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Ausgesprochen … gesellig
Der Zauber der Streckensperrung

Streckensperrung kann helfen! – Menschen am Bahnsteig
Streckensperrung kann helfen! – Menschen am Bahnsteig | Foto (Detail): Maurizio Gambarini; © dpa-Report

Um mit Fremden auf der Straße zu reden, braucht es einen Anlass. Hunde bieten sich an. Oder Kinder. Doch was, wenn man beides nicht hat?

Von Maximilian Buddenbohm

Es ist nicht üblich, mit Fremden auf der Straße zu reden, man gilt schnell als irre, wenn man Leute einfach so anspricht. Es gibt nur wenige Ausnahmen, die diese Regel aufheben. Wenn man zum Beispiel einen Hund hat, dann kann man mit anderen Hundebesitzern reden, während die Tiere sich beschnüffeln, das ist okay. Oder wenn man ein Kind hat, kann man auf Spielplätzen mit allen anderen Eltern reden, das ist auch okay. Beides erfordert aber Zubehör und nicht jeder möchte sich einen Hund oder gar ein Kind zulegen, nur um einmal mit anderen Menschen zu reden. 

Wenn ein Baum in eine Oberleitung fällt

Es bleibt eine dritte Möglichkeit, für die braucht man einen Bahnhof und die Durchsage: „Streckensperrung“. Eine Streckensperrung gibt es, wenn etwa ein Baum in eine Oberleitung fällt, das ist bei jedem stärkeren Wind der Fall, man muss also nie lange darauf warten. Wenn man im Wetterbericht auf die Stürme achtet, ist man mit etwas Glück pünktlich am Bahnhof und erlebt die überaus bemerkenswerten sozialen Folgen dieses Phänomens. Die Streckensperrung wird aus Lautsprechern durchgesagt und ist schwer zu verstehen, die Akustik in Bahnhöfen ist immer furchtbar. Erst nach und nach wird den Wartenden klar, was da gerade gesagt wurde, es fährt also wirklich überhaupt kein Zug mehr auf einer Strecke – und dann passiert es sofort: Die Leute reden miteinander. Ohne Achtung der sozialen Unterschiede und über sämtliche Alters-, Bildungs-, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Alle Menschen werden Brüder, wo die Streckensperrung weilt. 

Überall wird bruchstückhaft erzählt 

Die Menschen erklären sich, wie und wann sie wo genau hinfahren können oder könnten, sie denken gemeinsam über Routen und Alternativen nach, über geteilte Taxis und ungeplante Übernachtungen. Sie fangen an, sich etwas zu erzählen. Wo sie herkommen und wo sie hinwollen erzählen sie sich, und wie wir wissen, liegen in diesen wenigen Sätzen immer auch die Anfänge von Geschichten. Es dauert nicht lange, da erzählen sich die ersten Reisenden schon Details. Sie sagen, dass sie zu einer Beerdigung wollen, zu einer Hochzeit, zu einem Geschäftstermin. Dass sie da, wo sie hinwollen, noch nie waren oder schon tausendmal oder zuletzt mit dem Vater vor vierzig Jahren. Dass sie immer Zug fahren oder sonst gar nicht – überall wird bruchstückhaft erzählt und hier und da sehen einige ihr Gegenüber an und denken: „Ach guck, der Mensch ist ganz sympathisch.“ 

„Es ist alles gut!“ 

Bei meiner letzten Streckensperrung stand eine kleine, sehr alte Dame in der aufgeregt diskutierenden Menge, die ging gebeugt an einer Krücke und war erstaunlich vergnügt. Sie ging von Grüppchen zu Grüppchen durch den Bahnhof und schien die aufgeregte Situation geradezu zu genießen. Ich habe sie eine Weile beobachtet, sie hörte hier und da etwas zu und plauderte mit. Wenn die Wartenden ihr zu ernst oder zu verärgert wirkten, lachte sie die Leute an, schwenkte ihre Krücke und rief: „Es ist alles gut! Wir könnten auch tot sein!” 

Eine Spur der guten Laune 

Das war natürlich ein unmittelbar einleuchtendes Argument. Sie sah so nett und mitreißend fröhlich dabei aus, dass die Menschen ihr gerne Recht gaben: „Ja“, sagten sie, „so schlimm ist es auch nicht“. Und dann redeten sie über diese Dame, sobald sie außer Hörweite war. Sie schüttelten gemeinsam die Köpfe, das war schon wieder verbindend. Die Dame zog auf diese Art eine seltsame Spur der guten Laune durch die wartende Menge. Vielleicht war sie die gute Fee der Streckensperrung, ein äußerst zeitgemäßes Wunderwesen?
 
Ich werde bei den nächsten Stürmen zum Bahnhof gehen und auf sie achten. Wenn sie jedes Mal auftaucht, weiß ich Bescheid.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.

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