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Nachhaltigkeit
Thank God it’s Friday: Die Rhetorik von Fridays for Future

Fridays for Future: Jugendliche gehen auf die Straße
Es gibt keinen Planeten B – deshalb kämpfen die Jugendlichen für unseren Planeten A. | Foto (Detail): Mika Baumeister © Unsplash

Wir analysieren mit Dr. Constanze Spieß die witzigsten, ausgefallensten und bekanntesten Protestplakate der Schülerinnen und Schüler.

Von Regine Hader

Über sie wird geredet – euphorisch, kritisch, oberlehrerhaft. Die einen loben, sie seien endlich wieder politisch, mutiger als ihre großen Geschwister, die vormittags ungeniert um die Anerkennung ihres Chefs buhlen und sich nachmittags im Fitnessstudio für mehr Tindermatches selbst optimieren. Die anderen meinen abfällig, das seien doch nur Kinder, die Engagement vorgaukeln, um eine Doppelstunde Mathe zu schwänzen.

Politiker und Politikerinnen streiten über Fridays for Future wie Liebespaare im deutschen Vorabendprogramm über ihre Beziehungsprobleme: einfallslos und selbstbezogen. Ist an ihren Protestplakaten ablesbar, worum es den Schülerinnen und Schülern mit ihren freitäglichen Aktionen genau geht? Welcher Rhetorik bedienen sie sich? Zusammen mit Dr. Constanze Spieß, Diskurslinguistin von der Universität Graz, analysieren wir die witzigsten, ausgefallensten und bekanntesten Plakate aus ganz Deutschland.

Klimawende statt Weltende

Klimawende statt WeltendeFoto: Regine Hader
Plakate haben eine lange, politische Geschichte: In der Antike prangen Gesetzestexte öffentlich auf Holztafeln, im 16. Jahrhundert kleben die ersten politischen Flugblätter an Hauswänden. „Ein Merkmal ist die massive Verdichtung: Missstände und Forderungen werden überspitzt und auf engstem Raum ausgedrückt. Dieses Plakat arbeitet zum Beispiel mit einer dichotomischen Figur, also mit Gegensatzpaaren“, erklärt die Linguistin. „Interessant ist, dass das positive Wort ‚Klimawende‘ am Anfang steht und das Stigmawort ‚Weltende‘ folgt.“ Indem die Schülerinnen und Schüler mit der positiven Alternative beginnen, machen sie den Ausweg sichtbar: Es gibt bereits Vereinbarung und Strategien, wie wir die massive Umweltverschmutzung beenden können. Die Demonstrierenden erinnern daran, dass ihre Forderungen nicht utopisch, sondern absolut realistisch sind.

Grünkohl statt Braunkohle 

Grünkohl statt BraunkohleFoto (Detail): Patrick Graf © picture alliance / Geisler-Fotopress
„Hier wird das Reimschema bemüht“, erklärt Dr. Spieß. Selbst wenn die kurzen Reime manchmal unrein sind, prägen sie sich leicht ein. Parolen, eingängige Sprüche und Lieder gehören maßgeblich zur Protestkultur. Fast jede große Bewegung oder Revolution begleitet ein Lied oder ein „Schlachtruf“. In Frankreich wurde das Revolutionslied „Marseillaise“ zur Nationalhymne, im 19. Jahrhundert sangen die schlesischen Weber während ihres Aufstands gegen die ersten Fabrikanten und Bob Dylans „The Times They Are a-Changin‘“ steht bis heute für die Folkbewegung der 1960er-Jahre. Zehn Jahre später wendete sich die sozialkritische Band „Ton Steine Scherben“ gegen den Hyperkapitalismus. Durch Plakate verbreiten sich gereimte Aussagen auch in den heutigen visuellen Leitmedien wie Instagram.

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Profis abwählen

Bald wählen wir Euch Profis abFoto (Detail): Oliver Auster © picture alliance/dpa
„Plakate rufen immer einen ganzen Diskurs auf“, sagt Dr. Spieß. Mit dem Wort „Profi“ bezieht sich die abgebildete Schülerin direkt auf den Tweet des FDP-Politikers Christian Lindner zu Fridays for Future. Er twitterte über die Klimapolitik: „Das ist eine Sache für Profis.“  Die Demonstrantin dreht mit ihrem Schild die Machtverhältnisse um: Sie droht, ihre Generation werde die selbsternannten Klimaprofis in Gestalt von Berufspolitkern abwählen. „Die Schülerin imitiert Christian Lindners Strategie. Statt über das tatsächliche Problem zu sprechen, lenkt sie die Aufmerksamkeit auf Personen und Machtverhältnisse. Damit rekurriert sie auf einen Diskurs, der den Protestierenden ständig ihre Kompetenz abspricht.“

