Manifesta 12 Wir sind alle Palermitaner

Sieverding. Palermo. Katharina Sieverding, Palermo 2018
Sieverding. Palermo. Katharina Sieverding, Palermo 2018 | Foto (Ausschnitt): Klaus Mettig - VG Bild-Kunst Bonn 2018

Palermo als Sinnbild der gegenwärtigen Problematik Europas? Die europäische Wanderbiennale Manifesta setzt sich unter anderem mit Stadtentwicklung, Migration und Überwachung auseinander.

Ein Ort der Utopien?

Migration ist kein neuer Begriff für die Palermitaner. Die Hauptstadt Siziliens war schon immer ein Ort des Aufeinandertreffens von Kulturen, die ihren kulturellen Einfluss in der Stadt hinterlassen haben.
 
So selbstverständlich ist es, dass Leoluca Orlando, langjähriger Bürgermeister von Palermo und überzeugter Menschenrechtler und Mafiabekämpfer, die Carta di Palermo (2015) ins Leben gerufen hat. Ein Dokument, welches die internationale Mobilität zum Menschenrecht erklärt. Für ihn gibt es keine Migranten in der Stadt, denn „Wer in Palermo lebt, ist Palermitaner“, so der Bürgermeister. In der gegenwärtigen Situation Europas, wo neue Grenzen geschaffen werden und nationalistisches Gedankengut auf dem Vormarsch ist, klingt Orlandos Politik fast wie eine Verheißung.
 
Die Botschaft eines friedlichen Zusammenlebens und Austauschs der Menschen wird beispielhaft unter dem Titel The Planetary Garden. Cultivating Coexistence am Botanischen Garten, eines der Hauptorten der Manifesta, präsentiert. Seit 1795 werden dort die unterschiedlichsten Pflanzen erforscht. Wie etwa mit der Arbeit Foreign Farmers (2018) des italienischen Künstlers Leone Contini, der seit zehn Jahren Saaten sammelt, die von den neuen Palermitanern in die Stadt eingeführt wurden. Wie damals Phönizier, Karthager, Griechen, Araber, Römer, Normanen, Spanier ihr eigenes Saatgut eingeführt haben, gedeihen heute Saaten aus verschiedenen afrikanischen und asiatischen Ländern.
 
  • Leone Contini, <i>Foreign Farmers</i> Foto: Katerina Valdivia Bruch
    Leone Contini, Foreign Farmers
  • Leone Contini, <i>Foreign Farmers</i> Foto: Wolfgang Träger
    Leone Contini, Foreign Farmers
  • Leone Contini, <i>Foreign Farmers</i> Foto: Wolfgang Träger
    Leone Contini, Foreign Farmers
 Die Politik der positiven Aufnahme von Migranten ist jedoch nicht unproblematisch wegen der hohen Arbeitslosigkeit in der Stadt. Die Biennale beschäftigt sich mit aktuellen Themen der Migration nach Europa, vergisst dabei aber die lange Geschichte der italienischen Auswanderung. Nach der Gründung Italiens, um 1861, verließen zu unterschiedlichen Perioden massenhaft Menschen das Land.

Visionäre Stadtentwicklung?

Die Biennale findet überwiegend im historischen Zentrum Palermos statt. Verfallene Palazzi erzählen uns von der historischen Bedeutung der Metropole am Mittelmeer.
 
Das vom niederländischen Architekten Rem Koolhaas geleitete Büro OMA hat das Konzept Palermo Atlas für die Biennale entwickelt. Sie enthält eine urbanistische Studie der Stadt, einschließlich der Zwischennutzung von historischen Bauten. Inwiefern diese die zukünftige Stadtentwicklung beeinflussen wird, muss man abwarten.

Palazzo Forcella De Seta: Patricia Kaersenhout, <i>The Soul of Salt</i> Palazzo Forcella De Seta: Patricia Kaersenhout, The Soul of Salt | Foto: Katerina Valdivia Bruch Die deutsche Künstlerin Katharina Sieverding, die seit Jahren die Möglichkeiten großformatiger Fotografie und der Manipulation von Bildern erforscht, war im März 2018 zwei Wochen in Palermo, um ihre Retrospektive am Haus der Kunst vorzubereiten, die zu den Collateral Events der Biennale gehört.
 
Die ehemalige Beuys Meisterschülerin versteht die politische Stellungnahme der Kunst und „war entsetzt über die immer noch sichtbaren Spuren der Zerstörung durch das amerikanische Bombardement“, erklärt der Kurator der Ausstellung und Gründer des Vereins Düsseldorf-Palermo, Michael Kortländer.
 
So gibt es beispielsweise bis heute U.S.-Amerikanische Militärstützpunkte auf Sizilien, die von den Einwohnern stark abgelehnt werden. Die Satellitenkommunikationssysteme der Navy sind weltweit verbunden und werden unter anderem für Drohnenanschläge eingesetzt. Weitere Themen der globalen Vernetzung, wie Überwachung, Gesichtserkennung oder der Ansammlung von Big Data sind unter dem Titel Out of Control Room Teil des Manifesta-Programms.
 
