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Im Schatten
Polesien, Belarus

Belarus
Foto: Andrej Liankevich

In den breiten Sumpfgebieten Polesiens, im Süden Belarus‘, ist das Leben innerhalb der Dörfer noch sehr von vorchristlichen Traditionen geprägt.
Fast nur noch ältere Frauen leben hier, vergessen und weit weg von der Urbanisierung und Globalisierung.


Andrei Liankevich:
Polesien verstehen

Ende September 2018, letzte Reise
Eine Reise nach Polesien ist immer wieder ein Abenteuer und eine Neuentdeckung, die das Verständnis von und über Belarus erweitert. Ich habe ca. 30 Häuser besucht, und überall sah es wie vor 20-30-40-50 Jahren aus. Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Polesien ist wirklich einzigartig.
Denn es ist ein eigenständiger „Kulturkreis“ mit einem besonderen zeitlichen Rhythmus und einer eigenen Sprache und Kommunikation. In die Unterhaltungen und Scherze zwischen den Dorfbewohnern werden oft derbe und vulgäre Ausdrucksweisen wie „Schwein“, „Hure“ usw. gemischt.
Alle wissen, dass dies gegenüber dem Gesprächspartner nicht so gemeint ist und geben dem anderen die Möglichkeit, auf gleiche Weise zu antworten und es fehlt bei dieser Art der Konversation auch nie an Respekt. Doch um das zu glauben, müsste man selbst dabei sein.
Auch nach dem Konzert im Dorfverein von Pogost fliegen bei Tisch des Öfteren Wortgefechte hin und her, möglicherweise an jene gerichtet, die nicht am Trinkgelage teilnehmen oder nach einer gelungenen Aufführung nicht mitfeiern. Da hat es auch keinen Sinn, irgend eine Art von Ausrede wie Krankheit, Alter oder eingenommene Medikamente vorzubringen. Jede Viertelstunde wiederholt sich dieselbe Szene und endet auf die immer gleiche Weise: alle trinken, wenigstens ein bisschen.
Man wird ohne Ausnahme in jedem Haus eingeladen Platz zu nehmen, bekommt etwas zu essen angeboten und ein Geschenk zum Mitnehmen: Walnüsse, deren Ernte in diesem Jahr besonders gut ausfiel, einen riesigen Dörrfisch oder Kürbiskerne, die man an langen Winterabenden knabbern kann.

Im Spätherbst ist die Ernte in Polesien schon eingebracht. Alles dreht sich um Kürbisse und ihre Kerne, die in riesigen Mengen angebaut werden. Die ganzen Felder sind gelb von Kürbissen, die noch eingeholt werden müssen oder abgeschnitten auf dem Feld zurückgelassen werden. Sie verfaulen und dienen als Bodendünger für das kommende Jahr.
Gänse. Enten. Hühner. Von ihnen gibt es in jedem Dorf jede Menge. Sie werden groß gezogen, geliebt und gegessen.
Die alte Katia Pancenia erzählt mit einer Mischung aus Nostalgie, Abscheu und Belustigung, wie sie einmal einem Hahn den Hals umdrehte und ihn dann auf dem Boden liegen ließ. Als sie abends im Bett lag, fiel ihr kurz vor dem Einschlafen der Hahn wieder ein, den sie zwischendurch vergessen hatte. Sie stand auf und suchte ihn, aber er war nicht mehr dort, wo sie ihn liegen gelassen hatte.
Sie dachte, die Hunde der Nachbarn hätten ihn mitgenommen. Als sie ins Haus trat, saß er in einer Ecke des Zimmers ... Sie begann zu beten und bekreuzigte sich. Diese Wiederauferstehung des Hahns war ihr einfach unerklärlich. Sie sprach mit ihm und bat ihn um Verzeihung, dass sie versucht hatte, ihn zu töten. Als sie sich ihm näherte, sah sie, dass der Hahn infolge seiner Todeszuckungen an der Zimmerwand gelandet und dort geblieben war. Für immer, denn er war schon kalt.
All dies erzählte sie unter viel Gelächter und Frohsinn, denn am Ende ist ja alles gut ausgegangen …

