Berlin Biennale 2016 Die Themenschau jenseits des Rahmens der Kunst. Begegnung mit Anselm Franke.

Amselm Franke
Amselm Franke | © Haus der Kulturen der Welt

Wir stehen vor der monumentalen Architektur des Hauses der Kulturen der Welt (HKW), der „schwangeren Auster“, wie das Gebäude im Volksmund heißt. Anselm Franke hat uns für unser Treffen hierher bestellt, auf einen der Treppenaufgänge, die um das (derzeit wegen Restaurierungsarbeiten geschlossene) HKW herumlaufen.
Nach einer Reihe von Erfahrungen bei Film und Theater übernahm Franke die Leitung des Bereichs für Bildende Kunst und Film im HKW. Dank seiner Bereitwilligkeit, oft als erster brandaktuelle Themen mithilfe multidisziplinärer Projekte anzugehen, ist er zu einer der maßgeblichen Stimmen innerhalb der Welt der zeitgenössischen Kuratoren geworden. 2015 besetzte er den 58. Platz der jährlich von der ArtReview erstellten Rangliste „Power 100“. Als Kurator fungierte Anselm Franke bei der Biennale von Taipei (2012) und der von Shanghai (2013).
Durch disziplinübergreifende Projekte auf globaler Ebene lässt Anselm Franek nicht nur die Moderne und ihre historischen Erzählungen Revue passieren, sondern er hinterfragt auch das Format selbst der Ausstellung – dies ist das Hauptkennzeichen seines Ansatzes, das ihm seine herausragende Stellung in der heutigen Kunstlandschaft verschafft hat.
Er zündet sich eine Zigarette an und beginnt zu erzählen. Seine Recherche dreht sich um die Themenbereiche des Zeitgenössischen, das er in „Muster-Ausstellungen“ zu fassen sucht, deren Titel – die er als „monolithisch“ beschreibt – eine Öffnung auch hin zu nicht rein künstlerischen Bereichen andeuten. Exemplarisch dafür ist die Ausstellung Animismus aus dem Jahr 2010, die nach Etappen in verschiedenen europäischen Institutionen auch 2012 im HKW gezeigt wurde. Hier stellt Franke durch seinen multidisziplinären Ansatz den Begriff des Animismus in Frage und lotet das Thema unter einem anderen als dem herkömmlichen, d. h.  durch die europäische anthropologische Tradition des 19. Jh. definierten Gesichtspunkt aus.

Die Besonderheit des Kurators Franke besteht in seiner Fähigkeit, die Stimmen der Künstler und die von Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen in einem einzigen Aktionsfeld zusammenfließen zu lassen und den daraus resultierenden „Konflikt“ zu nutzen.  „Ich richte Ausstellungen ein“, sagt er, „in denen ich Konzepte ausprobiere und eine Ideengeschichte herzustellen suche, wobei die Gegenwart immer im Mittelpunkt steht. Mein Format basiert auf der Recherche, und das passt sehr gut zu einem nicht neutralen Kunstraum wie dem HKW, wie ich finde“. Franke fährt fort: „Durch diese Ausstellungen versuche ich, den künstlerischen Diskurs auf eine Ebene zu bringen, wo er sich mit anderen Themenbereichen auseinandersetzt, und vertraue auf den Konflikt, der sich daraus ergibt“.

Erstmals probierte Franke diese Methode anlässlich der 2008 von ihm kuratierten Manifesta 7 aus; entstanden war sie aus seinen Zweifeln an dem positivistischen Ansatz, der im allgemeinen die Themenschau charakterisiert (und bis heute das am weitesten verbreitet Ausstellungsformat ist) – Franke sieht hier die Gefahr einer „Verflachung“ der Herangehensweise des Kurators. Für ihn werden die Ausstellungsprojekte zum Vorwand, um gefestigte Ideen und Konzepte zu hinterfragen, die erst nachdem sie auf die Probe gestellt wurde, zu einer neuen Form finden können. „Stellen wir uns eine klassische Themenschau vor, in der alles im Grunde nur durch eine bestimmte Sichtweise enthüllt wird: Eine solche Art der Ausstellung bezeichne ich als positivistisch, denn sie funktioniert durch einen positiven Identifikationsprozess. Man kann den Dingen einen Namen geben und jedem Objekt das korrekte Etikett aufkleben, die Tatsachen sind klar. Komplexer ist es hingegen, sich vorzustellen, wie man es anders machen könnte.  Kann man wirklich eine andere Geschichte erzählen? Oder besser: Kann man die Geschichte unter einem anderen Gesichtspunkt erzählen? Und wie macht man das in der Einrichtung einer Ausstellung sichtbar?“.


Franke erzählt uns besonders von seinem Projekt Antropocene (2013-2014), das sich mit der Genealogie der anthropozentrischen Thesen beschäftigt und mit ihrem Einfluss auf politische und wissenschaftliche Institutionen. In diesem Kontext ist die Kunst laut Franke ein „Symptom“ innerhalb eines breiter gefassten Gedankenstroms, eine „Ideenkonstellation“. Aus Antropocene ging eine Veröffentlichung hervor, in der diverse wissenschaftliche und kritische Beiträge sowie historische Texte zusammenflossen, darunter A Sedimentation of the Mind: Earth Projects (1968) von Robert Smithson, Plastic (1957) von Roland Barthes  und Blood, Sea (1967) von Italo Calvino, um nur einige zu nennen. Bei alledem bleibt die Ausstellung ein wichtiger Moment des Prozesses, der Moment nämlich, in dem „man die Leute teils zum Überlegen bringen und sie teils mit einer verführerischen Atmosphäre faszinieren muss“.

Im Lauf der Jahre ist es Franke gelungen, die hergebrachten Mechanismen des Denkens und der Ausstellungsproduktion aufzubrechen und neue Flugbahnen zu schaffen, wobei er auf innovative Weise die künstlerischen Praktiken in die Entwicklung zeitgenössischer Ideen einbezieht. Seine Fähigkeit, neue Wege der Untersuchung zu beschreiten, zeigt, wie wichtig es ist, nicht nur neue Stimmen, sondern auch andersartige und unerwartete Erzählweisen in den Diskurs einzubringen.
 

  • Teilnehmer an dem Programm für junge Kuratoren CAMPO im Gespräch mit Anselm Franke © Fondazione Sandretto Re Rebaudengo
    Teilnehmer an dem Programm für junge Kuratoren CAMPO im Gespräch mit Anselm Franke
  • Das Haus der Kulturen der Welt. Side view © Sabine Wenzel / Haus der Kulturen der Welt
    Das Haus der Kulturen der Welt. Side view
  • The Anthropocence Project. A Report. Installation view © Sebastian Bolesch / Haus der Kulturen der Welt
    The Anthropocence Project. A Report. Installation view
  • Candida Höfer, Ethnologisches Museum Berlin III, 2003 © Candida Höfer, Köln, VG Bild-Kunst, Bonn 2012
    Candida Höfer, Ethnologisches Museum Berlin III, 2003
  • The Anthropocence Project. A Report. A Matter Theater. © Sebastian Bolesch / Haus der Kulturen der Welt
    The Anthropocence Project. A Report. A Matter Theater.