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Literatur
Clemens Meyer – Raue Gefühle

 Clemens Meyer
© picture alliance / Geisler-Fotopress

Clemens Meyer stellt sein jüngstes Werk, „Die stillen Trabanten“, vor. Der Autor von „Als wir träumten“ auf Lesereise durch Italien.

Von Giovanni Giusti

Rau sein und anrühren

Rau sein und anrühren – das mag nach einem nicht gerade einfachen Unterfangen klingen, doch Clemens Meyer und seinem Erzählband Die stillen Trabanten (in Italien erschienen unter dem Titel Il silenzio dei satelliti, Keller Editore, übersetzt von Roberta Gado und Riccardo Cravero) gelingt dies voll und ganz.
 
Rau sind die Themen und die Figuren des Bandes, die bei aller Verschiedenheit durch die zerklüfteten, unvollkommenen, also ebenfalls rauen und mehr oder weniger sichtbaren Gefühle zusammengehalten, ja eng miteinander verknüpft werden. Da ist etwa die Enttäuschung und die Sehnsucht nach der Vergangenheit in den heruntergekommenen Trabantenstädten Ostdeutschlands. Oder die Liebesabenteuer, an die zwar angestrengt gedacht wird, die aber nie ausgelebt werden. Oder die Freundschaft, die immer auf sehr berührende Weise erkundet wird. Das Thema Freundschaft liegt dem deutschen Autor am Herzen und ist auch eines der poetischen Zentren seines viel gepriesenen Romans Als wir träumten (italienischer Titel Eravamo dei grandissimi). So bringt uns Meyer auf jeder Seite dazu, mitzufühlen und uns mit seinen Protagonisten zu solidarisieren, die in der ersten Person erzählt oder jedenfalls immer sehr nah herangeholt werden – geradezu aus der Seele heraus in den Blick genommen.

Clemens Meyers schlichte Erzählkunst

Meyers Stil beruht auf einer schlichten Prosa mit plötzlichen Zeitsprüngen zwischen einem Satz und dem nächsten, die der Erzählung einen zuweilen fast märchenhaften Atem geben. Auf diese Art schenkt Meyer uns Geschichten und Figuren, die wir nur schwer wieder vergessen können, und schafft ein zusammenhängendes Universum, in das der Leser vollständig eintaucht.
 
Die Protagonisten der Erzählungen sind alle eher schlicht, es sind einfache Arbeiter, und die jeweilige Arbeit ist wohl eines ihrer Hauptunterscheidungsmerkmale. Sie sind Geflüchtete oder Überlebende wovon auch immer: eines harten Lebens, eines Krieges oder des realen Sozialismus. Sie versuchen sich eine bessere Zukunft zu erträumen, auch wenn sie keinerlei Zukunft zu haben scheinen. Genau wie die Jugendlichen in Als wir träumten, einem Roman, der auch einige Jahre nach seinem Erscheinen nichts von seiner Kraft eingebüßt hat. Wie Christa und Birgitt, ältere Frauen kurz vor der Pensionierung und zufällige Freundinnen, oder der Cousin Karli, der kleine Strandbahnschaffner, oder Hameds Frau, die heimlich im Treppenhaus raucht und sich, ebenfalls heimlich, betrinkt – und dann verschwindet.

Das Schicksal ist ein offenes Ende

Eben diese Lust zu träumen entrückt sie von der trübsinnigen Welt, in der sie leben, als wäre es eine natürliche Folge. Meyers Figuren tun das eine, denken dabei aber an das andere, wenig praktische, für ihr inneres Überleben jedoch grundlegende, sie sind häufig in der Schwebe, im Clinch mit einem Ende, das Gegenwart und Zukunft offen lässt. Vielleicht ein erzählerisches Mittel, vielleicht aber auch das Schicksal, das der Autor ihnen zuschreibt, um nicht zu pessimistisch zu wirken. „Was ist schon gegenwärtig? Gegenwärtigkeit ist eine Legende und ein vollkommen falscher Begriff, wir befinden uns immer wieder woanders“, sagt der Protagonist der herzzerreißenden Erzählung Die stillen Trabanten, die dem gesamten Erzählband den Titel gibt, am Ende seiner Geschichte. Derweil wartet er weiter auf Hameds Frau. Er liebt sie, was er nicht einmal sich selbst eingestehen will. Aber sie wird nie zurückkehren.

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