Geschickte Hände, die hier jeder besitzt, schenken traditionell angefertigte Tücher oder Tischdecken. Man darf das Haus eines Paliasciuk (Polessier) nie ohne Geschenk verlassen: auch das ist ein Gesetz der hiesigen Kultur.
Nirgendwo sonst in Belarus sind die Häuser auf diese Weise dekoriert: handgemachte Stickereien nehmen jeden Raum ein, egal ob an der Wand, auf dem Bett oder am Fußboden...
Ich fragte, wie es möglich sei, dass Menschen, die ein derart hartes Leben führen, auch noch die Zeit zum Sticken finden.
Eine Stickerin gab mir die einfache Antwort auf diese Frage: man macht es abends. Sie erzählte mir, dass sie nach dem Tod ihres Sohnes ohne Unterlass Stickereien in bunten und grellen Farben anfertigte. Es war wie eine Psychotherapie, die ihr half, nicht durchzudrehen und lebensmüde zu werden.


Andrei Liankevich:
Zweite Reise nach Polesien

07.-12. Juni
“Wir haben seit April keinen Regen” berichten die Einheimischen gelassen. Hier inmitten der belarussischen Moore rechnen die Einwohner damit, dass die Brunnen innerhalb eines Monats trocken sein werden und dass es kein Wasser mehr geben wird. Wir sind in Polesien, der geheimnisvollsten und gleichzeitig mildesten Region Belarus. In den Dörfern isst man noch aus gusseisernen Töpfen, unterhält sich in einem Sprachenmix aus ukrainisch-polnisch-belarussisch und hat „Chaikas“ in den Höfen stehen: Boote, mit denen man in den guten alten Zeiten einkaufen, zur Schule und zur Arbeit fuhr. Die Boote stehen auch für den Fall von Hochwasser bereit.
Freitag - Zarudzie. In den Höfen herrscht Stille. Die alten Leute halten sich in der Kühle der Holzhäuser auf, deren Inneres mit blumengeschmückten Tüchern behangene Ikonen und die klassischen sowjetischen Sofas zieren. Einige wenige sind im Gemüsegarten anzutreffen.
“Meine Beine tun mir weh, ich habe mich zum Ausruhen ein wenig hingelegt” sagt Großmutter Ania mit wachen Adleraugen. Sie bittet uns hinein. Ihr Mann und ihr Sohn sind tot. Die Töchter leben in Minsk und kommen sie oft besuchen. Die einst mit prächtigen handgewebten Stoffen dekorierten Räume wurden in der Tat in eine Stadtwohnung verwandelt. Sie strickt, die Nachbarinnen sticken. Was könnte eine einsame Frau auch im Winter anderes machen als stricken und fernsehen.

