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Interview
Von der Mauer zum besten Europa, das es je gegeben hat

Viktor Elbling – Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Rom
Viktor Elbling – Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Rom | Foto © Deutsche Botschaft Rom

„Gerade in Zeiten, in denen manch  politisches Narrativ eher droht, neue Mauern zu bauen, als bestehende einzureißen, bietet sich die Kultur als Türöffner und Brückenbauer an. Das war auch eines unserer Anliegen in der Deutschen Woche: Uns gegenseitig noch stärker anzunähern.“ Interview mit dem deutschen Botschafter in Italien Viktor Elbling.

Von Maria Grazia Pecchioli

„Non farmi muro!“ war das Motto der Deutschen Woche in Italien mit über 100 Veranstaltungen in 20 Städten. Wie ist diese Initiative, die das Land von Norden nach Süden eingebunden hat, gelaufen?

Wir wollten mit der erstmals in dieser Größenordnung veranstalteten Deutschen Woche vom 6. bis 13. Oktober breite Aufmerksamkeit und Interesse für Deutschland wecken, Schlaglichter auf die deutsche Realität werfen über die bekannten Klischees hinaus, und auch, warum nicht, die eine oder andere Mauer in den Köpfen einreißen. Ich denke, das ist uns gelungen.
 
Wie haben die Römer reagiert?

Rom zeichnet sich durch ein reges kulturelles Angebot aus. Insofern war es für uns eine besondere Herausforderung, das Interesse der Römer für unsere Deutsche Woche zu wecken. Wir sind nicht enttäuscht worden: Allein zur Auftaktveranstaltung am 6. Oktober im Museum MAXXI kamen über 3.000 Besucher, die über den Tag hinweg bis spät in den Abend reges Interesse gezeigt haben. Die bilaterale Zusammenarbeit im Kultur- und Bildungsbereich ist zwischen Italien und Deutschland bereits außergewöhnlich eng. Bei der Deutschen Woche ging es auch darum, die zahlreichen bereits bestehenden Möglichkeiten aufzuzeigen und dann natürlich auch weiter auszubauen. Ich denke, das ist durch den gemeinsamen Großeinsatz der Botschaft und der zahlreichen deutschen Institutionen gelungen.

Sie sind Europäer, Italiener von mütterlicher Seite und Deutscher von Geburt. Welche Meinung haben die Deutschen heute von den Italienern und welche die Italiener von den Deutschen?

Stereotypen sind normal und im Positiven wie im Negativen nun einmal nicht aus dem gesellschaftlichen Diskurs wegzubekommen. Das gilt beileibe nicht nur, aber eben auch für unsere beiden Länder. Wie alle Klischees gilt auch für Deutsche und Italiener, dass holzschnittartige Beschreibungen auf einer Unkenntnis des jeweils anderen fußen. Wer genauer hinsieht, wird merken, dass wir uns trotz aller kulturellen Unterschiede auch ähnlich sind. Das wird nur selten betont. Nehmen Sie zum Beispiel die Sparsamkeit der privaten Haushalte. Der Unterschied liegt im Wesentlichen darin, dass in Italien viel in Immobilien investiert, in Deutschland dagegen auf das Bankkonto eingezahlt wird. Das einzige Gegenmittel gegen verzerrende Bilder vom jeweils anderen ist der direkte zwischenmenschliche Austausch. Als Botschaft tun wir viel, um diesen zu befördern, beispielsweise durch Bürgerdialoge in ganz Italien, von Bozen bis Crotone.
 
Haben Sie im Laufe der Deutschen Woche einen Eindruck davon bekommen, was ein für Europa so wichtiges historisches Ereignis wie der Mauerfall für die jungen Italiener*innen bedeutet? Und denken junge Deutsche anders darüber?

In Italien wird der Mauerfall vor allem mit dem Begriff Freiheit assoziiert. Auch in Deutschland wird dieses epochale Ereignis mit Freiheit im umfassenden Sinn verbunden. Hinzu kommt aber noch mehr, von der Wiedervereinigung von Familien, die über Jahrzehnte durch Zaun und Stacheldraht getrennt waren, bis hin zur Überwindung des Ost-West-Gegensatzes, zur vollen Souveränität des wiedervereinigten Deutschland und der europäischen Einigung – Dinge, die für die Generation der Millenials selbstverständlich sind. Gleichwohl müssen wir uns in Zeiten, in denen von außen versucht wird, Europa zu spalten, und im Inneren nationalistische Tendenzen sichtbar werden, erneut bewusst machen, was wir seit 1989 erreicht haben: das beste Europa, das es je gegeben hat. Deshalb müssen wir alles dafür tun, um dieses Europa zu erhalten und zu stärken.
 
Haben Sie persönliche Erinnerungen an den November 1989? Würden Sie uns erzählen, wie die Tage des Mauerfalls für Sie waren?
 
Ich erinnere mich natürlich an dieses große Ereignis, dass nicht nur Deutschland, sondern auch ganz Europa verändert hat. Ich war zu der Zeit in Bonn, damals Hauptstadt der Bundesrepublik, hatte gerade meine Diplomatenkarriere begonnen. Am Abend des 8. November befand ich mich auf einem kleinen Empfang für junge Diplomaten, als die „Bombe“ platzte: Die Mauer ist gefallen. Niemand aus meiner Generation in Westdeutschland hat damals erwartet, dass so etwas passieren könnte. Und das aus vielen Gründen. Einer der Gründe, sozusagen ein „Erfolg“ der Regierung der DDR, war sicherlich, dass man es geschafft hatte, uns glauben zu lassen, dass die Situation dort sehr viel besser und stabiler  sei, als sie wirklich war, wie wir dann später feststellen konnten.

Sie haben davon gesprochen, dass wir die falschen Mauern, die von Politik, Wirtschaft und Geschichte geschrieben werden, einreißen müssen. Und davon, dass wir uns in einer Zeit der Fragen und des Dialogs befinden. Wie wichtig ist die Rolle der Kultur für das Europa der Zukunft?
 
Gerade in Zeiten, in denen manch  politisches Narrativ eher droht, neue Mauern zu bauen, als bestehende einzureißen, bietet sich die Kultur als Türöffner und Brückenbauer an. Sie eröffnet uns gewissermaßen einen gemeinsamen Boden, auf dem Mauern eingerissen und Klischees demontiert werden können, ohne neue Verletzungen zu reißen, ohne neue Hürden aufzubauen. Das war auch eines unserer Anliegen in der Deutschen Woche: Uns gegenseitig noch stärker anzunähern auf einem Terrain, das Annäherung fördert und die Hinterfragung von Stereotypen ermöglicht.

Gibt es in Rom einen Ort, mit dem Sie sich besonders verbunden fühlen?

Es gibt viele dieser Orte in dieser einzigartigen Stadt: eines ist das Kapitol, weil dort deutsche Archäologen zusammen mit ihren italienischen Kollegen seit nun fast zwei Jahrhunderten graben. Ein weiteres ist sicher das jüdische Ghetto mit seiner zweitausendjährigen Geschichte. Es erinnert uns im Zusammenhang mit der Deportation der römischen Juden daran, wozu Menschen im schlimmsten Fall fähig sind, aber weist auch auf den Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft hin, die heute wieder einen festen und wichtigen Platz in der Stadt hat.

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