Rom – Torpignattara Das Auge von Torpignattara

Der Mittelpunkt des Ganzen sind nicht Torpignattara und die Filmemacher. Der Mittelpunkt des Ganzen ist Signor Guido und seine Kaffeebar. Und der Mittelpunkt des Mittelpunkts des Ganzen ist der Kaffee mit Vov, den Signor Guido macht.

Die erste Bar in Torpignattara

Die Sonne scheint an diesem Sonntagvormittag um 11 Uhr in Torpignattara; der Treffpunkt ist die Bar, eine der ersten im Viertel, auch in geografischem Sinne, wenn man von der Via Casilina her kommt; Lucia Pappalardo und Enrico Farro von der Nationalen Vereinigung der Film- und Videomaker sind schon da. Sie machen eine eine Reportage über das Viertel Torpignattara, das einst Peripherie im Osten der Stadt war und heute kaum einen Steinwurf vom Herzen Roms entfernt liegt. Eine Reportage über den ungerechtfertigten Ruf als verkommenes Einwandererviertel, über die tatsächliche Realität als kulturell und sozial lebendiger Stadtteil, der stolz ist auf die Vielfalt  seiner Ethnien. Torpignattara ist kein Vorstadtviertel mehr, und es ist kein Viertel der Ausgrenzung mehr – sofern es dies überhaupt jemals war.     

Die Bar-Geheimnisse des Signor Guido

Signor Guido steht versteckt hinter seiner Kaffeemaschine. Kaffee mit Vov für alle, sagt er. Schauen sie mal, sagt der Kunde neben mir, die Kaffeemaschine steht diagonal und nicht parallel zur Theke wie in allen anderen Kaffeebars in Rom, Signor Guido versteckt sich dahinter, denn er will seine Bar-Geheimnisse mit niemandem teilen. Ich denke an den Vov, ob der wohl einer seiner Geheimnisse ist; ich hätte nie gedacht, dass es den überhaupt noch gibt, diesen süßen Eierlikör mit unbekanntem Alkoholanteil, den schon in meiner Jugend, also vor mehreren Jahrzehnten, nur die alten Leute tranken.  Und so früh am Morgen – ich weiß nicht. Aber der Kaffee mit Vov von Signor Guido ist eine Entdeckung, die meine Skepsis sogleich über den Haufen wirft, der Kaffee mit Vov von Signor Guido ist wirklich gut und lässt uns in eine andere Dimension eintreten. Signor Guido teilt zwar nicht seine Bar-Geheimnisse mit uns, wohl aber seine Erinnerungen aus dem Viertel.
 
Dann fahren Lucia und Enrico auf ihrer Vespa davon in Richtung Sangalli-Park, der nun dank der Arbeit des Stadtteilkomitees wieder benutzbar ist, zu  den Graffitis, die den Jugendlichen aus dem Viertel gewidmet sind, die nicht mehr da sind, und zu der Kanone (eine echte Kanone, Überbleibsel aus dem Krieg), die von den Bürgern restauriert wurde und als Gefallenendenkmal einer- und als Treffpunkt andererseits fungiert.

Tolerant und multikulti

Diese Gruppe schräger Vögel vertraut auf die Toleranz der Einwohner von Torpignattara: Lucia, eine Art Zyklop  mit ihrer um die Stirn gebundenen Go Pro-Filmkamera ist das Auge von Torpignattara, oder zumindest sehe ich sie so nach einem weiteren Kaffee mit Vov; und Enrico, mit seinem komischen, zum Selfiestick mutierten Gehstock, den er Osmo nennt, wie ein kleines Haustier, sagt er lächelnd. Vielleicht ist Torpignattara so multikulti, dass man sie zwar vielleicht für eine Art Aliens hält, sie aber sonst nicht weiter auffallen. Ich werde mir eine Flasche Vov kaufen und sie zu Hause öffnen, in aller Ruhe, und ein bisschen davon in einen letzten Kaffee gießen, in der Hoffnung, ein wenig von Signor Guidos Magie zu kopieren, und dabei werde ich das betrachten, was Lucia Pappalardos und Enrico Farros „Auge von Torpignattara“ gesehen hat. Schreiben Sie sich's auf: Signor Guido, Amir, Torpignattara, Kaffee mit Vov. Kann durchaus eine Reise wert sein.