Wir treffen Natallia Lukinishna, eine Lehrerin für die belarussische Sprache: “Ich wollte Journalistin werden” sagt sie und freut sich, unter Leuten zu sein und Gäste zu haben. Ryhor Baradulin (Poet der klassischen belarussischen Literatur) hat mir davon abgeraten. Aus diesem Grund habe ich stattdessen die Fakultät für Philologie besucht.” Natalia lässt sich mit ihren Gänsen fotografieren. Dann begleitet sie uns zu der neunzigjährigen Galina Jakauleuna, deren Vater noch vor dem Ersten Weltkrieg nach Amerika ausgewandert ist, um dort Arbeit zu suchen.
Unser Weg folgt dem Verlauf des wichtigsten Wasser-Ökosystems des Südens Belarus, Bug-Prypiat. Im Frühling wird hier ebenso wie vor 100 Jahren noch alles überflutet. Polesien verwandelt sich in ein Meer. Die Einheimischen, die die Geschichte von Herodot kennen, schließen nicht aus, dass der Altgrieche mit seiner Behauptung Recht hatte, wonach es in dieser Region einstmals ein Meer oder einen großen See gab. Denn woher soll sonst das ganze Wasser kommen?!
Samstag - Kudrichi. Das (Insel-)Dorf, das erst Ende der 90er Jahre durch den Bau der Straße von der Zivilisation erreicht wurde. Nur hier kann man noch die berühmten Häuser mit Binsendächern sehen.
Sonntag - Lakhauka. Wir frühstücken mit Omeletts, Quark-Pfannkuchen und Filterkaffee. Als sich diese 80jährige Frau ohne Kopftuch fotografieren lässt, sieht sie gleich dreißig Jahre jünger aus, und es werden Erinnerungen an die Zeit wach, als sie sang und sich der Kunst widmete. Ihr Mann war derart gutherzig, dass er nie eifersüchtig war. Und sie hatte so viele Kleider. Aber diesen Winter wurden sie alle von den Mäusen zerfressen.

Livio Senigalliesi:  
Der Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist

Meine Reise nach Polesien, 12.-21. Mai  
Die Prypjatsümpfe sind ein ausgedehntes Sumpfgebiet an den Ufern des Flusses Prypjat, das sich über 480 km zwischen dem Süden Belarus und dem Nordwesten der Ukraine erstreckt. Die Bevölkerungsdichte ist sehr niedrig und die wenigen noch bewohnten Dörfer finden sich verstreut in der wilden Natur. Diese Abgeschiedenheit führt dazu, dass uralte, zum Teil vorchristliche Sitten und Bräuche bis heute Bestandteil des Alltagslebens sind. Selbst die Sprache der Bewohner unterscheidet sich vom Belarussischen. Sie wird „Tresianka“ genannt, eine Mischung aus Russisch, Belarussisch und Litauisch, deren Wurzeln weit zurückreichen. Den Bewohnern der Region, „Polishchuks“ genannt, werden daher besondere Eigenschaften zugesprochen: sie seien besonders widerstands- und anpassungsfähig.
Denn sie leben ein Leben wie aus anderen Zeiten, in Einklang mit der Natur, mit dem Lauf der Jahreszeiten und sie behalten einzigartige Traditionen und naturverbundene Lebensarten bei. Ihre Entdeckung ist ein wahres Abenteuer gewesen, bei dem wir außerordentliche Menschen kennengelernt haben, voller Menschlichkeit und mit ungewöhnlichem Charakter. Ihre Lebensrhythmen sind vollkommen anders als die typischen Rhythmen der modernen und industrialisierten Welt. Unsere Reise hat es uns ermöglicht, Zeugnisse (Fotos, Geschichten, Filme) zu sammeln, die ein Gut darstellen, zu dessen Verbreitung und Schutz wir verpflichtet sind.

