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Gespräch mit Detlev Claussen
Europäer kann werden, wer Europäer sein will

Europäer kann werden, wer Europäer sein will
Europäer kann werden, wer Europäer sein will | Foto: © Colourbox.de

Im Rahmen des europäischen Projekts „Freiraum“ haben wir den Soziologen und Essayist Detlev Claussen interviewt.

Von Elisa Costa

Jugendliche in Südeuropa möchten konkret wissen, wie sie Vorurteile überwinden und mit ihrer ökonomischen Benachteiligung umgehen sollen, um als europäische Bürger anerkannt zu werden.
 

Zunächst einmal muss man festhalten, dass die europäischen Rechte für alle Europäer gelten und dass sie durch nichts eingeschränkt werden dürfen. Wie man das inhaltlich auffüllt, ist noch eine ganz andere Sache. Das ist eine Frage der konkreten Politik. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass die Jugendlichen sich dessen bewusst sein sollten, dass sie als europäische Bürger einen Anspruch darauf haben, eine gute Ausbildung zu erhalten. Das ist immer auch ein Anspruch auf die nationale Politik. Ich habe kürzlich gelesen, dass die Ausbildungssituation in Italien besonders katastrophal ist. Ich will das aber nicht verallgemeinern, wir haben auch in Deutschland Probleme: Auch da ist die Investition in Bildung viel zu gering und bei uns ist ebenfalls ein großes Problem, dass das Multiethnische einfach nicht ernst genug genommen wird und dass man viel mehr Assistenz braucht. Das ist zunächst einmal eine Frage von Personal und Planung.
 
Die Integration macht Angst, weil wir befürchten, dass viele Rechte, die wir als Bürger haben, durch die Integration beschränkt werden. Gibt es Ihrer Meinung nach Rechte, die wir aufgeben können, wenn das übergeordnete Ziel das Zusammenleben oder eine neue multiethnische Gesellschaft sein soll?
 
Das ist entweder ganz leicht oder ganz schwierig zu beantworten. Ich würde sagen, ganz wichtig ist, dass die Staatsbürgerrechte klar und transparent sind. Das heißt, dass es für jeden klar sein muss, wie man eine Staatsbürgerschaft erwirbt, was dafür getan werden muss, wie man das Staatsbürgerrecht erwerben kann. Das ist zum Teil sehr nebulös, zum Teil sehr autoritär von den Aufnahmebehörden gehandhabt. Das ist kein einfaches Problem, weil wir zurzeit eine Migrationswelle weltweit haben, besonders in Europa. Dabei ist es noch viel dringender geworden, den Zugang zum Staatsbürgerrecht klar zu regeln und mehr gesellschaftliche Flexibilität zu erreichen. Man darf auch nicht verschweigen, dass das hohe Kosten verursacht, aber wir müssen uns das eben auch überlegen: Wo leben wir gerade als Europäer? Nicht nur Italien, sondern ganz Europa grenzt an das Mittelmeer und das Mittelmeer ist auch eine Küste von Deutschland. Das wird in Deutschland oft überhaupt nicht gesehen, aber es ist etwas klares, dass wir sagen müssen: Italien, Griechenland, Spanien haben große, lange Küsten und dafür können wir diese Küstenländer nicht alleine lassen. Das heißt, es handelt sich hier um ein globales europäisches Problem. Ich sehe durchaus die Probleme mit Mittel- und Osteuropa, die dies überhaupt nicht einsehen. Aber das ist eine Frage der politischen Auseinandersetzung, die unbedingt geführt werden muss und wir werden in Europa nicht durchhalten können, wenn wir entscheidende Probleme auf die Dauer ausklammern.
 
Was definiert heutzutage das Recht auf Staatsbürgerschaft bzw. die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft? Was muss ein junger Migrant tun, um sich seinen eigenen Freiraum in Europa zu schaffen? Diese Diskussion wurde neulich wieder sehr intensiv, nachdem Mamoudon Gassama, ein 22jähriger Migrant aus Mali, ein Kind in Lebensgefahr gerettet hat, indem er ein 4-stöckiges Gebäude hochkletterte. Der französische Staatspräsident Macron verlieh ihm die Staatsbürgerschaft und hat ihm einen Arbeitsplatz bei der Pariser Feuerwehr organisiert.
 

Jede Form von Zivilcourage von wem auch immer sollte man immer beloben und unterstützen, aber der Erwerb des Staatsbürgerrechtes mit irgendeiner besonderen Leistung zu verbinden hat irgendetwas sehr paternalistisches. Das finde ich eigentlich nicht schön, das hat einen bitteren Beigeschmack. Wir haben in Deutschland das Problem mit der Abschiebung und das ist ein echtes Problem, dass Leute, die zum Beispiel zu terroristischen Netzen gehören, es zu leicht haben, sich in Europa zu bewegen. Aber das ist eine ganz ernste Maßnahme, die man polizeilich zu regeln hat. Das hat nichts mit Migration zu tun, außer dass die Masse der Migration für Leute dieser Art eine Möglichkeit ist, nach Europa zu kommen. Dass der Aufnahmeprozess nicht transparent ist und dass wir irgendwie auf alle diese trickreichen Geschichten von geldgierigen Schleuserbanden angewiesen sind, ist auch ein schwieriges polizeiliches Problem. Die Öffentlichkeit muss sich darüber im Klaren sein.
 
