7 Fragen an… Claudia Bedogni von Satine Film

L’ultimo viaggio (Originaltitel: Leanders letzte Reise), Filmstill. Regie: Nick Baker Monteys, D 2017
L’ultimo viaggio (Originaltitel: Leanders letzte Reise), Filmstill. Regie: Nick Baker Monteys, D 2017 | © Claudia Bedogni, Satine Film

Unsere 7 Fragen haben wir diesmal Claudia Bedogni von Satine Film gestellt. Ab 29. März bringt sie „Leanders letzte Reise“ (ital. „L’ultimo viaggio“) von Nick Baker-Monteys in die italienischen Kinos.

Wer steht eigentlich hinter Satine Film?
 
Satine Film ist eine unabhängige Filmverleihgesellschaft, die ich 2013 mit dem konkreten Ziel gegründet habe, Autoren und Filme bekannt zu machen und zu fördern, die filmische Ästhetik mit nicht nur künstlerisch, sondern vor allem auch menschlich wertvollen Inhalten verknüpfen. Die von Satine ausgewählten Filme möchten das Publikum emotional bewegen, wichtige Themen ansprechen und zum Nachdenken anregen. Sie erzählen Geschichten, die berühren und die der Zuseher mit nach Hause nehmen kann, nachdem der Film zu Ende ist und im Saal erneut die Lichter angehen.
 

Wie sind Sie auf den Film „Leanders letzte Reise“ gestoßen?
 
Die Vereinigung German Films, die sich für die Verbreitung deutscher Filme im Ausland einsetzt, organisiert jedes Jahr eine Preview der jüngsten Produktionen und lädt dazu ausländische Filmverleiher aus der ganzen Welt ein. Im Rahmen der Vorführungen in Nürnberg 2017 habe ich so Leanders letzte Reise gesehen und war sofort tief beeindruckt. Die Geschichte von Eduard und Adele hat mich auf unerwartete Weise stark berührt. Und obwohl ich wusste, dass ich für die Bewerbung des Films nicht auf die Teilnahme an wichtigen Festivals zählen konnte, und er angesichts der dramatischen Geschichte und der mangelnden Bekanntheit des Casts in Italien auch keinen „Glamour-Faktor“ bot, habe ich den Film sofort gekauft, um ihn ins Kino zu bringen.
 
 
Was hat Sie dazu bewegt, diesen Film nach Italien zu holen?
 
Wie ich vorhin schon angesprochen habe, basiert Satine Film auf der Überlegung, dass Kino ein einzigartiges und mächtiges Medium ist, um der Welt, die uns umgibt, auf den Grund zu gehen. Filme bieten nicht nur Unterhaltung, sondern auch die Möglichkeit, unseren Horizont zu erweitern. Sie nehmen uns mit auf eine Reise, die unsere Neugier weckt und zur Diskussion anregt, und sie bringen uns dazu, uns mit unseren intimsten Gefühlen auseinanderzusetzen.
 
Leanders letzte Reise verkörpert all das. Der Film ermöglicht uns, aus nächster Nähe, durch die Geschichten der verschiedenen Figuren, mehr über ein dunkles Kapitel der deutsch-russischen Geschichte sowie die aktuelle russisch-ukrainische Frage zu erfahren. Gleichzeitig werden in dem Film komplexe und bedeutsame Themen wie „Identität“ und „Erinnerung“ behandelt. Themen, die über den historischen Kontext der Geschichte hinausgehen, sich von ihm lösen. In Form universeller Betrachtungen, in denen wir uns alle wiederfinden.

 

„Ich habe versucht, die Erinnerungen an den Krieg zu verdrängen, aber ich habe jeden einzelnen Tag meines Lebens daran gedacht“, meint der hochbetagte Protagonist. Es ist ein Film über die Erinnerung. Welche Bedeutung kommt ihr heute zu?
 
Ich wünsche mir sehr, dass vor allem junge Menschen diesen Film sehen. Meine Großeltern mütterlicherseits haben mit den Wehrmachtssoldaten, die ihr Haus besetzt hatten, unter einem Dach gelebt. Mein Großvater väterlicherseits, den ich nie kennengelernt habe, ist im Krieg gestorben und hat meine damals blutjunge Großmutter mit vier Kindern zurückgelassen – mit meinem Vater als jüngstem, er war erst sechs Jahre alt. Und obwohl ich den Krieg nie am eigenen Leib erlebt habe und obwohl meine Angehörigen die Härte dessen, was sie erlitten hatten, nie dramatisiert haben, trugen sie doch zwangsläufig Verletzungen mit sich herum, die auch ich spürte und die mich in der Entwicklung meiner Identität und meiner persönlichen Sensibilität tief geprägt haben. Schon in der Generation meines Sohnes erfolgt die Entwicklung der eigenen Identität auf einer völlig anderen Ebene. Diese Generation distanziert sich stärker von der Vergangenheit der eigenen Familie oder zeigt kein Interesse dafür und kennt die Geschichte nur aus Schulbüchern, ohne die menschliche Tragweite dieser dramatischen Ereignisse vollumfassend zu begreifen.
 