Auf der Straße nach Pinsk
Die Hauptstadt Minsk hinter uns lassend, durchqueren wir kilometerlange Raps- und Weizenfelder. Unterbrochen nur von dichten Wäldern, die bis an die Straße heranreichen und ich kann mir kaum vorstellen, wie sehr sich wohl die Landschaft im Winter verändert, wenn „die langen Nächte“ und Schneestürme alles umhüllen. Die Zeit vergeht wie im Fluge, während ich mit Maxim – unserem erfahrenen Reiseführer und Dolmetscher – über die  sprachlichen Wurzeln Polesiens spreche. „Erste Spuren der polesischen Sprache finden sich im XIX. Jahrhundert. Sie stellte eine Brücke dar  zwischen den baltischen Sprachen und den slawischen Sprachen, die in diesen Regionen gesprochen wurden".
Ankunft im Dorf Vialikaya Hats (Großer Sumpf). Von hier stammen die Vorfahren von Maxim. Er ist für mich daher die ideale Begleitung für diese Forschungsreise, bei der wir seltene Zeugnisse einer uns unbekannten, vom Aussterben bedrohten Welt sammeln möchten. Vom alten Dorf, das als „Tor Polesiens“ gilt, ist nur wenig übriggeblieben. Wir besuchen den Friedhof mit antiken, orthodoxen Kreuzen. An diesem verlassenen und stillen Ort tauchen auf einmal wie von Zauberhand zwei alte Bäuerinnen auf. Sie schauen uns verblüfft an. Maxim geht auf sie zu und spricht in der einheimischen Sprache mit ihnen. Katsiaryna Konzum (73) und Basulay Marija (75) sind die letzten beiden Bewohnerinnen des Dorfes.
 „Hier lebten einmal 600 Bauern mit ihren Familien. Sie arbeiteten alle im Kolchos (landwirtschaftliche, staatliche Kooperativen). Die jungen Leute sind nun alle weggegangen und die alten sind gestorben. Nur wir zwei sind übriggeblieben, aber wir grämen uns nicht. Wir mähen weiter das Futter für die Kühe und sähen Weizen, um Brot zu backen. Wir sind stark. Wir leisten uns Gesellschaft und bleiben standhaft.“

Spaziergang auf dem Lenin-Platz
Wir erreichen Pinsk bei Sonnenuntergang. Von der Musik und vom Gesang der Volkslieder angezogen, nähern wir uns der Bühne auf dem Lenin-Platz. Vier junge Tänzerinnen in Tracht posieren gerne für den ausländischen Fotografen: Violeta, Veronica, Marija und Mazdina. Zum Folklore-Ballett Polesiens zu gehören, erfüllt sie mit Stolz und ich merke, dass in diesem Winkel der Erde die Traditionen eine starke soziale Verbindung zwischen den Generationen schaffen.
In einem prächtigen Gebäude – dem ehemalige Jesuitenkolleg – besuchen wir in Begleitung von Svetlana das ethnografische Museum. Svetlana kennt jedes Ausstellungsstück und erzählt dessen Geschichte mit Leidenschaft. Besonders bedeutend sind die traditionellen Kleider und Stoffe, alle von Hand hergestellt. Das wichtigste Element der männlichen Kleidung war früher die „Kalita“, eine Art Geldbeutel, der nur vom Familienoberhaupt verwendet wurde, dicht am Körper festgebunden. Er galt als Zeichen der Macht. Unser Besuch endet in der Abteilung, die der Fischerei gewidmet ist, der typischen Tätigkeit der Polesier, die schon immer inmitten von Flussläufen und Schilfrohr des großen Sumpfes gelebt haben. Ihr Boot – mit dem sie immer noch fahren – nennt sich „Ciaika“ (Möwe). Es ist aus Holz, schmal und hat einen flachen Boden. Die Naturschutzgesetze zur Erhaltung der zahlreichen Tier- und Pflanzenarten des am besten erhaltenen Sumpfgebiets Europas verbieten das Fischen mit den alten Fischernetzen und so landen diese im Museum.

