BottoMap Rom Interview mit Carlo Martino

Carlo Martino
© Giorgio Pasqualini

Für diese zweite Folge von BottoMap Rom haben wir Carlo Martino interviewt, Gründer des Studio Martino 5 und Dozent für Industriedesign an der Universität La Sapienza.

Das Flaminio-Viertel, das sich zwischen dem Stadttor an der Piazza del Popolo und den Gebäuden von Renzo Piano und Zaha Hadid erstreckt, strahlt an jeder Ecke die Leidenschaft der Stadt Rom für planerische Gestaltung aus. In der Gegend zwischen den aurelianischen Stadtmauern und dem Tiber bilden die Fakultät für Architektur und Design, eine Museumsmeile und mehrere Architektenbüros einen Ort der Begegnung und des Austauschs für all diejenigen, die sich aus Leidenschaft oder aus beruflichen Gründen mit Design auseinandersetzen.
In einer Querstraße der Via Flaminia treffen wir im Studio Martino 5 dessen Gründer Carlo Martino. Er unterrichtet Industriedesign und ist Fachbereichsleiter der Designhochschule an der Architekturfakultät der Universität La Sapienza.
Mit Professor Martino haben wir über den Markt für Design in unserer Stadt und im Besonderen über die Ausbildung und das berufliche Umfeld gesprochen, die junge Designer in der Hauptstadt vorfinden.

Design zu Zeiten der Wirtschaftskrise

„Zwischen 2009 und 2011 habe ich für die Zeitschrift Disegno Industriale die Beilage Design for Made in Italy. Sistema design nelle imprese di Roma e del Lazio herausgegeben, in der es um eine Analyse des Produktdesigns der römischen Unternehmen ging. Dabei haben wir festgestellt, dass die Krise sich in den letzten Jahren auch auf diesen Markt stark ausgewirkt hat. Damals spielten die Institutionen noch eine stark unterstützende Rolle, und das machte Investitionen in diesem Bereich möglich und sinnvoll. Seither sind viele Firmen umgezogen, andere sind in der Hoffnung, die Krise zu überleben, geschrumpft. Neben den Unternehmen gab es in Rom aber immer auch wichtige Designerbüros, die sich zum Beispiel auf Yacht-Design spezialisiert haben. In diesem Bereich sind wir international führend, das sind alles florierende Unternehmen. Hier finden Experimente ein besonders weites Feld.“

In diesem in Folge der Krise und der politischen wie gesellschaftlichen Besonderheit von starken Kontrasten geprägten Umfeld suchen junge Designer nach der Universität innovative Lösungen, um auf den Markt zu kommen.

„Viele junge Leute betätigen sich in diesem Bereich und es ist kein Zufall, dass die Maker Faire, eine der weltweit wichtigsten Veranstaltungen für Innovationen, ausgerechnet in Rom stattfindet. Einige der jungen Designer der Fab Labs haben keine akademische Hintergründe und das führt zu einer gewissen Lockerung der Beziehungen zwischen den Institutionen und den Designerverbänden.

Auf der anderen Seite hat genau diese Lebendigkeit zahlreiche Brutstätten hervorgebracht, die heute für solide Synergien zwischen Startups und dem institutionellen Produktdesign sorgen. Daran müssen wir aber noch weiter arbeiten.“

Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt

Die Daten über die Chancen von Hochschulabgängern im Bereich des Designs sind widersprüchlich wie die Bereiche, in denen sie tätig sind und die Erfahrungen, die die einzelnen beim Einstieg in den Beruf machen. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Abläufe in fast allen Berufen verändert, umso mehr beim Design, das jung und besonders vom technologischen Fortschritt betroffen ist. Anwendung findet es in den unterschiedlichsten Bereichen, visuelle Kommunikation, Industriedesign, Modedesign usw. Für jeden dieser Bereiche sieht der Berufseinstieg anders aus, je nachdem wie sich die Sparte gerade entwickelt.
 
„Der Abschluss in Design und visueller Kommunikation bedeutet für 72 bis 81% der Absolventen etwa innerhalb eines Jahres einen Arbeitsplatz zu finden, natürlich in der Privatwirtschaft. Das ist ein sehr hoher Wert, der dank eines besonders stark entwickelten Verlegersystems vor allem in der Grafik erzielt wird. Was das Produktdesign in Rom angeht, sind die industriellen Prozesse komplex und die meisten Absolventen im Bereich Industriedesign machen vor allem im Ausland Erfahrungen.

Außerdem gibt es das interessante und sehr verbreitete Phänomen, dass junge Leute sich von sich aus zusammenschließen. Viele Büros sind aus Kollektiven entstanden, die unterschiedliche Kompetenzen in sich vereinen. Das heißt nicht, dass diese Methode in der Lage wäre alle zu vermitteln, die diese Ausbildung haben, aber weder Rom noch Italien sind dazu im Allgemeinen überhaupt in der Lage. Allerdings ist es in einer Zeit, in der es für alle Akademiker schwierig ist, für Kreative leichter, einen Weg zu finden.“

Die Tradition des Made in Italy

Wenn die Welt des Designs sich so verändert hat, stellt sich die Frage nach der Rolle der Tradition in den Entwürfen junger Designer - die Tradition der Materie und des italienischen Handwerks, die den Stil vieler international renommierter Designer der Vergangenheit geprägt haben.

„Die gebildeteren und klügeren Designer sind sich bewusst, dass die Tradition des Made in Italy den Unterschied machen kann und deshalb unterliegen sie weniger der Versuchung von Moden aus dem Ausland, sondern arbeiten lieber von der eigenen Tradition und Geschichte ausgehend, indem sie dem Beispiel vieler europäischer Kollegen folgen - darunter vor allem Niederländer, Portugiesen und Türken - die daraus schöpfen, sie aufarbeiten und den eigenen Schatz an Zeichen und Formen weiterentwickeln.“

Technologischer Fortschritt und immer neue Innovationen lassen durch ihre starke Anziehungskraft auf neue Generationen traditionelle Vorgehensweisen bei Planung und Produktion überholt erscheinen. Dabei stellen sie mitunter Bildungsmodelle in den Schatten, die noch immer inspirierend sein können. Das Bauhaus, das in zwei Jahren sein 100. Jubiläum feiert, war im vergangenen Jahrhundert grundlegender Bezugspunkt für Design, weil es seinen interdisziplinären Ansatz auf den Funktionalismus anwendete.

„Die Verbindung ist noch immer sehr stark, möglicherweise nicht in ausreichendem Maß, um avantgardistische Lösungen hervorzubringen, aber unersetzlich, wenn das Produkt mit großer Kohärenz von Zeichen und Integration der verschiedenen Künste das Ergebnis eines interdisziplinären Umgangs ist, der von der Semiotik bis zur Fotografie reicht. Vielleicht ist vieles davon bereits verloren gegangen. Die größte Gefahr für das Design besteht heute sicher im starken Einfluss von Informatik und Technologie, die sie von den visuellen Künsten zu entfernen drohen, die aber für ästhetische Prozesse von heute unersetzlich bleiben.“