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Ausgesprochen … posthuman
Über Technik, Künstliche Intelligenz und Posthumanismus

Roboter auf Klaviertastatur
Foto (Detail): McPHOTO/M. Gann © picture alliance/ blickwinkel

Ein Besuch in einem Hotel kann heutzutage unheimlich sein, merkt unser Autor Eliphas Nyamogo – dank menschenleerer Lobbys, Selbst-Check-in-Terminals und kurzer Begegnungen an der Zimmertüre.

Von Eliphas Nyamogo

Ich reise sonntags selten, aber an diesem Tag bleibt mir nichts anderes übrig. Nach einer überraschend komfortablen fünfstündigen Zugreise von München nach Bonn – bequemer Sitz, schöne Landschaft, freundliches Zugpersonal und funktionierendes Wi-Fi – erreiche ich also schließlich den Bonner Hauptbahnhof. Ich gehe zum nächsten Fahrkartenautomaten und kaufe mir ein Ticket für die kurze Busfahrt zum Hotel, das ich online gebucht habe. Ich steige in den Bus, und nach genau zehn Minuten stehe ich vor dem Hoteleingang. Während ich nach einer Klingel suche, öffnet sich die Schiebetür, und ich betrete eine kleine Lobby. Dort steht nichts außer einem Telefon und einem Terminal, das im Grunde genommen einem Geldautomaten ähnelt. Das freut mich, denn ich will tatsächlich Geld abheben, und nun muss ich deswegen das Hotel nicht mehr verlassen. Ich suche nach einer Rezeption, aber da ist keine. Die Glastür, die aus der Lobby führt, öffnet sich auch nicht, als ich näher herangehe. Ich spähe durch die Scheibe, um zu sehen, ob jemand auf der anderen Seite ist, der mich hereinlassen kann. Doch dort ist weder etwas, das einer Rezeption ähnelt, noch irgendein Anzeichen von Leben. Ich wende mich um, betrachte das Terminal hinter mir und stelle fest, dass es sich um ein Selbstbedienungs-Checkin für Hotelgäste handelt. Und natürlich benötige ich dafür meine Kreditkarte.

Keine Gäste, kein Personal in Sicht

Die Anweisungen auf dem Display sind recht einfach, und das Prozedere ist größtenteils instinktiv. Ich führe meine Kreditkarte in das Terminal ein und unterschreibe auf dem Touchpad mit einem Eingabestift, der an dem Gerät hängt. Dann spuckt der Computer meine elektronische Schlüsselkarte aus, heißt mich im Hotel willkommen, zeigt meine Zimmernummer an und wünscht mir einen angenehmen Aufenthalt. Ich bin begeistert von dem unkomplizierten Anmeldeverfahren, und dennoch überkommt mich ein unbehagliches, unheimliches Gefühl. Noch immer habe ich niemandem in dem Gebäude gesehen. Selbst die Straße vor dem Hotel ist menschenleer! Ich nehme die Schlüsselkarte, halte sie vor ein kleines, grünes Licht an der Glastür, die meiner Meinung nach in die Hotellobby führen sollte. Die Tür geht auf, und alles, was ich sehe, ist ein offener Fahrstuhl. Ich laufe rückwärts hinein und versuche herauszubekommen, ob mich irgendjemand beobachtet oder mir folgt. Nein, niemand. Die Tür schließt sich, und ich zögere, bevor ich den Knopf für die Etage drücke, auf der sich mein Zimmer befindet. Ich kneife mich leicht in den linken Arm, nur um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume. „Welches Hotel hat denn keine Gäste, kein Personal und keine Rezeption?“, frage ich mich. Bevor ich eine Erklärung finde, öffnet sich der Fahrstuhl wieder. Ich gehe hinaus und erblicke einen Pfeil, der in Richtung meines Zimmers weist. Ich begebe mich zur Zimmertür und schaue mich suchend nach Personal oder Gästen um. Keine Menschenseele. Ich halte meine Schlüsselkarte an den Türgriff, drehe ihn und betrete mein Zimmer.
 
