Rom – Torpignattara Torpignattara im Mittelpunkt

Torpignattara
© Goethe-Institut Italien | Foto: Sara Camilli

Torpignattara wird in diesem Jahr 90 Jahre alt. 1927 wurde die schnell wachsende Ortschaft offiziell dem Stadtgebiet Roms einverleibt. Seitdem hat sich viel getan. Der Randbezirk ist heute ein multikulturelles Stadtviertel an der südöstlichen Peripherie Roms, in dem ein großer Anteil der ausländischen Bevölkerung wohnt und das besonders in jüngster Zeit auch immer mehr zu einem Ort der Kreativität heranwächst.

Das Goethe-Institut thematisierte dieses Stadtviertel bereits anlässlich der Biennale von Venedig 2016 mit einer Veranstaltung in Rom namens Veddel meets Torpignattara und machte es außerdem zum Mittelpunkt des italienischen Beitrages für das Online-Dossiers No Go? Die Stigmatisierung der Peripherie. Im Rahmen von No Go? betreibt die junge römische Fotografin Sara Camilli, die die Peripherie zum Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit gemacht hat, auch die Instagram-Reportage mit Bildern zum Alltag dieses Vorstadtviertels, das seitens der Medien häufig in negatives Licht gerückt wird.

EINE AnnÄHERUNG

Wir waren mit ihr in Torpignattara unterwegs und haben sie zu ihrer Arbeit befragt. Sara Camilli hat sich durch einen Freund, der seit mehr als 10 Jahren in Torpignattara wohnt, an das Viertel angenähert. Von ihm hat sie sich durch das Viertel führen und sich die Dreh- und Angelpunkte des alltäglichen Lebens erklären lassen, um einen direkten Einstieg in die verschiedenen Lebenswirklichkeiten zu bekommen. Nach dieser Einführung kam sie für gut eine Woche jeden Tag alleine wieder, ganz alleine, das heißt nicht nur ohne Begleitung, sondern vor allem auch ohne Fotoapparat. Sie lief die Straßen und Plätze des Viertels noch einmal ab, beobachte das, was dort geschah, traf auf die Menschen und erklärte ihnen ihr Vorhaben. Sie versuchte die Einwohner auf den Fotoapparat vorzubereiten, welcher auch heute noch immer ein Störfaktor darstellt, und vertrauliche Beziehungen aufzubauen. Nachdem ihr klar war, welche Orte sie am meisten interessierten, ging sie dorthin zurück, klopfte an und bat um Einlass. Sie blieb meistens viele Stunden. Sie schoss nicht einfach ein Foto und ging dann wieder. Sie blieb und unterhielt sich mit den Menschen. Sie lernte sie kennen. Am Ende des Tages schoss sie ein Foto. Der Rest war Beziehungsarbeit. Das ist ihre Art, sich den verschiedenen Dynamiken zu nähern. Genau deshalb sind ihre Foto auch so persönlich, so nah, so unverstellt, so ungefiltert. Die Menschen vertrauen ihr und geben sich für einen Moment lang in ihre Hände, in ihren Blick.

Torpignattaras Identität

Sara Camilli war schon in mehreren römischen Vorstädten unterwegs, Tag und Nacht, Monate lang. Doch auch sie hat in Torpignattara etwas anderes, etwas Neues entdeckt, das es nur dort gibt.
 
