Bottomap Rom Tommaso Garavini von OZ Officine Zero im Interview

OZ Officine Zero
OZ Officine Zero | © Goethe-Institut Italien / Francesco Cicconi

Unsere Recherchen zur Kreativszene in Rom führten uns diesmal in den Stadtteil Portonaccio, wo wir mit einem der interessantesten Vertreter der OZ Officine Zero gesprochen haben.

Jedes Jahr kommen Millionen von Menschen nach Rom, um das archäologische Erbe der Stadt zu bestaunen, das zum Großteil im historischen Zentrum zu finden ist. Aber wer hier lebt, weiß, dass sich die Stadt weit über die alten Stadtmauern hinaus erstreckt. Der Stadtteil Portonaccio befindet sich unweit vom Friedhof Campo Verano, wenige Kilometer östlich der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten. Seinen Namen verdankt er einem antiken, baufälligen Bogen (einem „Portonaccio“ eben), dessen Überreste an den Mauern einer Osteria – der sogenannten „Osteria di Portonaccio“ – bis in die 70er Jahre zu sehen waren.
 
Die unkontrollierte Urbanisierung des Areals in der Neuzeit erfolgte ohne Rücksichtnahme auf die zahlreichen archäologischen Überreste, die Regierung Mussolini hatte den Stadtteil kurzerhand zum Industriegebiet erklärt. Noch heute prägen die Bauten von damals das Gesicht des Viertels.

Von den Officine RSI zu den OZ Officine Zero

In den 20er Jahren wurde in der Via Umberto Parini auf einer Fläche von vier Hektar eine Gebäudeanlage zur Unterbringung der „Officine RSI“ errichtet. Hier kümmerten sich im Auftrag der Staatlichen Eisenbahnen über hundert Arbeiter um die Wartung und Wiederherstellung von Schlafwagen und bearbeiteten Stahl, Holz und Stoffe mit entsprechenden Pressen und Präzisionswerkzeugen. Mit dem Ausbau der Hochgeschwindigkeitsverbindungen brachen jedoch schwierige Zeiten an und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends wurden die Werkstätten schließlich von den Eisenbahnen ausgegliedert und gezwungen, den Betrieb einzustellen. Nach Zahlungen aus der Lohnausgleichskasse, denen die endgültige Kündigung der Arbeiter folgte, besetzten diese die Anlagen und beschlossen, sie der Gemeinschaft zugänglich zu machen. Die OZ Officine Zero wurden gegründet, ein Projekt zur Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten durch die gemeinschaftliche Nutzung von Raum.
 
Die auf dem Gelände vorhandenen Gebäude wurden Handwerkern, Designern, Forschern und Studenten zur Verfügung gestellt. Nachhaltigkeit und Innovation sind die gemeinsamen Werte dieser Arbeitsgemeinschaft, auf ihnen beruht die Philosophie der OZ Officine Zero. So wurden nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft und der Sharing Economy die alten Werkzeuge wieder instandgesetzt und die zurückgelassenen Eisenteile wiederverwendet, um auf diesem Weg das Industriegebiet wiederzubeleben. Dessen Schicksal hängt jedoch auch vom Ausgang der entsprechenden Konkursversteigerung ab, die vom Gericht in regelmäßigen Abständen ausgerufen wird und die das private Grundstück betrifft, auf dem sich die Anlagen heute befinden.

Tommaso Garavini und seine bewegte Geschichte

Einen kleinen Teil der Anlage – die über einen großen schattigen Hof, mit hohen, dicht belaubten Bäumen verfügt – belegt das Studio von Tommaso Garavini. Der Designer aus Rom ist Mitbegründer des Kollektivs Rota-Lab und einer der prominentesten Vertreter des Projekts OZ.
 
„Seit ich klein war, ist Zeichnen eines der wesentlichsten Dinge in meinem Leben. Ich habe viel gezeichnet und an vielen Ausstellungen teilgenommen, habe als Bühnenbildner für das Theater und als Szenograf für das Kino gearbeitet. Dabei habe ich schon immer gesagt, dass künstlerische Betätigung ein ‚hervorragender Psychologe‘ ist, denn wenn du die Notwendigkeit spürst, deine inneren Konflikte zu lösen, ist das mithilfe der Kunst möglich. Als ich älter wurde, wurde vieles einfacher und meine Art mich auszudrücken änderte sich. Die Zweidimensionalität von Bildern fing an mich einzuschränken und ich begann dreidimensionale Formen zu bevorzugen. So landete ich letztlich beim Design, denn Design umfasste alle Aspekte, die ich für mich brauchte, einschließlich der praktischen Komponente.“
 
Die Arbeit von Tommaso spiegelt seine überaus bewegte Lebensgeschichte wieder. Jedes seiner Projekte erzählt durch die verwendeten Materialien – von anderen ausgesonderte, oder einfach von der Zeit gezeichnete Werkstoffe – sowohl von einer Vergangenheit, die es zu erhalten gilt, wie auch von einer Zukunft, die erst noch kommen muss. Diese Besonderheit prägt bis heute den organischen, natürlichen Stil des Designers. Viele seiner Projekte entstehen dabei auf Wunsch eines Auftraggebers, als Einzelstücke, die dem Bedürfnis Rechnung tragen, Standard-Möbel durch personalisierte, außergewöhnliche und langlebige Einrichtungsgegenstände ersetzen zu wollen.
 