  • Out of Control Room: Filippo Minelli, <i>Across the Border</i>, 2010–heute Foto: Katerina Valdivia Bruch
    Out of Control Room: Filippo Minelli, Across the Border, 2010–heute
  • Out of Control Room: Tania Bruguera, <i>Article 11</i>, 2018 Foto: Katerina Valdivia Bruch
    Out of Control Room: Tania Bruguera, Article 11, 2018
  • Out of Control Room:  Trevor Paglen, <i>„Fanon“ (Even the Dead Are Not Safe)</i>, 2017 Foto: Wolfgang Träger
    Out of Control Room: Trevor Paglen, „Fanon“ (Even the Dead Are Not Safe), 2017
  • Out of Control Room: Tania Bruguera, <i>Article 11</i>, 2018 Foto: Katerina Valdivia Bruch
    Out of Control Room: Tania Bruguera, Article 11, 2018
  • Out of Control Room:  Trevor Paglen, <i>It Began as a Military Experiment</i>, 2017 Foto: Wolfgang Träger
    Out of Control Room: Trevor Paglen, It Began as a Military Experiment, 2017
  • Out of Control Room: Tania Bruguera, <i>Article 11</i>, 2018 Foto: Wolfgang Träger
    Out of Control Room: Tania Bruguera, Article 11, 2018
  • Out of Control Room: Tania Bruguera, <i>Article 11</i>, 2018 Foto: Wolfgang Träger
    Out of Control Room: Tania Bruguera, Article 11, 2018
Sieverdings Retrospektive, Palermo, die vom Düsseldorf-Palermo e.V. organisiert wurde, zeigt autobiografische und politische Arbeiten, aus den Jahren 1969 bis 2017 und die sich an die Themen der Biennale anlehnen. Seit 2016 hat der Verein einen Ausstellungsraum am Cantieri Culturali alla Zisa, eine ehemalige Möbelfabrik, die heutzutage mehrere Kultureinrichtungen beherbergt.
 
Der Verein arbeitet zudem mit dem benachbarten Goethe-Institut Palermo, der Kunstakadamie oder Cre.Zi.Plus, einem Multifunktionsort für Kreative, zusammen. Ziel ist die Förderung des kulturellen und künstlerischen Austauschs zwischen den Städten Palermo und Düsseldorf.

Ich bin Du

  • <i>Sieverding. Palermo.</i> Katharina Sieverding, Palermo 2018 Foto: Klaus Mettig / VG Bild-Kunst Bonn 2018
    Sieverding. Palermo. Katharina Sieverding, Am falschen Ort, Palermo 2018
  • <i>Sieverding. Palermo.</i> Katharina Sieverding, Palermo 2018 Foto: Klaus Mettig / VG Bild-Kunst Bonn 2018
    Sieverding. Palermo. Katharina Sieverding, Am falschen Ort, Palermo 2018
  • <i>Sieverding. Palermo.</i> Katharina Sieverding, Palermo 2018 Foto: Klaus Mettig / VG Bild-Kunst Bonn 2018
    Sieverding. Palermo. Katharina Sieverding, Am falschen Ort, Palermo 2018
  • <i>Sieverding. Palermo.</i> Katharina Sieverding, Palermo 2018 Foto: Klaus Mettig / VG Bild-Kunst Bonn 2018
    Sieverding. Palermo. Katharina Sieverding, Am falschen Ort, Palermo 2018
  • <i>Sieverding. Palermo.</i> Katharina Sieverding, Palermo 2018 Foto: Klaus Mettig / VG Bild-Kunst Bonn 2018
    Sieverding. Palermo. Katharina Sieverding, Am falschen Ort, Palermo 2018
Katharina Sieverdings Kunst war seit Jahren ohnehin politisch engagiert. Ihre Arbeit Deutschland wird deutscher von 1992, die sich gegen das wieder aufkeimende nationalistische Denken nach dem Fall der Berliner Mauer wendet, ist immer noch relevant. 1993 nahm sie an der Wanderausstellung I am You mit Plakaten gegen Fremdenhass teil. Die Flüchtlingsthematik in der Ausstellung wird etwa an der Arbeit Global Desire II. Am falschen Ort (2017) präsent, die das Bild von Zaatari, die größte Siedlung von Syrern in Jordanien, mit dem eines russischen Jagdbombers zur Bekämpfung syrischer Rebellen konfrontiert.

<i>Sieverding. Palermo.</i> Katharina Sieverding, <i>Global Desire II. Am falschen Ort</i>, Palermo 2018 Sieverding. Palermo. Katharina Sieverding, Global Desire II. Am falschen Ort, Palermo 2018 | Foto: Katerina Valdivia Bruch Die Biennale denunziert soziales Unrecht und plädiert für ein harmonisches Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft. Auch wenn das momentan utopisch klingen mag, so ist es doch umso erstrebenswerter.
 

Sieverding. Palermo.

Cantieri Culturali alla Zisa
Haus der Kunst
Via Paolo Gili, 4
90138 Palermo

Manifesta 12, bis zum 4. November 2018 in Palermo, Italien