  • In der Via Eratostene in Torpignattara gibt es viele Geschäfte, die von Bengalen geführt werden. © Goethe-Institut Italien | Foto: Sara Camilli
    In der Via Eratostene in Torpignattara gibt es viele Geschäfte, die von Bengalen geführt werden.
  • Die Initiative La Befana della Gioia verteilt gespendetes Spielzeug. © Goethe-Institut Italien | Foto: Sara Camilli
    Die Initiative La Befana della Gioia verteilt gespendetes Spielzeug.
  • Beim Frisörbesuch in Torpignattara. © Goethe-Institut Italien | Foto: Sara Camilli
    Beim Frisörbesuch in Torpignattara.
  • Via Maranella © Goethe-Institut Italien | Foto: Sara Camilli
    Via Maranella
  • Die Moschee Masjeed-e-Rome im Herzen von Torpignattara. © Goethe-Institut Italien | Foto: Sara Camilli
    Die Moschee Masjeed-e-Rome im Herzen von Torpignattara.
  • Marktstand in Torpignattara. © Goethe-Institut Italien | Foto: Sara Camilli
    Marktstand in Torpignattara.
  • Der deutsche Künstler Gunter Demnig verlegt in Torpignattara Stolpersteine in Gedenken an die von den nationalsozialistischen Truppen ermordeten Partisanen. © Goethe-Institut Italien | Foto: Sara Camilli
    Der deutsche Künstler Gunter Demnig verlegt in Torpignattara Stolpersteine in Gedenken an die von den nationalsozialistischen Truppen ermordeten Partisanen.
„Ich glaube, der Unterschied zwischen Torpignattara und den anderen Vierteln ist das Bewusstsein, eine Identität zu haben. Die Einwohner Torpignattaras haben eine Identität und sie sind sich dessen nicht nur bewusst, sie sind stolz darauf. Diese Identität befindet sich im ständigen Ausbau, sie ist fließend, dynamisch, multikulturell. Sie fühlen sich der Marginalisierung, der Peripherie, dem Verfall nicht ausgesetzt. Sie sind stolz, ein Teil dieser Mischung zu sein.“ Torpignattara scheint in dieser Hinsicht einzigartig zu sein. Die Einwohner wollen, dass man über sie berichtet. Als wollten sie der Welt mitteilen: Wir möchten Euch zeigen, dass es hier nicht schlecht ist, dass wir nichts Schlimmes machen! Im Gegenteil, die Kinder gehen in Schulen mit einem mittlerweile über die Bezirksgrenzen heraus guten Ruf, sie bieten Anlaufstellen für Heranwachsende an. Es hat eine Öffnung nach außen gegeben. Manche Geschäftsinhaber, die sich nicht sofort fotografieren lassen wollten, riefen Sara im Nachhinein wieder zurück: „Ich habe es mir anders überlegt, komm zurück, wir machen zusammen Fotos“. Sie meinten damit: Wir wollen hier sein und wir wollen uns integrieren. Wir wollen nicht im Abseits stehen.

MENSCHEN UND Momente

Ihre Herangehensweise und Beobachtungen spiegeln sich in Sara Camillis Bildern wieder. Ihr werden die Türen der Moschee, der Geschäfte, des Bezirksrathauses geöffnet. Sie darf an allen Aktivitäten teilnehmen. Sie ist auf den Straßen, im öffentlichen Park und auf dem Markt des Viertels unterwegs. Immer ganz nah dran oder besser noch, immer mitten drin. Die Menschen schauen ihr ins Gesicht, ins Objektiv. Und sie fängt sie ein. Diese Momente. Diese Geschichten eines jeden Einzelnen. So wie sie sind. Ihre Arbeiten zeigen uns das ursprüngliche und multikulturelle, vielseitige und lebendige Bild dieses römischen Randbezirks. An seinem 90. Geburtstag haben wir das Gefühl, dass die Bewohner Torpignattaras ihr Viertel fest in die Hand genommen haben. Es ist weise und verwurzelt wie seine ältesten Einwohner, neugierig und bunt wie seine Kinder. Unverblümt wie beide.
 
Sara Camilli wird noch bis Ende Januar alltäglich für unsere Instagram-Reportage unterwegs sein. Welche Seiten von Torpignattara werden wir noch zu sehen bekommen? Eine Runde durch die Bars, einen Besuch im Gebäude der Kommunistischen Partei, wo gratis italienische Sprachkurse für Ausländer angeboten werden, Torpignattara by night.