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Geboren nach ’89 – Reportage Nr. 3
Triest

Von Matteo Tacconi

Die Serbischen Triestiner

In Triest gibt es entlang des Canal Grande einen schmalen Streifen, der eine beeindruckende Konzentration serbischen und jugoslawischen Erbes darstellt. Am Ende des Kanals steht die serbisch-orthodoxe Kirche San Spiridione mit ihren blauen Kuppeln. In der Nähe des Meeres befindet sich der prächtige Palazzo Gopcevich, der die Heimat und Werkstatt eines großen Reeders, Spiridione Gopcevich, war. Und dann ist da noch die Piazza del Ponte Rosso, die Promenade mit dem berühmtesten und geschichtsträchtigsten Markt der Stadt. Als es Jugoslawien noch gab, kamen viele Menschen aus Zagreb und Ljubljana und sogar aus Belgrad zum Einkaufen hierher. Die Grenze zu Italien, obwohl sie auf dem Kamm des Kalten Krieges lag, war ziemlich durchlässig.

Markenjeans waren das begehrteste Produkt: Das Symbol für das moderne Leben, das in dem Land von Tito nicht immer in Reichweite war, obwohl es hier offener und toleranter als in anderen kommunistischen Länder zuging. Die Händler aus Triest verstanden, dass Jeans eine große Sache war, und einige von ihnen wurden damit reich.

Vor San Spiridone treffen wir uns mit Milica Marković und Nikola Sandić, Vertreter der serbischen Gemeinschaft in Triest, die mit fünftausend Menschen den größten Anteil in der ausländischen Gemeinde hat. Milica, geboren 1989, lebt seit 2000 in Triest und ist im Versicherungsbereich tätig. Nikola, geboren 1995, kam 2012 mit seiner Familie hierher. Er ist Student der Diplomatie.
Milica Marković – Nikola Sandić Milica Marković – Nikola Sandić | © Goethe-Institut Italien / Foto: Ignacio María Coccia Beiden hat es in Triest sofort gefallen. „Die historische Präsenz der Serben reicht bis ins achtzehnte Jahrhundert zurück und es gibt die Kirche, die serbische Schule und das Konsulat der Republik Serbien. Ich habe mich hier immer wie zu Hause gefühlt“, sagt Milica. So sieht es auch Nikola: „Die Triestiner kennen die serbische Gemeinschaft und respektieren sie. Und ich denke, deshalb wurde ich immer akzeptiert. Als ich mich an der Schule anmeldete, war ich der einzige Serbe im Unterricht und ich konnte kein Italienisch. Ich hatte nie Probleme mit den Klassenkameraden.“

Città aperta, città chiusa

1719, also vor genau drei Jahrhunderten, proklamierte der habsburgische Herrscher Karl VI. den Freihafen. Eine kleine Küstenstadt sollte sich bald zu einem leistungsstarken Seehafen entwickeln, der tonnenweise Fracht umschlagen kann. Triest zog Einwohner an und wurde ausgesprochen multikulturell. Italienisch, slawisch und österreichisch, kontinental und adriatisch. Ein außergewöhnlicher europäischer Mix, in dem sich jeder wohlfühlen kann.

Seitdem ist viel passiert. Österreich-Ungarn brach zusammen, die Ostgrenze wurde faschistisch, der Zweite Weltkrieg brach aus und Triest verlor viele seiner nicht-italienischen Einwohner. Doch auch heute noch lässt sich diese pluralistische und einladende Stimmung wahrnehmen und sich zu eigen machen, wie die Ereignisse von Milica und Nikola zeigen. Falls es hier noch nicht klar sein sollte, geht unsere Geschichte diesmal, im Gegensatz zu Dresden und Bonn, nicht von 1989 aus, sondern von Europa. Ein Europa, das nicht so sehr im institutionellen Sinne verstanden wird – die EU, Brüssel, die Kommission, Schengen, usw. –, sondern im Sinne des kulturellen und emotionalen Austauschs.

Offene Stadt, ja, aber alles andere als einfach. Die Hauptstadt von Friaul-Julisch Venetien hat ihre Grenzen und ihren Widersinn, erklärt die 1990 geborene Journalistin Lilli Goriup, Mitarbeiterin der lokalen Tageszeitung Il Piccolo. „Wir befinden uns auf der Achse von Kontinent und Meer, Norden und Süden. Das sieht man an den kleinen Dingen. Einmal ist es das Trinken: Hier gibt es sowohl Wein als auch Bier. Der Geist von Triest bleibt vielfältig. Und dennoch schwebt ein Schreckensgespenst über der Stadt, die Folge ungelöster Spannungen. So gibt es zum Beispiel auch heute noch keine richtige Aufklärung der Unterdrückung der Slowenen durch den Faschismus.“ Sie bilden die kleine und historische sprachliche Minderheit mit italienischer Staatsbürgerschaft.

Eines der Symbole dieser Unterdrückung ist der Narodni Dom, das ehemalige Volkshaus und Kulturzentrum der slowenischen Bevölkerung (heute befindet sich hier die Schule für Dolmetscher und Übersetzer der Universität). Das im Herzen der Stadt gelegene Gebäude wurde 1920 von den Faschisten in Brand gesteckt. Gerade wegen der Spannungen des 20. Jahrhunderts ist die slowenisch-triestinische Gemeinschaft eher in sich geschlossen, offenbart ihre sehr aktive Vertreterin Barbara Ferluga, Programmansagerein bei der Rai, geboren 1993. „Die Slowenen bleiben meistens unter sich. Wir besuchen den slowenischen Kindergarten, die slowenische Grundschule, Mittelschule und das slowenische Gymnasium. Man singt im slowenischen Chor und geht in slowenische Sportvereine.

