Berlinale-Blogger 2017 Mein glückliches Georgien?

Filmtradition, Musikkultur, eine der schönsten Hauptstädte der Welt: All das kommt zusammen in
Filmtradition, Musikkultur, eine der schönsten Hauptstädte der Welt: All das kommt zusammen in „My Happy Family“, einem feinsinnig inszenierten Emanzipationsdrama von Nana Ekvtimishvili und Simon Gross | Filmstill © Tudor Vladimir Panduru | „My Happy Family“

Georgien hat eine Menge zu erzählen, und es will damit hinaus in die Welt: Die Filme aus der ehemaligen Sowjetrepublik zeigen sich auf der Berlinale formvollendet und kritisch.

Das Filmland Georgien kennen vermutlich nur wenige. Dabei hat die ehemalige Sowjetrepublik eine reiche Filmtradition, eine anerkannte Musikkultur und eine der schönsten Hauptstädte der Welt. All das kommt zusammen in My Happy Family, einem von vielen starken georgischen Beiträgen auf dieser Berlinale. An ihrem 52. Geburtstag verlässt die Lehrerin Manana darin ihre Familie und bezieht eine eigene Wohnung in den Außenbezirken von Tiflis. Die Männer singen ihr Lieder und fragen nach den Gründen, doch Manana hüllt sich in Schweigen.

Das Emanzipationsdrama von Nana Ekvtimishvili und Simon Gross zeigt die Schwierigkeiten, sich gerade einem vordergründig wohlmeinenden Patriarchat zu entziehen. Die feinsinnige Inszenierung erinnert an Otar Ioselliani, den mittlerweile 83-jährigen Meister des georgischen Kinos.

Morbide Schönheit, wunderbare Menschlichkeit

Die morbide Schönheit von Tiflis, einstiger Knotenpunkt von Orient und Okzident, bemüht auch 2+2=22, der neue Essayfilm von Heinz Emigholz. Seine Dokumentation der österreichischen Elektronikband Kreidler, die in einem dortigen Studio ihr neues Album aufnimmt, zeigt allerdings nur, wie wenig das eine mit dem anderen zu tun hat.

Klassische georgische Sangeskunst sieht man dagegen wieder in City of the Sun von Rati Oneli. In der Doku über das ehemalige Industriezentrum Tschiatura wird in einem fort gesungen, getanzt und Theater gespielt – mit irgendetwas muss man sich ja beschäftigen. Eine wunderbare Menschlichkeit tritt hier zutage, in einer einschüchternd schönen Industrielandschaft mit all ihren Wunden.

Selbstkritisch mit der eigenen Vergangenheit

Endgültig in die Vergangenheit geht es in Hostages von Revo Gigineishvili. Der Spielfilm über die Flugzeugentführung von Tiflis im Jahr 1983 kann es mit jeder westlichen Produktion aufnehmen, scheint also eher konventionell geraten. Doch es geht um ein nationales Trauma. Der Traum junger Studenten von Reisefreiheit endete in einem Blutbad. Vielleicht nicht zufällig müssen sich die Überlebenden dieselben Fragen anhören wie Manana in My Happy Family: War euch euer Leben nicht gut genug? Ihr hattet doch alle Privilegien!

Es ist schön, dieser Tage ein Land zu sehen, dass sich derart kritisch mit seiner Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzt. Georgien hat eine Menge zu erzählen, und es will damit hinaus in die Welt.