Ausbildung Deutschland Meister der Nachhaltigkeit von morgen

Frederik Breiner | Wallice: Licht zum Atmen: Kohlfadenlampe und Luftbefeuchter in einem
Frederik Breiner | Wallice: Licht zum Atmen: Kohlfadenlampe und Luftbefeuchter in einem | © Frederik Breiner

Angefangen bei Ökologiepionieren bis zu neuen Unternehmensstrategien im Bereich Nachhaltigkeit: Deutsche Hochschulen stellen verantwortliches Handeln zunehmend in den Fokus.

Im Bauhaus Archiv Berlin wurde bis September 2016 von Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Textil der Burg Giebichenstein in Halle eine interessante Modeausstellung gezeigt. Seite an Seite hingen dort Zukunft und Vergangenheit der Modegeschichte, Inovation und Tradition vermischten sich in Kleidung und Stoffen. Neue, smarte Technologien wie 3D-Drucke, veredelte Holzfasern oder recycelte Kunststoffe aus den Werkstätten der Burg mischten sich mit traditionellen Schnitttechniken aus aller Welt. Das sah gut aus, war experimentell und zukunftsorientiert – und ist ein gutes Beispiel dafür, was zurzeit an deutschen Modehochschulen im Bereich Nachhaltigkeit in der Lehre möglich ist.
 
Nicht nur an der Burg Giebichenstein, sondern auch an den großen Mode- und Designhochschulen wie der Kunsthochschule Weißensee in Berlin, der HAW Hamburg oder auch traditionelleren Textilhochschulen wie der HS Niederrhein in Krefeld hat sich etwas verändert. Gerade Letztere stehen dafür, dass nachhaltiges Gestalten nicht mehr in einer „Ökonische“ passiert, sondern zunehmend auch im Highfashion-Bereich angekommen ist.
 
Für den ist zum Beispiel Friederike von Wedel-Parlow zuständig, die an der privaten Esmod Schule in Berlin Professorin für den Masterstudiengang “Sustainability in Fashion“ ist. Sie war selber Teil des Modebusiness, hat bei Vivienne Westwood studiert, ihr assistiert und danach ihr eigenes Label „Von Wedel & Tiedeken“ gegründet, dessen gefeierte Kollektionen als avantgardistisch und tragbar zugleich galten.

  • Amy Ward | Co:knit 2015 © Amy Ward
    Amy Ward | Co:knit 2015
  • Amy Ward | Co:knit 2015 © Amy Ward
    Amy Ward | Co:knit 2015
  • Miriam Laubner | ILUSERISSOQ 2015 Foto und © Gautier Pellegrin
    Miriam Laubner | ILUSERISSOQ 2015
  • Miriam Laubner | ILUSERISSOQ 2015 Foto und © Gautier Pellegrin
    Miriam Laubner | ILUSERISSOQ 2015
  • Remo Polack | REMOFORM Foto © Maria Wallace
    Remo Polack | REMOFORM
  • Remo Polack | REMOFORM Foto © Maria Wallace
    Remo Polack | REMOFORM
  • Alberte Laursen Rothenborg | Manufactum 2016 Foto © Volker Conradus
    Alberte Laursen Rothenborg | Manufactum 2016
  • Daphna Elbee | Manufactum 2016 Foto © Volker Conradus
    Daphna Elbee | Manufactum 2016
  • Ida Urmas | Manufactum 2016 Foto © Volker Conradus
    Ida Urmas | Manufactum 2016
  • Ricardo Garay | Manufactum 2016 Foto © Volker Conradus
    Ricardo Garay | Manufactum 2016
  • Larissa Roviezzo | Manufactum 2016 Foto © Volker Conradus
    Larissa Roviezzo | Manufactum 2016

In ihrer neuen Funktion als Hochschullehrerin sieht sie jetzt eine Zeit gekommen, in der nichts mehr ohne nachhaltige Prozesse funktionierenden wird: „und zwar nicht nur aus dem inneren Kern der Modewelt heraus, sondern auch weil die Kunden das immer mehr wollen und einfordern“, wie sie sagt. Was Kunden, oder noch allgemeiner, was Menschen wollen, ist aber auch noch auf anderer Ebene interessant für neue Studiengänge wie den ihren.