Obwohl ich nun weiß, dass ich am richtigen Ort bin, will die Beklemmung nicht weichen. Ich möchte den Fernseher anschalten, um zu erfahren, ob es Neues zu den derzeitigen Europawahlen gibt. Neben dem Telefon auf dem Schreibtisch entdecke ich ein Kärtchen, auf dem „SMART Programm“ und ein QR-Code stehen. Auf den Instruktionen darunter heißt es, ich könne mit dem Code auf das elektronische Fernsehprogramm zugreifen. Das mache ich jetzt nicht. Ich glaube, mir hat die Begrüßung erst einmal gereicht! Ich hoffe, dass morgen Früh ein paar Gäste und Mitarbeiter im Restaurant sein werden, wenn ich zum Frühstück gehe. Jetzt ist Sonntagabend.
 
Erschöpft von der Reise und der neuen, aber haarsträubenden Erfahrung lege ich mich aufs Bett und schlafe bald darauf ein. Zwei Stunden darauf wache ich durstig und hungrig auf. Es ist ja Sonntag, und in Deutschland haben Kioske, Läden, Einkaufszentren und fast alle Restaurants, besonders in Wohngegenden wie der, in der mein Hotel liegt, geschlossen. Ich habe keine Lust, zur Bushaltestelle zu laufen und zum Essen in die Stadt zu fahren. Ich werfe einen Blick auf mein Telefon, und auf dem Display blinken zwei Spontanwerbungen für Lieferservice-Apps zum Essen bestellen. Eine von ihnen wirkt ziemlich verlockend: Das Restaurant hat nur vegetarische Gerichte im Angebot, liefert an jeden Ort innerhalb eines Umkreises von zehn Kilometern und gewährt 15 Prozent Rabatt auf jede Bestellung eines Neukunden.

Mobile Apps zu meinen Diensten

Ich liege noch immer auf dem Bett, lade die App herunter, browse durch das Menü und bestelle. Ich werde gefragt, ob ich das Essen online mit Kreditkarte bezahle oder die Rechnung begleiche, wenn die Bestellung geliefert wird. Ich entscheide mich für Letzteres aus zwei Gründen: Zum einen möchte ich mir nach meiner heutigen Begegnung mit der Technik nicht vorstellen, wie mein Mahl vor meiner Türschwelle landet. Zum anderen klingt die zweite Option so, als ob jemand meine Bezahlung entgegennähme, und ich würde gern einen echten Menschen zu Gesicht bekommen und ein paar Worte mit ihm wechseln, bevor ich Abendbrot esse und zu Bett gehe.
 
Nach einer halben Stunde klingelt es. Ich steige zögerlich aus dem Bett, schleiche verstohlen zur Tür und äuge durch den Spion. Ein junger Mann steht vor meinem Zimmer mit einer Essensbox und einem Kartenlesegerät. Zuversichtlich öffne ich die Tür und bitte ihn herein, doch er lehnt höflich ab und reicht mir die Bestellung und das Kartenlesegerät. Ich stecke meine Karte hinein, tippe meine PIN ein, bestätige, und die Sache ist erledigt. In weniger als einer Minute halte ich mein Abendbrot in Händen, und der junge Mann hastet zum Fahrstuhl, vermutlich, um die nächste Bestellung auszuliefern. Als ich die Tür fest hinter mir ins Schloss ziehe und in den Raum zurückkehre, grüble ich, wie er in das Gebäude und zu meinem Zimmer gelangt ist, aber das kann ich ihn jetzt nicht mehr fragen.
 
Nun habe ich doch noch einen Menschen im Hotel gesehen, aber weder einen Gast noch einen Angestellten. Wir leben gewiss in aufregenden und verwirrenden Zeiten. Ich bin hier, um eine internationale Medienkonferenz zum Thema „Shifting Powers“ (Machtverschiebungen) zu besuchen. Ich glaube, jetzt bin ich bereit dafür, komme, was wolle!
 

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