Die Helden Polesiens, 14. Mai
Wir verlassen Pinsk und fahren am Fluss Pina entlang. Man rät uns, ins Dorf Kudrichy zu fahren, wo noch einige Menschen vom Sumpf umgeben leben. Bis vor wenigen Jahren gab es keine Straße und die Dörfer waren komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Nur mit dem Boot oder zu Pferd konnten man sich fortbewegen. Erst in den 90iger Jahren, nach dem Unfall im Kernkraftwerk Chernobyl wurden die wenigen Verbindungsstraßen, die es heute gibt, gebaut. Maxim und ich glaubten schon, uns verfahren zu haben, als wir eine alte Isba (kleines, altes Holzhaus) sehen. Wir gehen zu Fuß weiter und finden zwei Frauen in ihrem Garten. Sie lächeln uns an und nähern sich neugierig dem Zaun. Sie heißen Valentina Kolb und Marija Lapushka. „Woher kommt ihr? Wir sehen schon seit langer Zeit keine Fremden mehr!“ sagt Valentina. „Im Dorf Kudrichy waren wir früher einmal 200. Wir arbeiteten und lebten in vollkommener Harmonie miteinander. Jetzt sind wir nur noch 10. Die Leute aus Pinsk nennen uns „die Helden“, weil wir die letzten sind, die noch dieses Leben führen. Wir sind die ältesten und eng mit diesem Land verbunden. Diese Isba ist das einzige, was wir haben. Wir sind arm, aber ihr seid willkommen“, und sie laden uns auf eine Tasse Tee ein.

Die Außenmauern des Hauses sind von einem schönen Pastellblau, die Einrichtung einfach und karg. Wir führen ein nettes Gespräch und sie raten uns, den Dorfvorsteher aufzusuchen. Also verabschieden wir uns und gehen bis zur nächsten Isba, wo Maknovids Moisiej und seine Frau Volga leben. Er ist 77 Jahre alt, sie 72. Moisiej sagt stolz: „Am Tag, an dem ich geboren wurde (1941), sind die Nazis in Polen einmarschiert. Mein Vater war an der Front. Pinsk brannte und meine Mutter erinnert sich an mein erstes Wimmern. Meine Kindheit war schwer, voller Hunger und Angst. In der Nachkriegszeit wurde es dann besser und wir haben überlebt, indem wir den Boden bearbeiteten, Kühe und Schweine im Kolchos züchteten. Nach dem Ende des Kommunismus ist alles zugrunde gegangen und jetzt bleiben uns nur noch die Hühner und ein Pferd, aber das muss uns reichen. Wir leben von einer kleinen Rente und wir gehen von hier nicht weg. Wie die Störche bleiben wir unserem Nest treu!“ Moisiej und Volga sind liebe, gastfreundliche Leute und lassen sich gerne auf ihrem Sofa mit ihrem Hochzeitsfoto fotografieren.

Die Worte des Einsiedlers, 15. Mai
Wir übernachten bei Oleg Sadovsky, einem der Wächter des Naturparks, der seine alte Familien-Isba restauriert hat, um darin ein Bed&Breakfast einzurichten. Oleg sagt: „Die einzige Möglichkeit, dieses Dorf wieder aufleben zu lassen, bevor es vollkommen in Vergessenheit gerät, wird sein, Touristen und Naturliebhaber hierherzulocken". Am nächsten Morgen schlägt er uns eine Bootsfahrt vor und vertraut uns seinem Nachbarn Slava Batujev (63) an, der noch immer eine alte „Ciaika“ mit Rudern verwendet. In der dichten Vegetation erspähen wir eine alte Isba. Alles scheint verfallen und verlassen, aber im hohen Gras kommt uns ein alter Mann entgegen, wie ein Waldkobold. Vom Kopf bis zu den Knien hat er sich in eine Plastikplane gewickelt als Schutz vor den Stichen der aggressiven Mücken und anderen Insekten. Die  Dorfbewohner nennen ihn „der Einsiedler“. „Geht weg! Ich will mit niemandem sprechen!“, ruft er uns zu. Aber dann erzählt er doch: „Ich heiße Anatoly (Anton) Makhnavec und bin vor 70 Jahren in diesem Haus geboren. Hier haben schon mein Vater, mein Großvater und der Großvater von meinem Großvater gewohnt. Jetzt fällt alles in sich zusammen… schaut euch nur das Dach an!" 
„Unter den Sowjets gab es noch Gerechtigkeit! Es gab Arbeit für alle und wenn einer etwas gestohlen hat, landete er im Gefängnis in Sankt Petersburg! Dann hat Moskau uns seine Wirtschaftsregeln aufgezwungen und wir mussten arbeiten wie die Sklaven. Wir litten Hunger. Ich bin in der Stadt zur Schule gegangen und habe dort meinen Abschluss gemacht. Ich sehe vielleicht aus wie ein Landstreicher, aber ich bin eine respektable Person. Als ich jung war, schickte mich die Partei zur Arbeit nach Brasilien, Argentinien, Kanada und Kuba… Hier im Kolchos wurde immer hart gearbeitet, aber jedes Jahr feierten wir ein großes Fest mit traditionellen Gesängen und Tänzen, das „Talaka“. Ein Anlass für alle Bauern, sich zu treffen, die Ernte zu feiern und sich auf den langen Winter vorzubereiten.“ Dann wechselt er das Thema und erklärt uns das Wort „spasiba“ (danke). „Eigentlich müsste man nicht spasiba, sondern spasibog sagen, was „Gott rette dich“ bedeutet. Aber wovor sollte uns der liebe Gott retten? Vor der Ungerechtigkeit! Die Ungerechtigkeit ist das wahre Übel unserer Zeit! Mit der Demokratie gibt es keine Regeln mehr und jeder macht, was er will. Die Reichen werden immer reicher und arroganter und wir Armen werden immer ärmer!“

