Die letzte Reise des Karl Marx Der Mensch hinter dem Denker

Uwe Wittstock
Uwe Wittstock | © Lennart Wittstock

Karl Marx besteigt im Februar 1882 in Marseille ein Schiff mit dem Reiseziel Algier, der Hauptstadt der französischen Kolonie Algerien. Bereits geschwächt durch Krankheit und ein bewegtes Leben macht er sich ein letztes Mal auf und kehrt nach knapp drei Monaten nahezu unerkannt nach London zurück. Der Grund: Bei einem Barbier in Algier lässt er sich vor seiner Rückkehr seinen symbolträchtigen und imposanten Bart abnehmen.

Ausgehend von dieser einschneidenden und zugleich nahezu unbekannten Episode hat der Journalist und Autor Uwe Wittstock eine Biographie der besonderen Art über den großen Philosophen geschrieben.

Alles beginnt mit einer rauen Überfahrt

Karl Marx beim Barbier © EDT Die Schifffahrt war alles andere als angenehm. Die unruhige winterliche See, der Gestank des Dampfers und unbequeme Betten haben dem Gründervater des Kommunismus schwer zugesetzt, als er an einem grauen Februartag 1882 im Hafen von Algier ankommt. Die Ärzte haben ihm diesen Aufenthalt empfohlen, denn die milde Luft des Mittelmeers soll ihm helfen, seine Lungenbeschwerden zu lindern. Doch so ganz wohl ist Marx dabei nicht. Das Zur-Ruhe-kommen fällt ihm schwer, kennt er doch kaum anderes als den fast selbstzerstörerischen Arbeitseifer, mit dem er sich seinem Lebenswerk gewidmet hat. Nur ungern lässt er sich das Schreiben und die damit verbundene innere Aufregung von dem jungen Arzt verbieten, der ihn vor Ort behandelt. Bei alledem spürt er auch, dass das Ende näher rückt. Hinzu kommen die ständigen Sorgen um die Familie.

Die Entdeckung einer vergessenen Seite 

Genau hier setzt auch Wittstocks Bild an, das er in Karl Marx beim Barbier von Marx zeichnet. Entbehrung, Geldsorgen, Flucht und Selbstzweifel zeigen dem Leser eine Seite des Philosophen, die all zu oft hinter der Ideologie und der akademischen Analyse seines Werks verborgen bleibt: seine menschliche Seite. Aus unzähligen Briefen, Artikeln und Notizen rekonstruiert Wittstock Marx’ Werdegang vom rebellischen und zugleich verträumten Studenten zum bewunderten und dennoch verarmten Philosophen im Exil. Vor der vollkommenen Mittelosigkeit schützen ihn nur die jahrzehntelangen Zuwendungen seines finanziell deutlich erfolgreicheren Freundes Engels. Und sie schützen ihn auch davor, seine bürgerliche Fassade aufgeben zu müssen. Bei Wittstock wird deutlich, dass der Denker das Proletariat zwar zum Protagonisten seiner gesellschaftlichen und ökonomischen Analyse macht, doch den persönlichen Umgang mit den Arbeitern scheute. Sein privates Auftreten unterscheidet sich nur wenig von der vom ihm kritisierten Bourgeoisie. Dabei bleibt es auch der Ironie der Geschichte überlassen, dass ausgerechnet einer der komplexesten Ökonomen ein privatwirtschaftliches Desaster war.
 
Doch genau hier liegt die Besonderheit der Biografie: statt mit diesen Ausführungen gegen Marx zu arbeiten oder ihn entzaubern zu wollen, vervollständigt Wittstock ein Bild, das uns bislang verborgen blieb. Seine Brüche, sein Versagen, der Streit mit Weggefährten, aber auch das Wissen über seine Freundschaften und die Liebe führen uns am Ende der Lektüre nicht unbedingt zu Sympathie, jedoch zu etwas Wichtigerem: dem Menschen Karl Marx.
 

Uwe Wittstock

Uwe Wittstock wurde 1955 in Leipzig geboren und ist in Bonn aufgewachsen. Nach seinem Studium in Köln arbeitete bis 1989 als Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in der Literaturredaktion von Marcel Reich-Ranicki. 1989 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für Journalismus ausgezeichnet. In den Folgejahren war er als Lektor im S. Fischer Verlag und als Kulturkorrespondent der Welt tätig. 2005 veröffentlichte er eine viel gelobte Biographie über den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Von 2010 bis 2017 war Wittstock Literaturredakteur des Nachrichtenmagazins Focus. Sein aktuelles Buch Karl Marx beim Barbier erschien 2018.