Zugänglichkeit der Schrift für alle war eine verheerende Tat. Marramao zufolge löste sie eine Welle aus, die dem Körper der Christenheit einen richtiggehenden Bruch zufügte. „Das Heilige Römische Reich, die Res Publica Christiana, war ein Gebiet, das alle Konflikte mit dem Christentum kittete. Seit Luther gibt es diesen Kitt nicht mehr. Und aus diesem Bruch erwachsen ungeheure geschichtliche Prozesse: die religiösen Bürgerkriege, die die Brutstätte des modernen Europa, der modernen laizistischen Staaten waren. Denn auf dem Spiel stand bei den Religionskriegen, dass religiöse Institutionen keine Hegemonierechte über die weltliche Macht erheben. Luther hat diese beiden Sphären voneinander getrennt, chirurgisch.“

Die Geburt des modernen Subjekts, des „freien Subjekts“

Aus dieser neuen europäischen Wirklichkeit entstehen eine ganze Reihe von Phänomenen, mit denen wir noch heute zu tun haben, bis hin zur neuen Rolle der Religionen in Bezug auf Wirtschaft und Politik. „Luthers Grundthema ist die Geburt des ‚freien Subjekts‘, das vor  der Reformation nicht existierte. Mit der gedruckten und in der Volkssprache verfassten Bibel wird die Religion in gewissem Sinne demokratisiert. Jeder ist frei, die Schrift zu interpretieren, in der Intimität des ‚inneren Gerichtshofs‘ des eigenen Gewissens, das individuelle Gericht, wo Gut und Böse gegeneinander antreten. Es gibt für Luther also eine direkte Verbindung zwischen dem Einzelnen und der göttlichen Transzendenz. So entsteht das moderne, von Autoritäten unabhängige Subjekt. Es ist der Beginn eines Prozesses, der in die Moderne führt. Seit Luther genießt der Mensch eine neue Aufmerksamkeit.“

Auch nur ein Mensch

Die von Marramao angeregten Überlegungen wehen auch nach Beendigung seines Vortrags noch lange durch den Saal. Die Geißelung der Sitten der Regierenden, die Demokratisierung der Religion und folglich auch der liturgischen Gesänge, die nun auf Deutsch und nicht mehr auf Latein erklangen und von Luther dem Volk und nicht mehr den Zelebranten anvertraut wurden, stehen in gewissem Sinne auch im Zentrum von Silenzi luterani (Luthers Schweigen), der Komposition von Paolo Damiani im Anschluss an den Vortrag des Philosophen. Silenzi luterani verbindet den äußerst raffinierten Jazz von Damianis Kontrabass, Daniele Tittarellis Saxophonen, dem glanzvollen mehrstimmigen Gesang von Daniela Troilo, Marta Alquati, Daphne Nisi und Laura Siocchetti, Erica Scherls Geige, Lewis Saccoccis Klavier und Francesco Merendas Schlagzeug mit dem Vorlesen einiger Thesen des deutschen Mönchs sowie Stellen aus Pier Paolo Pasolinis Lutherbriefen – eine zuweilen verfremdende, aber sehr wirkungsvolle Synthese.
 
  • Galassia Luther – Grußworte der Institutionen: Roberto Giuliani, Direktor des Conservatorio di Santa Cecilia, und Gabriele Kreuter-Lenz, Länderdirektorin des Goethe-Instituts Italien © Goethe-Institut Italien / Marco Gioia
    Galassia Luther – Grußworte der Institutionen: Roberto Giuliani, Direktor des Conservatorio di Santa Cecilia, und Gabriele Kreuter-Lenz, Länderdirektorin des Goethe-Instituts Italien
  • Galassia Luther – Philosoph Giacomo Marramao während der Lectio Magistralis „Saeculum: l’eredità della Riforma e il destino dell’Europa“ © Goethe-Institut Italien / Marco Gioia
    Galassia Luther – Philosoph Giacomo Marramao während der Lectio Magistralis „Saeculum: l’eredità della Riforma e il destino dell’Europa“
  • Galassia Luther – Konzert „Silenzi Luterani“ © Goethe-Institut Italien / Marco Gioia
    Galassia Luther – Konzert „Silenzi Luterani“
  • Galassia Luther – Theater: „Non un’opera buona“ © Goethe-Institut Italien / Marco Gioia
    Galassia Luther – Theater: „Non un’opera buona“
  • Galassia Luther – Theater: „Non un’opera buona“ © Goethe-Institut Italien / Marco Gioia
    Galassia Luther – Theater: „Non un’opera buona“
Einen würdigen Abschluss des Abends bietet das Theaterstück Non un’opera buona (Kein gutes Werk) des Ensembles Il ServoMuto, Projekt und Regie Mario Scandale, Dramaturgie Michele Segreto, mit Emmanuele Aita, Luisa Borini, Gabriele Genovese und Roberto Marinelli. Mit zuweilen gewollt grotesken Tönen und Bühnengestalten, denken wir nur an den Ablasshändler oder die häufig so symbolisch wie unbestimmte Figuren verkörpernden Schauspieler mit Sturmmasken. Das Stück verweilt bei Luther als Alltagsmenschen, dargestellt als mittlerweile alt und dem Wein verfallen, auf seine Art widersprüchlich. Wie alle Durchschnittsmenschen frönt er Lastern und geht Kompromisse ein, jedoch ohne dass dies den Wert seiner Gedanken und seines Werks auch nur im Geringsten schmälern würde.
 
Und das Schlusswort des gesamten Abends ist vielleicht das Schlusswort von Non un’opera buona, als der Papst Luthers rechte Hand Philipp Melanchthon zu einem (natürlich nie stattgefundenen) Gespräch empfängt. Nach Luthers Tod möchten beide den Religionskriegen, die Deutschland und Europa zerreißen, ein Ende setzen, was nicht geschehen wird. Da sagt der Papst: „Letztlich war Luther auch nur ein Mensch.“