Die Tochter des Prypjat, Pagost (Turau) 18. Mai
Nachdem wir die Altstadt von Turau hinter uns gelassen haben, nehmen wir eine Schotterstraße in Richtung Pagost, eine kleine Ansammlung von Isben am Ufer des Flusses Prypjat. Wir haben uns mit einer sehr besonderen Person verabredet: Kacjarina Panchenja (76). Sie verkörpert sämtliche Traditionen Polesiens. Das, was ihre Erzählungen so selten und wertvoll macht, sind die althergebrachten Weisheiten, die ausschließlich mündlich über Volkslieder und Riten überliefert wurden. Als wir sie treffen, empfängt sie uns in der typischen Tracht, die sie selbst bestickt hat. Im Schatten der Laube spinnt ihre Nachbarin Julia mit einem Spinnrad Leinen und webt mit einem alten Holzrahmen Stoffe. Alles wirkt noch wie in alten Zeiten. Spürbar ist bei allen der große Respekt für Kacjarina, die Kraft und Charisma ausstrahlt.

„Als ich jung war, hat der Kolchos-Vorsteher meine schöne Stimme gehört und wollte, dass ich im Folklorechor der Region singe. Seit 1980 bin ich dessen künstlerische Leiterin und solange mein Gedächtnis mir auf die Sprünge hilft, kenne und singe ich 400 Volkslieder aus vergangenen Zeiten. Meine Großmutter Antonina hat sie mir beigebracht. Viele Lieder handeln vom patriotischen Krieg, von Liebe, Feldarbeit oder vom Leben im Sumpf mit seinen Tieren.“ Sie berichtet weiter: „Wenn der Frühling kam und das Tauwetter begann, reichte der Schlamm bis an die Knie. Wir brachten also die Tiere in Sicherheit und legten Netze für den Fischfang aus… und dann warteten wir geduldig, bis das Wasser sich zurückzog.“ Bei einem Spaziergang außerhalb der Umzäunung der alten blau und gelb gestrichenen Isbas fügt Kacjarina hinzu: „Diese Straße heißt Konsomolska Ulica. Hier lebten 47 Familien. All diese Häuser sind leer und wurden von der Witterung zerstört. Die Alten sind gestorben und die Jungen sind nach Turau gezogen. Kinder und Enkelkinder wollen die Tradition nicht weiterführen. Manche kehren für das „Sommerfest“ zurück… das, was wir „Farnblütenfest“ nennen. Früher tanzten die jungen Mädchen am Ufer des Flusses und warfen ihre Blumenkränze ins Wasser des Prypjat, in der Hoffnung, im Laufe des Jahres einen Ehemann zu finden. Die Mädchen blickten den Blumenkränzen, die von der Strömung weggetragen wurden, hinterher und träumten davon, einen Mann unter den stattlichen Jünglingen zu finden, die bei Sonnenuntergang ihre Feuerpfeile in Richtung Sonne schnellen ließen.“ Kacjarina und ihrem Lebensstil wurde ein Film gewidmet: „Die Tochter des Prypjat“.

