Streaming Egos Du bist die Maker Faire – Wer kann dir mehr geben?

Maker Faire
© Maker Faire

Im Oktober war Rom Schauplatz der ersten Demonstration gegen eine Maker Faire. An der Universität La Sapienza protestierten Dutzende Studierende gegen die Invasion ihrer Uni durch einen Teil der digitalen Handwerker, die mit ihrer Schau ein Wochenende lang die Hochschule besetzt hatten und für die Unterrichtsräume und Labors geschlossen wurden; von den Studenten wurde Eintrittsgeld verlangt.

Da es sich um Italien in den 2000er Jahren handelt, waren die Gewaltaktionen seitens der Polizei nicht wirklich überraschend für die Studierenden, die sich fragten „Maker Faire – für wen eigentlich?“: Sie fühlten sich von dieser von den großen Elektronikfirmen gesponserten Privatinitiative ausgeschlossen. Ein merkwürdiges Finale für diese doch mit einem friedlichen, eher nerdigen Image behafteten Messe, die seit einigen Jahren einen wichtigen Bezugspunkt beim Aufbau einer neuen, auf Technologie basierenden Sozial- und Arbeitsidentität darstellt. Massimo Banzi di Arduino, einer der Organisatoren und Guru der globalen Maker-Bewegung, definierte die Maker etwas überzogen als „das Erdöl Italiens“, d. h. eine Gelegenheit zum wirtschaftlichen Fortschritt für das ganze Land.

Grenzt es also an selbstzerstörerischen Wahn, wenn man findet, die Maker Faire sei es durchaus wert, dass man gegen sie protestiert? Einen Ausweg aus dem Prekariat zu finden, ist doch nunmehr schon seit Generationen zur fixen Idee der jungen Italiener geworden. Um keine Randexistenz zu führen, so ein auf allen Ebenen im ganzen Land wiederholtes Mantra, muss eine individuelle Subjektivität her, flexibel, unternehmerisch, die sich auf dem Markt verkaufen lässt. Und die Maker Faire verspricht genau das: Eine Zukunft in Reichtum und Emanzipation, gegründet auf technologische Innovation und auf die Aneignung eben jener flexiblen Identität, die in verschiedenen Formen auch in der Rhetorik rund um die Startups, das Coworking oder die Arbeit als Freelancer zu finden ist. Das Beispiel der Maker jedoch zeigt exemplarisch die Rolle der Technologien innerhalb dieser innovativen, flexiblen Subjektivität auf.

Die Maker Faire basiert auf einer deterministischen Vision von Technologie, laut derer technologische Innovation schon per se gut, fortschrittlich und befreiend ist. Bei alldem ist sie aber keineswegs banal, sondern fragt sich im Gegenteil, welche Technologien denn nun sowohl persönlichen Erfolg als auch sozialen Fortschritt garantieren könnten. Und genau das haben die Studierenden von La Sapienza nicht verstanden: Das digitale Handwerk produziert Technologie in kleinem Rahmen, ist benutzerfreundlich, veränderungs- und anpassungsfähig, manchmal sogar open source. Es befördert den Mythos einer persönlichen Technologie, die außerhalb der Kontrolle durch die Bürokratie steht und nicht den Interessen der großen Unternehmen dient; eine „hausgemachte“, freundliche und gemeinschaftliche Technologie, wo jeder zum Erneuerer werden kann. Du bist nämlich der Maker. Wohl war, dass das alles mit dem Geld und der Unterstützung eben jener großen Unternehmen geschieht, die den globalen Hightech-Markt beherrschen, aber letztlich ist die Förderung durch multinationale Riesen wie Intel kaum überraschend, unterhalten doch die Maker Faires seit jeher enge Beziehungen zu den Unternehmen im Silicon Valley. Da genügt es nicht, diese Beziehungen lediglich als ein widersprüchliches Sponsoring-Verhalten oder als einen Versuch der Aneignung zu betrachten.

Die Maker Faire stellt ein Modell der technischen Innovation vor, das teils den auf eine freie Kultur abzielenden Hacker-Bewegungen entlehnt ist, das aber auch für die Hightech-Unternehmen zentrale Bedeutung gewonnen hat. Dieses Modell generiert Profit, in dem es sich die technologische Innovation zunutze macht, eröffnet aber auch Räume, in denen diese Innovation in offener Form stattfinden kann oder muss und involviert jene flexiblen und innovativen Subjekte, die einen Teil des unternehmerischen Risikos zu schultern bereit sind und dafür auf Dinge wie Sicherheit des Arbeitsplatzes oder die Forderung nach Umverteilung des Reichtums verzichten. Erwähnt werden muss jedoch die besondere Rolle des technologischen Ansatzes: Die Maker Faire bringt die Idee in Umlauf, dass Technologie etwas sei, das von den Verbrauchern je nach ihren Wünschen und Bedürfnissen verändert und angepasst werden können muss. Dabei handelt sich nicht nur darum, auf für politische Zwecke geschaffene Technologien zu fokussieren. Ein klassisches Beispiel ist Indymedia, eine der ersten Informations-Websites, bei denen jeder mitmachen und eine Nachricht posten konnte: Indymedia entstand Ende der 90er Jahre im Zuge der Proteste, die den WTO-Gipfel 1999 in Seattle begleiteten und war die direkte Quelle der Inspiration für soziale Netzwerke wie Twitter, die zwar nicht auf derselben Technologie, aber im Grunde auf demselben Prinzip beruhen.

Der heutige digitale Kapitalismus stützt sich immer stärker auch auf den Grundsatz, dass Technologien darauf angelegt sein, ja geradezu verlangen sollen, von jedermann umgestaltet zu werden, um dann Zwecken zu dienen, die ganz verschieden von denen sind, für die sie ursprünglich konzipiert wurden. „Maker Faire – für wen eigentlich? Für alle!“, so die Tweets, mit denen die Organisatoren – kaum überraschend – auf die Proteste von Rom reagierten. Sicher, hinter dem Versprechen einer offenen und direkten Teilnahme an der technologischen Entwicklung verbergen sich durchaus Probleme im Zusammenhang mit der Subjektivität des Kleinst-Unternehmertums; nicht thematisiert wird beispielsweise die Tatsache, dass nur ein verschwindend geringer Teil der Maker ein eigenes Einkommen, geschweige denn einen Profit erzielen kann.

Trotzdem fügt sich die Maker Faire, ebenso wie die Rhetorik die Startups betreffend, (fast) nahtlos in das soziale Gewebe der zweiten Generation des Prekariats ein, die von Politik, Produktion und Gewerkschaften ebenso enttäuscht und verraten wurde wie von den vorhergehenden Generationen, und die doch auf der Suche nach Befreiung ist. Angesichts des Fehlens politischer Vertretung und adäquater Formen der Solidarität, erobern die Antworten die kulturelle Vorrangstellung, die ein individuelles Schicksal in unsere Hand zu geben versprechen, innerhalb dessen die Aneignung von Technologien und nicht von politischen Positionen die Strukturen der Ungerechtigkeit aufbrechen können, in denen diese Generationen gefangen sind. In einem solchen Schicksal rettet man sich selbst und wartet nicht auf das Kollektiv, ganz und gar marktintern und den Stürmen dieses Marktes wehrlos ausgeliefert.