Kreativität Maker - Von der Garage über das Fab Lab bis zum Unternehmen

Stefano Capezzone ist Maker, er ist ein Unternehmer, der verschiedene Start-up-Unternehmen entwickelt hat, ein Erneuerer im Wortsinn. Er gehört zum inneren Kreis der Vereinigung der Roma Makers, die das erste Fab Lab der Hauptstadt führt, ein Hub im römischen Netz der Fab Labs.

Anfangs verwirren mich all diese Begriffe, Maker, Fab Lab, eigentlich habe ich keine genaue Vorstellung, vom Hörensagen bin ich sicher Opfer eines „fälschlichen Storytellings“, wie Capezzone sagt. Er ist ernsthaft um Verständnis bemüht, während er mir auseinandersetzt, worum es geht, er überhäuft mich mit Erklärungen, während er mich durch Theorie und Praxis führt, zwischen abstrakten aber klaren Ideen der Maker-Bewegung und den äußerst konkreten 3D-Druckern des Fab Labs im Stadtviertel Garbatella.

Kulturelle BewegunG

„Die Maker-Bewegung ist um die Jahrtausendwende in den Vereinigten Staaten entstanden“, sagt Stefano. „Sie ist eine Bewegung der Gegenkultur mit ähnlichen Wurzeln und vielen Analogien zur Hacker-Bewegung. Während sich Hacker vor allem für Software interessierten, interessieren sich Maker vor allem für Hardware, Entwicklung und Herstellung von Dingen unter Einsatz von Technologie und digitalen Maschinen, wobei sie ihre Kenntnisse untereinander austauschen. Parallel zum Begriff Open Source geht es beim Maker um Open Hardware.“ Bis hier scheint alles klar zu sein.
 
„Wer sich Maker nennt, geht von der Erfahrung des Durchschnittsamerikaners der vergangenen Jahrzehnte aus, der überzeugt war, in der eigenen Garage alles selbst herstellen zu können, vom Tisch über den Stuhl bis hin zur Uhr, aber auch Elektronik-Komponenten für Hi-Fi. Mit der Verbreitung ausgeklügelter High-Tech-Objekte wurde es aber immer schwieriger, diese Leidenschaft zu pflegen. So wurde die Herstellung beispielsweise eines Handys sehr viel komplizierter. Makers sind dagegen überzeugt, dass auch High-Tech zugänglich ist, wenn Du Zugang zu Open Source hast. Wenn Du mit anderen zusammen arbeitest und dabei etwas entwickelst, gibt es kein digitales Erzeugnis, das nicht ebenso zu Hause hergestellt werden könnte, wenn man über die entsprechenden Maschinen verfügt. Die Maker-Bewegung tritt schließlich mit der Zeitschrift Make an die Öffentlichkeit, die ihr den Namen verleiht und die Bewegung weltweit bekannt macht, auch durch die Organisation von Maker Faires, Veranstaltungen, bei denen Maker ihre Produkte ausstellen.“
 
Jetzt will ich es ganz genau wissen: Können wir also einen Maker als eine Person definieren, die Teil der kulturellen Bewegung ist, die High-Tech-Objekte für alle zugänglich machen will? „Genau, erst einmal müssen die Dinge aber für den persönlichen Gebrauch hergestellt werden.“

Neues Produktionsmodell

Kreativateliers für die Maker Faire Europe © Stefano Capezzone│FabLab Roma Makers Die Bewegung beschränkt sich aber nicht auf die eigene Garage. „Die Entwicklung macht seit 2005 entscheidende Fortschritte, als die amerikanische Regierung die kulturelle Energie der Maker anerkennt, die in Zeiten sinkender Technologie-Produktion der Industrie zu einem neuen Produktionsmodell führen kann. Den Amerikanern zufolge sind kleine digitale Werkstätten vorstellbar, die in kleinem Maßstab produzieren. Dabei wird die Maker-Bewegung zum kulturellen Mainstream und das Bostoner MIT schafft das Center for Bits and Atoms, an dessen Spitze Neil Gershenfeld steht. Dabei geht es um die Überwindung des aktuellen Wirtschaftsmodells, nach dem Produkte digital im Westen entwickelt werden, wo man eine Datei (Bits) herstellt, die dann nach Fernost geschickt wird, wo das Produkt mit Hilfe von Maschinen, die die Bits interpretieren und in Objekte (Atoms) umwandeln können, hergestellt und montiert wird. Das Endprodukt wird dann wieder im Westen verkauft. Das ist offensichtlich nicht das effizienteste Produktionsmodell. Wenn ich dagegen über ein Netz kleiner Produktionszentren verfüge, kann ich ein personalisiertes Produkt umgehend zum nächsten Verbraucher schicken und damit offensichtlich ein großes Sparpotential freisetzen.“
 