Barbara macht darauf aufmerksam, dass diese Abschottung jedoch eine Reaktion auf die fehlende Offenheit der Italiener ist. „Nur wenige sind bereit, die mentale Mauer zu überwinden, die sie von uns trennt.“ Alles hängt, auch in diesem Fall, von der Bürde des zwanzigsten Jahrhunderts ab – das nahe gelegene Jugoslawien, Tito, der 1945 in Triest einmarschiert, die Foibe-Massaker. Es gibt Menschen in Triest, die Slowenen lange mit einer „fünften Kolonne“, einer subversiven Gruppierung, gleichsetzten.
Barbara Ferluga Barbara Ferluga | © Goethe-Institut Italien / Foto: Ignacio María Coccia Aber etwas ändert sich. „In diesem Jahr kann man zum ersten Mal Slowenisch an der italienischen Mittelschule lernen. Eine Option, die bis vor wenigen Jahren zahllose Kontroversen ausgelöst hätte, heute aber akzeptiert wird. Das gibt Hoffnung“, sagt Riccardo Laterza, Jahrgang 1992, der sich selbst am Aufbau eines Jugendzentrums in Triest beteiligt hat. Ein Ort, an dem sie sich treffen, diskutieren, arbeiten können. Der Verein, der die Initiative fördert, heißt Zeno, wie der Protagonist des berühmtesten Romans von Italo Svevo, eigentlich Ettore Schmitz, der große Gelehrte aus Triest, Jude, Österreicher und Italiener: Hier ist es wieder, das Triest der vielen Seelen, der vielen Europäer.

Auch an den slowenischen Schulen werden Veränderungen wahrgenommen. „Viele Italiener schreiben ihre Kinder an unseren Schulen ein. Das ist sehr schön. Endlich lässt sich ein gemeinsames Gefüge aufbauen“, sagt Barbara Ferluga. Auch sie hat vor, eine Jugendvereinigung zu gründen, die darauf abzielt, Slowenen, Italiener und Serben zusammenzubringen. Vielleicht werden sie und Riccardo Laterza bald zusammenarbeiten.

Die Vergangenheit ist beherrschend, aber einige Leute schauen über den Zaun. Auch auf der anderen Seite der Grenze. Der Grenzübergang zum benachbarten Slowenien, das auch die alte Grenze zu Jugoslawien ist, lässt sich nun einfach passieren. Ljubljana ist seit 2007 Mitglied des Schengen-Gebietes. Die Öffnung der Grenzen markierte das endgültige Ende des Kalten Krieges. Der tägliche Austausch von Waren und Erfahrungen hat sich vervielfacht. Jennifer Mori, geboren 1992, ist eine, die davon profitiert. „Ich bin Mitglied einer Swing-Gruppe. Meine Lehrer sind Slowenen. Wir haben am Donnerstagabend Unterricht und kommen mit dem Auto aus Ljubljana an. Manchmal fahren wir auch nach Slowenien. Die Öffnung der Grenze hat auch diese kleinen europäischen Wertvorstellungen geschaffen“, sagt Jennifer, mit der wir vom Park Giardino Pubblico zum Molo Audace, zwei bekannten Orten in Triest, gehen.
Riccardo Laterza – Jennifer Mori – Lilli Goriup Riccardo Laterza – Jennifer Mori – Lilli Goriup | © Goethe-Institut Italien / Foto: Ignacio María Coccia

In Triest ist 1991 das 1989

Mehr als 1989 war im äußersten Nordosten Italiens 1991 der Wendepunkt – das Jahr vom Ende Jugoslawiens und der Beginn einer Reihe blutiger Kriege. Das Jahr, das jeder, auch die nach ’89 Geborenen, kennt. Lilli Goriup meint: „Die Berliner Mauer ist nicht in meinem Gedächtnis verankert, aber die jugoslawischen Kriege schon. Ich fahre oft nach Bosnien, ich bin mit Sarajevo verbunden.“ Sarajevo, das tragisches Symbol dieser Konflikte war.

Barbara Ferluga erzählt: „Letztes Jahr war ich in Berlin und sah die Überreste der Mauer. Ich war sehr betroffen, aber ich fühle mich 1991 näher. Die Geschichte Jugoslawiens ist eine Geschichte, die ich auch als meine eigene empfinde. Dieses Land war eine Utopie, aber es war interessant.“ Nikola Sandić war ebenfalls vor Kurzem in Berlin. „Beim Besuch einer Ausstellung über die Mauer kam mir der Gedanke, dass 1989 in Jugoslawien bereits Kriegsstimmung herrschte, während Deutsche und Europäer optimistisch auf die kommenden Jahre blickten.“
 
  • Triest, am Ufer © Goethe-Institut Italien / Foto: Ignacio María Coccia
    Triest, am Ufer
  • Triest, Canal Grande © Goethe-Institut Italien / Foto: Ignacio María Coccia
    Triest, Canal Grande
  • Triest, Molo Audace © Goethe-Institut Italien / Foto: Ignacio María Coccia
    Triest, Molo Audace
Milica Marković wurde kurz vor dem Krieg geboren. Sie war, wenn auch nur für kurze Zeit, Bürgerin dieses von der Geschichte verschlungenen Landes. Und ohne Binnengrenzen. „Wenn wir heute nach Serbien fahren, müssen wir die slowenische und die kroatische Grenze überqueren. In der Zeit Jugoslawiens waren diese offen. Es war wie das Reisen im heutigen Europa. Das Europa, zu dessen Bürgern sich Milica und Nikola übrigens seit Kurzem zählen dürfen. Nach einem langen Prozess haben beide den italienischen Pass erhalten.

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