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30 Jahre Mauerfall
Die Bedeutung des Begrüßungsgelds für die Ostdeutschen

Tommaso Bonaventura. 100 DM – Berlin 2019 © Tommaso Bonaventura
© Tommaso Bonaventura

Der Fotograf Tommaso Bonaventura und die Kuratorin Elisa Del Prete gingen zwei Jahre der Frage nach, wie die Ostdeutschen ihr Begrüßungsgeld, das sie direkt nach dem Mauerfall erhielten, ausgaben. Entstanden ist die Foto- und Video-Ausstellung „Tommaso Bonaventura. 100 marchi – Berlino 2019“, die sehr private Geschichten aus heutiger Sicht erzählt und sich mit dem Alltag vor und nach dem Mauerfall auseinandersetzt.

Von Christina Hasenau

Das Begrüßungsgeld – 100 DM für jeden Ostdeutschen

Seit 1970 zahlte die BRD an jeden Ostdeutschen, der nach Westdeutschland kam, ein jährliches Begrüßungsgeld in Höhe von 100 DM. Mit dem Mauerfall am 9. November hatte nun jeder DDR-Bürger (bis zum 29. Dezember 1989) das Anrecht zur einmaligen Auszahlung.
Ich war 17, in Ost-Berlin aufgewachsen und erlebte den Mauerfall und alle damit verbundenen Veränderungen hautnah mit. Die neuen Möglichkeiten des Konsums verwirrten und überforderten mich. Noch heute erzeugen große Kaufhäuser und Supermärkte in mir eine gewisse Nervosität. Wie sollte ich mich bei ca. 20 verschiedenen Sahne-Joghurts entscheiden?

Als ich am ersten Tag nach dem Mauerfall die 100 DM abholte, stellte ich mir vor allen Dingen die Frage: sparen oder ausgeben? Ich entschied mich dafür, die Hälfte erst einmal zu sparen. Mit der anderen Hälfte schlängelte ich mich auf der Suche nach einem nützlichen und besonderen Objekt durch Bekleidungsgeschäfte, Supermärkte, Haushaltswaren, Elektrogeschäfte. Ich konnte mich nicht entscheiden und tauschte das Gekaufte mehrmals um. Heute kann ich mich nicht mehr erinnern, wofür ich das Geld damals ausgegeben habe und es hatte auch am Ende keine große Bedeutung mehr.

Ein Weihnachtsbaum aus Plastik und andere ganz private Geschichten

Die Ausstellung Tommaso Bonaventura. 100 marchi – Berlino 2019 ist keine Ausstellung, die sich um die Darstellung der gekauften Objekte bemüht. Es geht hingegen um die Frage, in welcher Beziehung die Ostdeutschen zu dem Begrüßungsgeld stehen, welche Themen in Bezug auf den Mauerfall sie noch heute beschäftigen und welchen Einfluss er damals auf ihren Alltag hatte. Die gekauften Objekte bilden schließlich nur den Kontext einer komplexen Aufarbeitung. Tommaso Bonaventura und Elisa Del Prete ist es gelungen, über viele unterschiedliche Kontakte, die wiederum Bekannte und Freunde mitbrachten, Personen aller Altersgruppen zu interviewen und zu fotografieren und ihre persönliche Sicht abzubilden. Wir treffen auf Ingrid, geboren 1933. Sie wuchs im Krieg auf, arbeitete fast 40 Jahre als Lehrerin und verbindet mit dem Leben in der DDR eine lange Zeit des Friedens. Sie holte erst spät ihr Begrüßungsgeld ab und kaufte einen Weihnachtsbaum aus Plastik, den sie noch heute an Weihnachten aufstellt. Wir lernen Mirko kennen, der als Guide für die Panoramainstallation Die Mauer in der Nähe des Checkpoint Charlie arbeitet. Er war beim Mauerfall 9 Jahre alt und ein typisches Wendekind. Ihn beschäftigen die direkten Konfrontationen zwischen Ossi und Wessi sehr. Über die unterschiedlichen Geldwährungen in Ost und West vor dem Mauerfall erzählt er, dass man im Osten schon alles bekam, aber nicht mit richtigem Geld. Man erwarb oft ein Objekt, das man viele Male gegen ein anderes tauschte, bis man endlich den ersehnten Gegenstand hatte, den es offiziell für Geld im Geschäft nicht zu kaufen gab.

Der bisher gewohnte Alltag hörte auf zu existieren

Die interviewten Personen erzählen ihre Erinnerung mit Hilfe der Orte, an denen sie damals lebten und noch heute leben oder die sie aufsuchten, um die Mauer zu überwinden. Einige kehrten im Zuge der Fotos, die Tommaso Bonaventura mit ihnen anfertigte, zum ersten Mal seit dem Mauerfall an jene Orte zurück. Es sind symbolische Orte, die davon berichten, wie sich auf einen Schlag das ganze Leben veränderte. Der bisher gewohnte Alltag mit seinen Regeln hörte auf zu existieren. Viele schildern in ihren Erinnerungen ein Leben vor und eins nach der Wende. Und genau das vermitteln die Fotos und Videos von Tommaso Bonaventura, teilweise sehr radikal, aber teilweise auch poetisch. Der 9. November 1989 war eines der wichtigsten Ereignisse in der jüngsten Geschichte, der noch heute im sozialen, wirtschaftlichen und urbanen Gefüge Ostdeutschlands sehr präsent ist.
 

Daten der Ausstellung:

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