Philipp Winkler Hool

„Hool“ / Philipp Winkler
„Hool“, 66th and 2nd / Philipp Winkler | Copyright: Buchcover, 66th and 2nd; Philipp Winkler, Kat_Kaufmann

Zufrieden, fast stolz auf seine neuen, von einem spezialisierten Zahntechniker maßgefertigten Mundschutz. Er dreht ihn in den Händen, wiegt ihn beinahe. So präsentiert uns Philipp Winkler Heiko, den Protagonisten und Erzähler von „Hool“, seinem ersten Roman, mit seiner Hooligan-Gang im Kleintransporter von Onkel Axel, dem unangefochtenen Anführer der Gruppe, auf der Fahrt von Hannover zum Kampf, dem ‘match’, wie sie es nennen, mit denen aus Köln. Wenn die Heuchelei, Fußballfans zu sein, nicht mehr als Entschuldigung für Prügeleien dient, sondern beinahe nur noch störendes Beiwerk ist.

Es sind fünf Jahre vergangen, seitdem Heiko auch den zweiten Anlauf zum Abitur verpatzt hat. Jetzt arbeitet er als Mädchen für alles im Fitness-Studio von Axel, dem Bruder seines Vaters. Das Studio ist der Ort, an dem alle Fäden für die Planung der Kämpfe zusammenlaufen, doch vor allem ist es Zentrum für den illegalen Handel mit Dopingmitteln. Heiko scheint dazu auserkoren, das Erbe des Onkels anzutreten, oder wenigstens die Führerschaft der Hooligans zu übernehmen, doch er ist in einem Alter, da jede Wartezeit endlos scheint. In dem jede Anweisung des Onkels ihn mit den Zähnen knirschen und an Rebellion denken lässt.

Heiko geht nicht einmal mehr ins Stadion, er verabscheut, was aus dem modernen Fußball geworden ist. Er lebt beim alten Armin vor den Toren der Stadt, hütet exotische Tiere und Kampfhunde, auch hier mehr als einen Schritt von der Legalität entfernt. Seine Familie hat sich aufgelöst, die Mutter abgehauen, der Vater ein unverbesserlicher Säufer, die Schwester ist verheiratet, hat einen Sohn und bemüht sich, ihrem Unglück ein bürgerliches Gewand überzustülpen. Und auch Yvonne ist weg, Yvonne mit dem Lachen, das an diese japanischen, vielleicht chinesischen Schellen im Wind erinnert, jedenfalls wie ein Sommerregen, der direkt aufs Gehirn trommelt, seine Freundin, drogensüchtige Krankenschwester, die ihn nicht mehr sehen will.


Und als wäre das alles noch nicht genug, organisieren Jojo, Ulf und Kai, seine Altersgenossen und engsten Freunde, hinter Axels Rücken eine Strafexpedition zu den verhassten Rivalen aus Braunschweig. Protagonisten, die abgedroschen scheinen, es aber nicht sind, vielleicht weil es an der Zeit war, über sie zu schreiben, ein bisschen Clemens Meyer aus Als wir träumten, aber weniger poetisch, ein bisschen Irvine Welch aus Marabou Stork Nightmares, aber das Leben der Hooligans etwas weniger rau, wird das Buch in drei Episoden erzählt, die anscheinend unverbunden miteinander und völlig ungeordnet sind, in plötzlichen Flashbacks, ein Mosaik aus chaotischen aber wirksamen Episoden, die die Geschichte mühelos tragen, Besäufnisse, erste Male im Stadion, Spielkasinos, Fitness-Center, All-you-can-eat-Restaurants mit mongolischer Speisekarte, Gastspiele in feindlichen Städten und die Erinnerung an den (echten) Selbstmord des Hannoveraner Torwarts Rupert Henke. Dabei sind Heiko und seine Freunde ausgerechnet durch die Erinnerung an zwei andere Selbstmorde für immer miteinander verbunden, dem von Joel, Jojos siebzehnjährigen Bruder, dem „Roberto Carlos Niedersachsens“, der mit seinem Dribbling und seinen Strafschüssen für sie alle einen Traum hatte wahr werden lassen, als er in die Hannoveraner Jugendmannschaft kam, doch dessen kaum begonnene Karriere durch einen Unfall ein jähes Ende fand. Der sich deswegen das Leben nahm. Gefolgt vom Selbstmord seines Vaters Dieter.

Doch nach den letzten Demütigungen, die er von seinem Onkel Axel erdulden muss, und nach dem letzten Kampf mit denen aus Braunschweig, werden es ausgerechnet die Freunde von früher sein, die Heiko mit seinem Scheitern alleine lassen, und einer nach dem anderen ein mehr oder weniger normales Leben aufnehmen, allen Kontakt abbrechen, „Ich habe nichts“, wird er am Ende sagen, und es bleibt ihm nur die Gesellschaft Poborskys, dem Kampfhund, der auf rätselhafte Weise aus dem Käfig fliehen konnte, in den er eingesperrt war. Und der Leser bleibt mit der Erinnerung daran zurück, wie Joels Fußballschuhe geheimnisvollerweise noch nach fast zehn Jahren in den Kabeln der Hochspannungsleitung vor dem Grab hängen, wo die anderen Jungs sie am Tag der Beerdigung hinaufgeschleudert hatten.