Berlinale Blogger 2018 „Eldorado“. Über die Flüchtlinge von gestern und heute

Eldorado
„Eldorado“ von Markus Imhoof | © Eldorado

In den Jahren des Zweiten Weltkriegs konnte man stolz darauf sein, wenn man jemanden aufgenommen hatte, der vor Krieg oder Verfolgung geflüchtet war. Siebzig Jahre sind seither vergangen und die Welt hat sich geändert.

Natürlich werden Wirtschafts- und Kriegsflüchtlinge häufig miteinander verwechselt, aber zurzeit gibt es kein Land, das die einen wie die anderen gern aufnimmt. Sie stellen ein politisches und gesellschaftliches Problem dar. Das gesamte System ist krank, mit seinen Schleppern, der Mafia, der illegalen Anwerbung von Tagelöhnern. Den Preis dafür zahlen in erster Linie die Migranten, die ihr Leben riskieren in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

„Wir versprechen Ihnen kein Paradies, aber es wird jeden Tag besser“, erklärt ein italienischer Helfer einer Gruppe Afrikaner, die gerade eben aus dem Mittelmeer geborgen wurde, zuerst auf Englisch, dann auf Französisch. Er weiß genau, dass das nicht stimmt, aber im Moment kann er nichts anderes sagen. Das Risiko, dass sie zurückgeschickt oder ohne Aufenthaltsgenehmigung sich selbst überlassen werden, ist extrem hoch. So hoch, dass der Mann besorgt fragt: „Weiß jemand von Ihnen, was ‚Flüchtlingsstatus‘ bedeutet?“

Eldorado „Eldorado“ von Markus Imhoof | © Eldorado Die Szene wird im Film Eldorado ungefähr nach der ersten halben Stunde gezeigt, die Dokumentation von Markus Imhoof ist Teil des Wettbewerbsprogramms der Berlinale 2018. Und während der Film zunächst rein auf das aktuelle Tagesgeschehen Bezug zu nehmen scheint, erzählt er doch auch eine persönliche Geschichte. In den 40er Jahren nimmt die Familie des Regisseurs ein italienisches Flüchtlingsmädchen bei sich in der Schweiz auf. Die Parallelen zwischen den beiden Geschichten sind deutlich und geben der gesamten Handlung Struktur. Welche Phasen durchlebt jeder Migrant, der sein Heimatland verlässt? Gibt es eine Auswahl? Sowie konkret auf die heutigen Geschehnisse bezogen: Wie erfolgt die Bergung der Schlauchboote bzw. ihre unmittelbare Zurückweisung nach Libyen? Wie funktionieren die Camps der Hilfsorganisationen und was machen all die Migranten, deren Flüchtlingsstatus nicht anerkannt wird, die aber auch nicht deportiert werden? Wovon träumen Bootsflüchtlinge wirklich und was geschieht, wenn sie versuchen in ein anderes europäisches Land zu gelangen?

WARUM WIR (NOCH IMMER) ÜBER FLÜCHTLINGE SPRECHEN MÜSSEN

Imhoof gelingt es, all diese Fragen in einem wohlstrukturierten, klaren, wenn auch manchmal etwas zu phrasenhaften Film zusammenzufassen. In einem Beitrag, der nach wie vor notwendig ist, auch wenn wir bereits Dutzende Filme und Dokumentationen über die Flüchtlingskrise gesehen haben (oder sehen könnten). Jedes Phänomen „besteht“ aus Menschen, und jeder Mensch bringt seinen eigenen Rucksack an individuellen Erfahrungen mit, vor allem, wenn er den Großteil seines Lebens im Kampf ums Überleben verbracht hat. Und genau deshalb lässt sich kaum sagen, dass wir „diese Geschichte schon kennen“.