Konsum reduzieren durch gutes Design

Denn neben aller neuen Techniken und Innovationen, die auch in der Esmod gelehrt werden, geht Friederike von Wedel Parlow noch einen Schritt weiter in der Ausbildung: „Es muss auch darum gehen, ein Produkt zu entwerfen, dass eine gewisse Befriedigung schafft. Das bedeutet, den Nutzer viel mehr und viel früher mit einbeziehen in die kreativen Prozesse. Denn nur Kleidung, die wirklich zu ihren Nutzern passt, reduziert den Konsum anstatt ihn immer weiter anzuheizen. Und das ist für mich eine der nachhaltigsten Strategien überhaupt.“

Allerdings gibt es an ihrer Hochschule auch durchaus Studierende, die später in den großen Fast-Fashion-Konzernen arbeiten, denn an der Esmod wird Nachhaltigkeit auch in Verbindung mit neuen Marketing- und Businessstrategien gelehrt: „Wenn sich mit dem hier erlernten Wissen mehr bei den großen Konzernen bewegen würde, hätte wir sicher auch nichts dagegen.“

Erfolgsmodell Nachhaltigkeit

Auch Professorin Karin-Simone Fuhs von der Ecosign-Hochschule in Köln hätte da wohl nichts dagegen, denn Veränderung und Verantwortung sind nicht nur zwei Schwerpunkte ihrer eigenen Arbeit, sondern auch wichtige Grundsätze in ihrem Lehrplan. Im Gegensatz zu anderen deutschen Hochschulen, die oft bestehende Studiengänge um Nachhaltigkeit und Ökologie erweitert haben, ist die Ecosign-Akademie für Gestaltung von Frau Fuhs bereits 1994 als reine Nachhaltigkeitsschmiede gegründet worden. Das geschah nach ihrem eigenen Designstudium in den 1980er Jahren, bei dem Gestaltung auf eine Verkaufsförderungsmaßnahme reduziert wurde und keinen Bezug zur gesellschaftlichen Verantwortung hatte, wie sie sagt.
 
  • Virginia Schneider | Tapcouture 2016 © Virginia Schneider
    Virginia Schneider | Tapcouture 2016 | Ozeanischer Rindenbaststoff wird zu Haute Couture
  • Tina Zimmer | Schnittstelle © Tina Zimmer
    Tina Zimmer | Schnittstelle | Wohnküche für mobile Großstädter
  • Mona Schulzek | Turfroom 2016 © Mona Schulzek
    Mona Schulzek | Turfroom 2016 | Rauminstallation die den ökologischen Fußabdruck der Jeans widerspiegelt
  • Frederik Breiner | Wallice 2016 © Frederik Breiner
    Frederik Breiner | Wallice 2016 | Licht zum Atmen | Kohlfadenlampe und Luftbefeuchter in einem
  • Laura Quarz | quarz.sand 2016 © Laura Quarz
    Laura Quarz | quarz.sand 2016 | Nachhaltig produzierter Sandschmuck aus Köln
  • Julia Thommes | nobox 2016 © Julia Thommes
    Julia Thommes | nobox 2016 | Die ökologische und platzsparende Verpackung für Bütterken und Stulle
  • ecosign Academy Cologne  © ecosign Köln
    ecosign Academy Cologne
Die Möglichkeit gutes Design in Verbindung mit Ökologie zu erlernen gab es da noch nicht. Zwar haben sich in Deutschland seit den 1960er Jahren immer wieder Vordenker mit den Möglichkeiten ökologischen Designs beschäftigt, aber deren Ansätze schlugen sich lange nicht in der Designausbildung nieder.

Der Mensch als Teil des Lehrplans

Das ist heute völlig anders, auch weil engagierte Hochschullehrer wie Karin-Simone Fuhs beharrlich geblieben sind und an die Symbiose von guter Gestaltung und Nachhaltigkeit geglaubt haben. Allein an der Ecosign studieren im Schnitt heute 230 junge Menschen in acht Semestern Design, Fotografie oder Illustration mit nachhaltigem Designansatz. Dieser damals von einigen als schwierig verstandene neue Ansatz, neben Gestaltung auch die Umwelt in den Mittelpunkt zu stellen, ist heute oft Standard auch an anderen Hochschulen. Zu dieser Umwelt gehören für Frau Fuhs allerdings nicht nur verwertbare Ressourcen, sondern auch die Menschen, die mit ihren sozialen und kulturellen Bedürfnissen Teil des Lehrplans sind. Das gilt auch für die Studierenden, die sich an der Ecosign frei entfalten können. Sie sind nicht an einen einmal gewählten Schwerpunkt gebunden, sondern können während des Studiums herausfinden, wo ihre Stärken liegen.
Denn wo, wenn nicht an den Hochschulen können sich die Studierenden ausprobieren – und das dürfte zusammen mit einer gewissen Freiheit in der Gestaltung die Grundlage für jede Innovation sein, auch im Bereich Mode und Nachhaltigkeit.