„Ein weiteres wichtiges Element besteht darin, dass Maschinen für die digitale Herstellung in den Werkstätten im Unterschied zu den traditionellen nicht für jedes Produkt neu eingestellt werden müssen. Sie variieren nicht im Verhältnis zu variierten Produkten, d.h. während ich eine Fräsmaschine für jedes neue Produkt anders einstellen muss, kann ich mit dem 3D-Drucker die Datei laden, so dass er das druckt, was ich brauche. Die heutige Maschinen-Generation ist flexibel.“

Fab Labs

Die heutigen Produktionszentren und Werkstätten nennen sich Fab Lab, fabrication laboratory. Der Begriff hat sich aus fabulous laboratory weiterentwickelt, was vielleicht ein bisschen frivol klang. „Das MIT setzt genaue Standards fest, um solche Strukturen aufzubauen. Um sich vom Maker Space zu unterscheiden, muss das Fab Lab über eine Anfangsinvestition hinaus auch Mindeststandards bei der Produktion erfüllen, es muss mit dem gesamten Netz verbunden sein, also in der Lage sein, gemeinsam mit anderen Fab Labs Produkte zu entwickeln, also auch über Standard-Maschinen verfügen. Und es darf keine eigene Business-Struktur sein, d.h. es muss offen für Anregungen von außen sein. Rund um Fab Labs können dann unternehmerische Spin-offs entstehen.
Heute ist Fab Lab eine eingetragene Marke, allerdings wird nichts unternommen, um die Nutzung des Namens durch andere zu verhindern. Die offiziellen Fab Labs gehören zum Netz des Internetportals fablabs.io. Bevor man Teil des Netzes wird, muss man mit ein weiteres Fab Lab als Referenz angeben und mit mindestens drei weiteren in Verbindung stehen. Der Maker, der in einem Fab Lab arbeitet, ist kein Hobby-Heimwerker mehr sondern Teil eines Systems, das an der Umwandlung der globalen Wirtschaft arbeitet.“

Rom und die Makers

Rom ist seit 2013 der europäische Pool der Maker, hier findet die europäische Maker Faire statt, die jedes Jahr mehr Besucher anzieht. Trotz Konflikten mit den örtlichen Institutionen, die die Maker Faire organisieren, ist die Maker-Bewegung in der Stadt sehr stark auch mit verschiedenen erfolgreichen Spin-off-Unternehmen vertreten.
 
„Als Vereinigung der Roma Makers arbeiten wir auch mit verschiedenen Schularten zusammen, die dank des nationalen Digitalschulplans Fab Labs in ihre Lehrpläne aufgenommen haben“, erklärt Stefano Capezzone. „Wenn eine Schule über eine nicht genutzte Werkstatt verfügt, machen wir es wie bei Turnhallen, morgens gibt es Lehrveranstaltungen und am Nachmittag Aktivitäten zu sozialverträglichen Preisen. Der Verein der Roma Makers investiert in den Ankauf der Maschinen und stattet die Schule so mit Fab Labs aus. Wir haben mehr Anfragen, als wir bearbeiten können. Außerschulische Nachmittagskurse werden von Schülern beiderlei Geschlechts vor den Sportkursen besucht. Heute gibt es natürlich mehr Nerds als Sportler unter den jungen Leuten.“ Er lacht, wer weiß, ob leider oder zum Glück.

„Wenn das Fab Lab sich in einer bestimmten Umgebung dank der Schule entwickelt, kann es weitergehen, indem man das Fab Lab an das Netz anschließt. Das gilt aber grundsätzlich für alle Fab Labs. Anfangs geht es darum, die Idee zu verbreiten, um dann um Bildung und Ausbildung, und dann kann es um Unternehmensgründungen gehen, wenn hochwertige Produkte hergestellt werden.“