Die Zukunft der EU wird durch Ungleichheiten, Feindschaften, Polemiken und ein neues Nationalbewusstsein bedroht. Glauben Sie noch an eine Europäische Union?
 
Ich würde sagen, es geht gar nicht um die Idee, sondern um die Praxis. Ich zweifle die Idee gar nicht an, im Gegenteil. Die Praxis hat sehr viel gebracht. Das Leben in Europa ist viel besser geworden, seit wir die europäische Einigung haben, aber es sind viele politische Fehler in den letzten Jahren begangen worden. Es liegt an dem Zusammenbruch der real-sozialistischen Gesellschaften, an einer viel zu schnellen Erweiterung der europäischen Union. Auch die Einführung des Euros, ist nicht gut durchdacht gewesen. Wir müssen jetzt aber damit leben und irgendwie das Beste daraus machen. Ich glaube auch, dass ein ganz wichtiger Gesichtspunkt für die Zukunft ist, dass die Interessen der europäischen Bürger viel mehr berücksichtigt werden sollten als die Interessen des großen Kapitals. Und das müssen wir einfach so offen sagen, auch wenn das altmodisch klingt: Zweifellos ist das große Kapital der Hauptprofitor in Europa gewesen und das hat kein nationales Gesicht. Das ist international und auf allen Ebenen zu sehen. Dass zum Beispiel, der arme osteuropäische Lastwagenfahrer ausgebeutet wird, ist doch für keinen europäischen Bürger ein Vorteil, sondern ein Nachteil. Dass in Rumänien keine Krankenschwester mehr gibt, sondern dass sie alle bei uns sind, das kann auch nicht von unserem Interesse sein. Da muss etwas geschehen und da sind wir wieder beim alten Punkt: Die Ökonomie spielt eine viel stärkere Rolle als vor fünfzig Jahren, so auch die ökonomische Ungleichheit und hier sehe ich wirklich einen ganz großen Handlungsbedarf in Europa. Wenn wir diese ökonomischen Probleme nicht in den Griff bekommen, das heißt auch über verstärkte Regulierung, dann wird Europa als Projekt nicht zu halten sein.
 
Ich habe den Eindruck, Amerikaner sehen uns als europäische Bürger. So auch die Asiaten und Afrikaner. Aber wir Europäer sehen uns nicht als europäische Bürger. Sie haben von „europäischen Bürgern“ gesprochen. Wann kann man sagen „Ich bin ein europäischer Bürger“?
 
Dass es mit den Amerikanern sozusagen besser klappt, dass die Amerikaner sich als Amerikaner verstehen, das hängt an den Institutionen. Obwohl die amerikanischen Institutionen durch die Populisten auch in Frage gestellt werden. Trump ist auch für Amerika ein ganz großer Rückschlag: Er will jetzt sagen, wer Amerikaner sind und dann sollen plötzlich die Migranten, die aus Mexiko kommen, keine Amerikaner mehr werden können. Diese Jagd auf Migranten, die seit 20-30 Jahren in den USA leben, ist mit dem Interesse an populistischer Politik zu verbinden. Europäer kann werden, wer Europäer sein will. Es ist ein subjektives Recht. Das heißt aber auch, wir müssen solche Institutionen haben, wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit. Das muss man anerkennen, das gehört zum Europäer-Sein. Und das gehört auch zum Staatsbürgerrecht. Du kannst Staatsbürger sein, wenn Du nicht die Werte, sondern die gesetzlichen Normen der Institution anerkennst, wenn Du Mitglied dieser Gesellschaft sein willst. Dann ist Integration kein Zwang von oben, von außen, sondern eine freiwillige Entscheidung. Und dann kannst du auch Europäer sein.
 

DETLEV CLAUSSEN

Detlev Claussen im Goethe-Institut Rom am 31. Mai 2018 Detlev Claussen im Goethe-Institut Rom am 31. Mai 2018 | © Goethe-Institut Rom / Foto (Zuschnitt): Francesco Cicconi Prof.em. und Publizist, geboren in 1948 in Hamburg. Studium von Philosophie, Soziologie, Germanistik und Politikwissenschaft an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt a.M., 1978 Promotion zum Dr.phil. an der Universität Hannover; 1985 Habilitation an der Universität Hannover; Lehrtätigkeit an den Universitäten Göttingen, Duisburg und Marburg; von 1994 bis 2011 Lehrstuhl für Gesellschaftstheorie, Kultur- und Wissenschaftssoziologie am Institut für Soziologie der Universität Hannover. Er lebt in Frankfurt am Main. 

Von 1966 bis zu seiner Selbstauflösung Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), von 1973 bis 1990 Mitglied im Sozialistischen Büro (SB) und Redaktionsmitglied der Zeitschrift links.

Arbeitsschwerpunkte: Kritische Theorie, Antisemitismus, Xenophobie, Nationalismus, Rassismus, Migrationsbewegungen, Kultur- und Wissenschaftssoziologie, Gesellschaftstheorie und Psychoanalyse.
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