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Gerda Taro – ein Mädchen von heute
„Das Mädchen mit der Leica“ von Helena Janeczek

„Das Mädchen mit der Leica“ von Helena Janeczek – Detail aus dem Buchcover
„Das Mädchen mit der Leica“ von Helena Janeczek – Detail aus dem Buchcover | © Guanda

Das Mädchen mit der Leica ist Gerda Taro – Kriegsfotografin, sozialistische Aktivistin, eine unabhängige Frau. Gerda fasziniert und sie ist überaus talentiert. 1937, im Alter von nur 27 Jahren, stirbt sie im Zuge ihrer Tätigkeit als Fotografin im Spanischen Bürgerkrieg, den sie mit kämpferischer Leidenschaft dokumentierte.

Von Giovanni Giusti

Gerda Taro war auch die Lebensgefährtin des weltberühmten Fotoreporters Robert Capa. Um die komplexe Persönlichkeit Gerdas, ihre vielen Seiten und Talente umfassend darstellen zu können, präsentiert Helena Janeczek in ihrem Buch – einer Mischung aus Biografie und Roman – drei unterschiedliche Perspektiven. Drei Menschen, die Gerda geliebt haben, kommen hier zu Wort. Auch um Gerda damit aus dem Schatten von Robert Capa treten zu lassen, und zu zeigen, wie wichtig gerade Gerda Taro für die Entstehung der „Legende Capa“ war.
 
„Das Mädchen mit der Leica“ von Helena Janeczek – Buchcover „Das Mädchen mit der Leica“ von Helena Janeczek – Buchcover | © Guanda Tatsächlich war es Gerdas Idee gewesen, aus dem jungen ungarischen Flüchtling und Fotografen Endre Friedmann, der wie sie und alle anderen Protagonisten des Buchs als Jude nach Paris geflohen war, Robert Capa zu machen. Es war Gerda, die sich die Figur Robert Capa samt passender Lebensgeschichte ausdachte, die es ihrer Ansicht nach einfacher machen würde, seine Fotos an europäische und amerikanische Zeitungen zu verkaufen. Ein Pseudonym, das sie anfangs gemeinsam nutzten. Erst viel später wird sich Gerda, geborene Gerta Pohorylle, aus denselben Gründen Gerda Taro nennen.
 
Nach und nach erfahren wir mehr über ihre Geschichte. Zunächst aus den Erinnerungen Willys aus dem Jahr 1960. Er hat sich inzwischen in den Vereinigten Staaten als Kardiologe einen Namen gemacht. Dreißig Jahre zuvor ist er fasziniert von Gerdas Leichtigkeit und erlebt die Liebesgeschichte zwischen ihr und Capa aus nächster Nähe. Seine Erzählung lässt Zweifel am Tod des Mädchens aufkommen, das bei einem Angriff von Francos Truppen von einem republikanischen Panzer überrollt wird. Seinem Beitrag folgen die noch frischen und von Verzweiflung geprägten Erinnerungen von Ruth aus der Zeit kurz nach Gerdas Tod. Ruth ist Gerdas Herzensfreundin seit Jugendtagen, Mitte der 30er Jahre in Paris teilen sie alles miteinander. Es ist eine unbeschwerte Freundschaft – bis zum Schwangerschaftsabbruch von Gerda –, eine Freundschaft, die über kleinen Ressentiments steht. „Über mich haben sich die beiden kennengelernt“, wird Ruth stolz über Gerda und Robert sagen. Und schließlich ist da noch Georg, der schöne, revolutionäre Arzt und Gerdas Lebensgefährte während ihrer Zeit in Paris, der bezüglich Gerda noch etwas mit Willy zu klären hat. Es ist sein Anruf an Willy, viele Jahre danach, aus seinem Büro bei der FAO in Rom, mit dem die Erzählung des Buchs beginnt.
 
Mit großem erzählerischem Geschick setzt Helena Janeczek gezielt auch Bilder ein – was aufgrund der Tatsache, dass sie von Fotografen erzählt, beinahe unumgänglich scheint. Gemeinsam mit ihr blättern wir durch ein altes Album mit auf Karton geklebten Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Viele sind erhalten: Gerda, wie sie fotografiert, wie sie sich schminkt, wie sie sich zum Ausgehen bereit macht, wie sie kämpft und nachts Flugblätter austeilt. Gerda auf einer Bank im Central Park. Hätte sie doch nur überlebt. Dann die Fotos von Capa, wie er sich unbekümmert von einem Kriegsschauplatz zum nächsten bewegt, Fotos von Freunden, von Paris in der Zeit vor dem Krieg, von der schönen Ruth, von Willys idealisiertem Amerika und von einem Rom vergangener Tage, das Georg auf der Vespa besucht hat.
 
Gleichzeitig lächelt uns Gerda vom Cover des Buchs entgegen. Es scheint, als hätte sie soeben, mit bewusst ironischem Unterton, gesagt: „Auch euch ist klar, was meine Leica für die Sache bewirken kann, nicht wahr?“ Und sie zwinkert uns zu. Sie erinnert an ein Mädchen von heute – mit ihrer Jacke und dem modischen Halstuch, dem Glas Rotwein und der Zigarette. Gerda ist so sehr „ein Mädchen von heute“, wäre das Foto nicht von Robert Capa, es wäre ein Selfie. Und wenn wir genau hinsehen, dann schürzt Gerda bereits die Lippen für ein Duckface.
 
Das Buch La ragazza con la Leica von Helena Janeczek wurde 2018 mit dem Premio Strega ausgezeichnet. Die ursprünglich aus Deutschland stammende Schriftstellerin lebt seit über 30 Jahren in Italien.

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