Ich glaube auch aus diesem Grund ist Leanders letzte Reise ein wichtiger Film. Um junge Menschen dazu zu bringen, nach ihren Wurzeln zu forschen, gleich wie wichtig oder dramatisch die entsprechenden Entdeckungen dann sind. Es kann keine Zukunft geben, wenn wir uns unserer Vergangenheit nicht bewusst sind. Die Figur der Enkelin Adele symbolisiert im Film diese Verwandlung. Es ist die Verwandlung einer etwas orientierungslosen Jugendlichen, die sich nicht für „die alten Geschichten der Vergangenheit“ interessiert, in eine junge Frau, der plötzlich vieles bewusst wird und die in Folge ein tieferes und für ihre Zukunft bestimmt besseres Selbstverständnis entwickelt.
 

Der Film wurde zum Teil in der Ukraine gedreht, und zwar im Jahr 2014, als in einer nur zwei Flugstunden von Berlin entfernten Stadt ein neuer Krieg ausgebrochen ist. Ein Thema, das uns damit alle betrifft, heute mehr denn je?
 
Was in den vergangenen Jahren in der Ukraine geschehen ist, ist zum Teil Ergebnis und Folge der deutschen Okkupation 1941. Die Geschichte hinterlässt unweigerlich Spuren, die nur schwer auszulöschen sind. Und die geografischen Grenzen, die nach Kriegen gezogen werden, reichen oft nicht aus, um die verschiedenen kulturellen und sozialen Identitäten, die in einem einzigen Land zusammenleben, umfassend zu beschreiben. Sinnbildlich ist in diesem Zusammenhang die Figur des jungen Lew zu verstehen, der unter dem Druck seiner Familie leidet, wie auch darunter, Position ergreifen zu müssen in einem Konflikt, den er nicht für richtig hält und der ihn der Grundfesten seiner Identität beraubt. Ein Problem, das die Bevölkerung eines jeden Landes treffen kann.

 
Die Reise eines Großvaters und seiner Enkelin zu den Wurzeln ihrer Familiengeschichte. Die Reise als Metapher für Heilung?
 
Großvater Eduard muss sich mit einer Vergangenheit aussöhnen, die ihn stets gequält hat und die es ihm unmöglich gemacht hat, ein glückliches Leben zu führen und seiner Familie Zuneigung zu schenken. Adele muss hingegen aus der Vergangenheit lernen, um ihre eigene Zukunft zu gestalten, um aus dem Teufelskreis eines Schuldgefühls auszubrechen, das sie mittragen musste, und um nicht dessen Gefangene zu bleiben. Für beide hat die Reise eine „kathartische Wirkung“ und wir Zuseher begleiten sie auf diesem Weg, ohne jedoch die Notwendigkeit zu verspüren oder uns anzumaßen, Position zu ergreifen und ein moralisches Urteil abzugeben. Wir fühlen einfach nur mit den beiden mit. Und erleben so jene menschliche Empathie, die über Entscheidungen, Schuldzuweisungen und Verantwortlichkeiten hinausgeht.

 

Claudia Bedogni

Claudia Bedogni © Claudia Bedogni, Satine Film Claudia Bedogni arbeitete als Leiterin der Bereiche Erwerb und Koproduktionen für die öffentliche Produktions- und Vertriebsgesellschaft Istituto Luce / Cinecittà Luce, wo sie sich erfolgreich für neue Fonds zur Förderung internationaler Koproduktionen eingesetzt hat.

Aber erst 2013, mit der Gründung von Satine Film Distribuzione, gelang es Claudia endlich, ihren ursprünglichen Traum zu verwirklichen: die Welt zu bereisen, um die verschiedenen Kulturen jedes Kontinents besser zu verstehen. Für sie war es eine einzigartige Gelegenheit, die verschiedenen Aspekte ihres Lebens an einem Ort der Entdeckung, des Lernens und des Teilens miteinander zu verbinden.