Hannas Geschichte, 16. Mai
Wir erreichen Stolin, ein hübsches Städtchen, in dem ca. 10.000 Menschen leben. Symbol der Stadt ist der Storch, und tatsächlich sieht man häufig große Nester auf den Schornsteinen der Isben oder auf Strommasten. Die belarussisch-ukrainische Grenze befindet sich nur 15 km entfernt und man kommt daher an einigen Militärposten vorbei. 1942 wurde hier ein Ghetto eingerichtet, in dem mehr als 7000 Juden, vor allem Frauen, Alte und Kinder, aus den Städten der Umgebung zusammengepfercht lebten. Es lag direkt an den Ufern des Flusses Bank. Seine Liquidierung fand am 11. September 1942 statt. Eines der Massaker eines Kavallerie-Regiments der Wehrmacht. Hier haben die Menschen nicht vergessen. Spuren des Zweiten Weltkriegs finden sich, nicht aus Zufall, auch im Bericht von Frau Hanna Maiseevna, die wir im nahegelegenen Dorf Staryna treffen.
Hanna, 1927 geboren, ist noch sehr lebendig und aktiv. Sie hütet Hühner und Schweine. Sie öffnet uns lächelnd das Tor und lädt uns auf einen Plausch ein. Die kleine Isba ist voller Schwarzweißfotografien aus ihrer Vergangenheit und ihrer Familiengeschichte. „1941 kamen die deutschen Truppen und als ich 15 war, wurde ich in ein Arbeitslager in Deutschland deportiert. Wir Arbeiter waren Gefangene aus verschiedenen Ländern und mussten Bomben und Granaten herstellen. Im Lager wohnten wir in Baracken. Morgens und abends gab es Rübensuppe. Wir alle waren schwach und viele wurden krank. Nach drei Jahren kamen die amerikanischen Soldaten, befreiten uns und kümmerten sich um uns. Aber dann kam ein russischer General und sagte zu uns: „Eure Eltern warten auf euch. Es ist an der Zeit, nach Hause zu gehen. Euer Leiden ist vorbei!“ So begann die lange Heimreise. Als ich hier in Staryna ankam, war alles zerstört. Von meiner Familie keine Spur, nur mein Großvater war noch da. So haben wir drei Jahre lang in völliger Armut gelebt. Von meinen Eltern und Geschwistern habe ich nie wieder etwas gehört. Wir hatten nichts zu essen und Großvater ging am Fluss fischen. Im Winter kochten wir Kartoffelsuppe. Sobald wir uns neu organisiert hatten, nahm der Kolchos seine Tätigkeit wieder auf und es wurde besser. Drei Jahre später habe ich geheiratet. Er hieß Archom Alexandrovic. Wir hatten ein gutes Leben zusammen. Unsere Söhne Nikolaj und Andrej wurden geboren und ich bin inzwischen Oma von 9 Enkeln. Archom, mein Mann, ist vor 22 Jahren verstorben und ich fühle mich einsam. Die Kinder sind weggezogen, weil das Leben hier im Sumpf schwierig ist und weil es keine Arbeit gibt.“


Andrei Liankevich reiste Ende März 2018 zum ersten Mal nach Polesien:
"Ich bin gerade aus meiner ersten Erkundungsreise zurückgekommen. Der Frühling ist kalt dieses Jahr. Aber so habe ich Eis und Schnee gehabt, kein Schlamm. Hier meine ersten Eindrücke".

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