The earth is getting hotter than my imaginary boyfriend

The earth is getting hotter than my imaginary boyfriendFoto: Jochen Eckel © picture alliance
Diese Demonstrantin bewegt sich irgendwo zwischen Selbstironie und Galgenhumor. Der Gegensatz zum imaginären Freund betont, wie real der Klimawandel ist. Die Doppeldeutigkeit des Wortes „hot“, also heiß, verstärkt den Gegensatz: Im Hinblick auf sexuelle Anziehung stimmt der Begriff heiter, denkt man an das Klima, erscheint er bedrohlich. Der Bedeutungswechsel hebt hervor, dass es Zeit ist, umzudenken.
Constanze Spieß erkennt außerdem eine rhetorische Stilfigur namens Metonymie, bei der ein Ausdruck im übertragenen Sinne gebraucht wird: „Planet steht in diesem Kontext für die gesamten negativen Klimawandelprozesse, die eigentlich sehr komplex sind und nicht im Einzelnen thematisiert werden. Insgesamt lässt sich darüber streiten, ob der Vergleich gelungener ist.“

Früher war der Fisch in der Packung, heute ist die Packung im Fisch

Früher war der Fisch in der Packung, heute ist die Packung im FischFoto (Detail): © picture alliance / Bernd Kammerer
„Feststellungen sind typisch für die Rhetorik von Protestplakaten“ sagt die Forscherin. Dadurch heben die Protestierenden die Dramatik der Lage hervor. Indem sie auf Fakten wie Mikroplastik in Fischmägen verweisen, verhindern sie, dass ihre Bedenken einfach wegdiskutiert werden. Wenn sie die Zustände früher und heute einander gegenüberstellen, verdeutlicht dies nicht nur die Kluft zwischen den Generationen, sondern verweist außerdem darauf, wie bedrohlich die aktuelle Situation im Gegensatz zur vergangenen ist. 

We can't let it be 

We can’t let it beFoto: © picture alliance / ZUMAPRESS.com
Mit dieser musikalischen Anleihe an die Beatles stellen sich die Jugendlichen in die Tradition des friedlichen Protests. Frau Dr. Spieß bezweifelt zwar, dass sich alle Jugendlichen dieser Geschichte bewusst sind. Sie erkennt in den Plakaten der 11- bis 18-Jährigen aber die friedliche Meinungsäußerung einer Generation, die in einer Demokratie aufgewachsen ist und jetzt deren Instrumente nutzt, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen.

Dinosaurier dachten auch, sie hätten Zeit

Dinosaurier dachte auch sie hätten ZeitFoto (Detail): © picture alliance / xim.gs
„Das halte ich für ein weniger gelungenes Plakat“, bemerkt Constanze Spieß schmunzelnd. „Schließlich sind die Dinosaurier ja nicht selbstverschuldet ausgestorben. Sie gelten aber als behäbige Tiere, denen ein schlechtes Reaktionsvermögen nachgesagt wird – vielleicht ist das ja metaphorisch für die politische Entwicklung zu verstehen?“
 
Demonstranten und Demonstrantinnen auf der StraßeFoto (Detail): Abdulhamid Hosbas © picture alliance / AA
Eines ist ganz klar: Die kreativen Plakate der Schülerinnen und Schüler sind grundlegend politisch motiviert. Es geht Fridays for Future nicht darum, eine konkrete Regelung oder gar ein Gesetz durchzusetzen. Stattdessen stellen ihre Plakate die Regeln in Frage, unter denen bisher über das Klima und andere große politische und gesellschaftliche Fragen gesprochen und entschieden wurde.

Die Rhetorik kennt drei Wirkungsebenen: Ethos, Pathos und Logos. Auf der Ethosebene arbeiten die Freitags-Demonstrierenden daran, die Glaubwürdigkeit von Sprechern und Sprecherinnen im Diskurs neu zu verteilen, indem sie sich als eine Gruppe äußern, die nicht einmal wahlberechtigt ist. Auf Pathosebene verdeutlichen sie Politikern und Politikerinnen, Wählern und Wählerinnen, wie brisant die Lage des Weltklimas und wie groß ihre Verantwortung ist. Bleibt die dritte Ebene der Rhetorik: Logos. Warum konzentrieren sich die Schülerinnen und Schüler bei einem naturwissenschaftlichen Phänomen wie dem Klimawandel nicht darauf? Ganz einfach: Die Fakten sind ohnehin auf ihrer Seite!


 

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