  • OZ Officine Zero © Goethe-Institut Italien / Francesco Cicconi
    OZ Officine Zero
  • OZ Officine Zero © Goethe-Institut Italien / Francesco Cicconi
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  • OZ Officine Zero © Goethe-Institut Italien / Francesco Cicconi
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  • OZ Officine Zero © Goethe-Institut Italien / Francesco Cicconi
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  • OZ Officine Zero © Goethe-Institut Italien / Francesco Cicconi
    OZ Officine Zero
„Als Jugendlicher bin ich aus familiären Gründen viel gereist, später habe ich aus Leidenschaft und Neugier viele weitere Reisen unternommen. Je mehr Gebiete du erkundest, umso mehr Material sammelst du auch in deinem Kopf. Meine Zeit als Kind in Afrika – so unglücklich ich dort auch war – hat es mir ermöglicht, eine andere Lebenswelt kennenzulernen und vor allem einen anderen Zugang zur Natur. Ich hatte Kontakt zu ungewöhnlichen Tieren und zu einer Flora, wie ich sie an keinem anderen Ort je gesehen habe. Dann bin ich in die USA gegangen, eine völlig neue Welt, in der ich Dinge entdeckt habe, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Ich bin sehr früh erwachsen geworden, weil ich seit meiner frühen Jugend lernen musste, fernab von zu Hause allein zurechtzukommen. Später bin ich nach Frankreich gegangen und habe dort zum ersten Mal herausragende Handwerksmeister kennengelernt. Tagsüber ging ich ihnen zur Hand und schaute mir ihre Tricks ab, abends experimentierte ich allein in der Werkstatt und stellte mein Können auf die Probe. Jahre später bin ich dann, dank meines Studiums an der Accademia di Belle Arti in Rom, nach Deutschland gezogen, um dort eine wundervolle Schule zu besuchen, die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle in der Nähe von Leipzig. Dort habe ich Szenografie studiert, und das nicht nur auf einer rein theoretischen Ebene. Diese Gelegenheit hatte ich bis dahin nie bekommen, da stets die entsprechenden Werkzeuge und Materialien gefehlt hatten. Am Ende bin ich schließlich nach Italien zurückgekehrt, wo ich zu arbeiten begonnen habe.“

Die Art von Handwerk, die nie aussterben wird

Nachdem er einige Zeit im Bereich Szenografie gearbeitet hatte, beschloss Tommaso, sich zusammen mit dem Designer André Philippe Solari selbstständig zu machen. Die beiden sitzen im Mai 2006 auf einem Steg am See von Castel Gandolfo, als sie beschließen, Rota-Lab ins Leben zu rufen. Später steigen zwei weitere Freunde in das Kollektiv ein: Giorgio Mazzone (Studienabschluss in Printmaking and Photography an der University of the Arts in Philadelphia) und Carla Rak (abgeschlossenes Doktoratsstudium der Kommunikationswissenschaften). In ganz Italien verstreut treiben die vier auf diesem Weg ihre Vision von Design und Handwerk voran, sowohl als Kollektiv wie auch in ihren Einzelarbeiten.
 
„Ich habe den Eindruck, dass momentan zeitgleich zwei unterschiedliche Figuren existieren: die neuen Handwerksmeister, zu denen wir gehören, und die alten. Ich komme oft mit Vertretern der ‚alten Schule‘ in Kontakt und dabei fällt mir auf, dass Traditionsverbundenheit zugleich neue Experimente ausschließt, die aber notwendig sind, um in dieser Branche zu überleben. Design konzentriert sich heute stark auf nicht-materielle Aspekte. Auf einer Konferenz in Neapel, auf der ich vor kurzem teilgenommen habe, wurde ich gefragt: ‚Aber wie lässt sich euer Design-Ansatz angesichts dieser Veränderungen anwenden?‘ Da wusste ich nicht recht, was ich antworten sollte, denn unsere Arbeit – die eng an das Material und dessen Verarbeitung gebunden ist – geht genau in die andere Richtung. Aber ich glaube einfach, dass hochwertiges Handwerk dank seiner Ästhetik und seiner Langlebigkeit ein überaus wertvolles Potenzial in sich birgt. Diese Art von Handwerk kann nicht aussterben.“

Der Berührungspunkt zwischen altem und neuem Handwerk ist laut Tommaso die Technik: Wenn sie auf kreative Weise eingesetzt wird, im Rahmen einer innovativen Idee, kann man damit überraschend tolle Resultate erzielen.

„Eine meiner liebsten Beschäftigungen ist es – und diese Begeisterung teile ich mit den anderen Mitgliedern von Rota-Lab –, verlassene Fabriken wie diese hier aufzusuchen, um dort nach inzwischen veraltetem Material zu stöbern. Die Vergänglichkeit der Zeit ist meine große Leidenschaft. Die Zeit zehrt an den Werkstoffen und verwandelt sie. Hier vor meinem Studio steht ein großer Tisch aus Marmor und Eisen. Ich wurde schon mehrmals gefragt, ob er verkäuflich sei und was er koste. Wenn ich dann den Preis nannte, war die Antwort stets: ‚Aber das ist doch unglaublich viel, der ist ja noch dazu halb kaputt!‘ Aber für mich ist er nicht ruiniert, er hat eine Geschichte und damit einen Mehrwert. Was ich baue, muss lange ‚leben‘ dürfen. Das ist es, was mich erfüllt.“