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Ausgesprochen … posthuman
Cannabis als Allheilmittel?

Cannabispflanze
Die Cannabispflanze hat zwei Hauptmoleküle: THC und CBD. | Foto (Detail): Matthew Brodeur/Unsplash

Seit Marihuana für Freizeitzwecke in Kalifornien legal weitergegeben und verkauft werden darf, läuft erneut eine hitzige Debatte über den Nutzen und Schaden von Cannabis. Liwen Qin interessiert sich für die Fakten.

Von Liwen Qin

Immer häufiger setzt die Wissenschaft in medizinischen Studien Cannabis ein. Das bedeutet, dass ein Medikament, das in Asien seit Tausenden von Jahren Verwendung findet, möglicherweise nach zweihundert Jahren „Gefängnis“ „befreit“ wird und sein Potenzial entwickeln kann. Dieser Trend unterstreicht auch, wie viel wir über unser Nerven- und Immunsystem noch immer nicht wissen. Hinzu kommen einige neue soziale und wirtschaftliche Auswirkungen der legalisierten Cannabis-Nutzung.

Die USA leben es vor

Marihuana für Freizeitzwecke kann in Kalifornien seit Januar 2019 legal weitergegeben und verkauft werden – was eine neue Runde hitziger Debatten über den Nutzen und Schaden von Cannabis befeuert hat. Zunächst einmal ist interessant zu wissen, dass Cannabispflanzen zwei Hauptmoleküle haben: THC und CBD. THC oder Delta-9-Tetrahydrocannabinol ist bekannter, weil es sich dabei um das psychoaktive Element handelt.
 
Aber zunehmend findet CBD oder Cannabidiol aufgrund seiner bemerkenswerten medizinischen Wirkungen – ohne dabei seine Konsumenten high zu machen – stärkere Beachtung. CBD schützt Neuronen vor oxidativem Stress, einem schädlichen Vorgang, der bei zahlreichen neurologischen Erkrankungen wie etwa Epilepsie häufig auftritt.

Wie fürsorglich unser Körper doch ist

Interessanterweise verfügt unser Körper über zahlreiche Rezeptoren für THC und CBD: im Gehirn, in den Nieren, in Lunge und Leber, den weißen Blutkörperchen des Immunsystems, im Darm und in der Milz. Der Grund dafür ist überraschend: Unser Körper produziert bei Bedarf seine eigenen CBD-Moleküle, damit wir uns entspannen oder um uns zu schützen. Dies wurde 1992 vom „Urvater der Cannabisforschung“, Raphael Mechoulam aus Israel, entdeckt.
 
Das Rezeptoren- und Transmittersystem, das seine Kollegen identifiziert haben, wird Endocannabinoides System genannt. Es spielt eine zentrale Rolle dabei, wie der Körper seinen Grundzustand aufrechterhält und nach einer Störung wieder erreicht. Wenn unser Körper verletzt, geschädigt oder physisch gestresst wird, erhöht er das lokale CBD, um uns zu beruhigen und sogar beschwingt zu machen. Ein sehr fürsorgliches Verhalten. Dennoch wissen wir nach wir vor nicht sehr viel darüber, wie CBD wirkt.

Suche nach alternativen Medikamenten

Wissenschaftler*innen erforschen CBD heute als mögliche Behandlung von Epilepsie, Autismus-Spektrum-Störungen, einem aggressiven Gehirntumor namens Glioblastom, von akuten Graft-versus-Host-Reaktionen (Transplantat-gegen-Wirt-Reaktionen) bei knochenmarktransplantierten Patient*innen oder Nervenschmerzen bei Chemotherapie-Patient*innen. Ärzte- und Wissenschaft sind dabei häufig nicht die Vorreiter, sondern Gefolgsleute ihrer Patient*innen – denen keine andere Wahl bleibt, ihre Beschwerden zu behandeln, als selbst nach alternativen Medikamenten zu suchen.Viele dieser Beschwerden, wie etwa Epilepsie bei Kindern, sind so schwerwiegend, dass die verzweifelten Familien der Patient*innen sogar Gesetzesverstöße riskieren, um illegale CBD-Produkte oder Cannabis zur Behandlung zu erwerben. Von Zeit zu Zeit lassen sich positive und sogar wundersame Effekte beobachten, aber die diesbezügliche Forschung steckt noch in den Anfängen. Insbesondere in den vergangenen sechs Jahren in den USA hat dies dazu geführt, dass sich eine Bewegung bildete, die emotional in verschiedenen Ländern für weniger Vorschriften in der medizinischen Nutzung und Forschung von Cannabis kämpft.

Die Aktienmärkte reagieren positiv

Zugleich hat die verstärkte Nutzung von Cannabis eine aufblühende Industrie angekurbelt. Viele Firmen, deren Geschäft mit Cannabis oder CBD-Produktion zu tun hat, beobachten einen steilen Anstieg ihres Aktienkurses. Selbst in China, einem Land, das für den Handel mit Cannabis die Todesstrafe verhängt, haben mehrere Provinzen Firmen in den vergangenen Jahren erlaubt, Cannabis zu industriellen Zwecken zu kultivieren.

Im kommenden Jahrzehnt werden wir womöglich eine tolerantere Haltung gegenüber Cannabis beobachten. Und vermutlich blicken zukünftige Generationen einst kopfschüttelnd auf unsere Zeit zurück, ähnlich wie wir heute durch die Linse der Gegenwart auf die Prohibition.

 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Liwen Qin, Maximilian Buddenbohm, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Liwen Qin beobachtet in „Ausgesprochen … posthuman“ den technischen Fortschritt und wie er unser Leben und unsere Gesellschaft beeinflusst: im Auto, im Büro und an der Supermarktkasse.

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