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Internationale Filmfestspiele Berlin 2019
Vivo Film aus Rom – mit zwei Filmen auf der Berlinale

<i>Dafne</i>, Carolina Raspanti
Dafne, Carolina Raspanti | Foto (Zuschnitt): Duccio Burberi © Vivo film

Vivo Film ist mit gleich zwei Filmen auf der diesjährigen Berlinale vertreten. Als wir in den Sitz der römischen Produktionsfirma kommen, um die Producerin Marta Donzelli kurz vor ihrer Reise zum Festival zu interviewen, ist diese am Telefon in ein Dilemma verwickelt: Die Hauptdarstellerin Verida des in Mauretanien gedrehten Films „Flesh Out“ kann ohne Visum ihr Flugticket nach Berlin nicht buchen. Das Visum wiederum wird ihr ohne Flugticket nicht ausgestellt. Während die Filme sich auf den Weg nach Berlin machen, sitzt Verida in Mauretanien fest.

Von Sarah Wollberg

Warum Frauen für die Menschheit stehen

In den beiden Filmen Flesh Out von Michela Occhipinti und Dafne von Federico Bondi, die auf der Berlinale 2019 in der Sektion Panorama laufen, geht es um Frauen und Diversität. Zumindest auf den ersten Blick. Marta Donzelli dreht die Frage um: „Wieso war die Filmbranche jahrelang fast nur von Männern dominiert?“ Schließlich sind doch die Hälfte der Weltbevölkerung Frauen, wenn nicht sogar etwas mehr. Da mittlerweile viele italienische Frauen den Beruf der Regisseurin ausführen, ist es nur ein natürlicher Prozess, dass sie Geschichten erzählen, die sie betreffen. Die Producerin stellt klar: „Mich interessieren Geschichten, die die Komplexität der verschiedenen Daseinsformen reflektieren. Und das sind eben auch Frauen, aber vor allem sind es Menschen.“

Diversität im Spiegel

Im Falle der beiden Berlinale-Filme sind die Hauptdarstellerinnen ganz besonders einzigartige und starke Frauen. Dafne wird von Carolina Raspanti verkörpert, eine junge Frau mit Down-Syndrom, die voller Energie ist und ihr Anderssein mit einem sehr feinfühligen Bewusstsein lebt. „Sie ist ein großes Beispiel für uns alle, denn sie zeigt uns, wie man sein Leben in die Hand nehmen, selbst bestimmen und vor allem lieben kann!“ Auch der Regisseur Federico Bondi beschreibt, wie der Film sich am Ende ihrer Person angepasst hat und nicht umgekehrt. Auf ihrer Trekkingreise sagt Dafne zu ihrem Vater: „Manchmal schäme ich mich richtig für dich!“ Dieser Satz spiegelt die Vater-Tochter-Beziehung und die Relativität des Andersseins authentisch wider. Dafne hat ihren eigenen Blick und der ist oft sehr viel schärfer als der ihres Vaters. <i>Flesh out</i>, Michela Occhipinti Flesh out, Michela Occhipinti | Foto (Zuschnitt): Alain Parroni © Vivo film Verida Beitta Ahmed Deiche hingegen ist die Hauptdarstellerin des Films Flesh Out. Die jungen Frauen in Mauretanien leben in einer komplexen Situation aus Tradition und Modernität. Die Regisseurin Michela Occhipinti las in einem Zeitungsartikel von dem Brauch der sogenannten „gavage“, einer Art Zwangsernährung, der Bräute sich vor der Hochzeit aussetzen müssen, um an Gewicht zuzunehmen und so dem männlichen Schönheitsideal zu entsprechen. Es scheint uns etwas vor Augen zu führen, dass weit von uns entfernt ist, aber wenn wir die Geschichte umdrehen, müssen wir uns doch Gleichheiten eingestehen. Bei ihrer Reise durch Mauretanien interviewte die Regisseurin eine Vielzahl junger Frauen und entdeckte schließlich Verida. Auch sie machte für eine Hochzeit die „gavage“ durch, bei der sie unzählige Kilos zunehmen musste. Michela Occhipinti hat mit ihr zusammen eine fiktive Figur entworfen, die in sich die Realitäten mehrerer Frauen birgt und doch nur ihren einen Namen trägt: Verida. „Verida hat eine enorme Arbeit geleistet und eine außergewöhnliche emotionale Intelligenz bewiesen, indem sie ihr persönliches Innenleben und das vieler anderer Frauen auf die Leinwand gebracht hat.“ Für die Authentizität und die Tiefe beider Filme schöpfen die Darstellerinnen aus dem vielschichtigen Repertoire des eigenen Lebens.

Weltpremiere Berlinale

Marta Donzelli liebt das Abenteuerliche an ihren Filmen, die auf dem Papier erst einmal sehr schwierig umzusetzen scheinen, aber genau deshalb voller Potenzial und Überraschungen stecken. Auch der Berlinale gefällt genau das, denn sie hat gleich beide Filme in die Sektion Panorama gewählt. Für die Macher von Vivo Film ist die Berlinale etwas Besonderes, weil sie in einer direkten Wechselwirkung mit der Stadt und ihren Bewohnern steht. Sie gibt sich nicht exklusiv, sondern bewegt sich nah an den Menschen. Für Marta Donzelli ist das ein großer Gewinn: „Es geht nicht darum, einen Preis nach Hause zu tragen, auch wenn das natürlich wunderbar wäre. Wichtiger ist es, dass alle unsere Filme, die bisher auf der Berlinale waren, dort ihren Startschuss für eine Reise um die ganze Welt gefeiert haben.“ In dem Sinne wünschen wir uns eine Welt, in der nicht nur die Filme reisen, sondern auch ihre Hauptdarstellerinnen, eine Berlinale, die für besonders starke Filme bereit ist, und vor allem ein Berlin, das die Hauptdarstellerinnen höchstpersönlich empfängt, egal woher sie kommen.
 

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