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Ausgesprochen ... Berlin
Slalom mit Hupkonzert

Völlig verschwitzt und mit den Nerven am Ende: Radfahren in der Hauptstadt
Völlig verschwitzt und mit den Nerven am Ende: Radfahren in der Hauptstadt | Foto (Detail): Özlem Yilmazer © dpa

Gerasimos Bekas dachte, die Zeit der Mutproben sei vorbei – bis er doch noch einmal das Fahrrad aus dem Keller holte, um die Hauptstadt zu erkunden!

Von Gerasimos Bekas

Wie lässt sich die Stadt, von der ich euch erzählen will, besser erkunden als auf dem Fahrrad? Bevor es losgeht, halte ich ein umfangreiches Ritual ab: Ich schleppe das Rad aus dem Keller, pumpe Luft in die schlaffen Reifen, öffne sämtliche Vorhängeschlösser, setze mir die Sonnenbrille auf und steige endlich auf den Sattel. Mein Haar flattert im Wind, als ich meine Neuköllner Nachbarschaft verlasse.

Auf der Karl-Marx-Straße fahre ich in Richtung Hermannplatz. Seit Kurzem markieren hier farbige Streifen auf dem Asphalt die Fahrradspuren. So richtig durchgesetzt haben sich sich offenbar aber trotzdem noch nicht. Ich bin noch keine hundert Meter gefahren, da muss ich schon wieder absteigen: Lieferverkehr. Der Radweg wird von einem Transporter blockiert. Ein Mann räumt Gemüsekisten von der Ladefläche, nickt mir zu. „Immerhin ist er nett“, denke ich mir, als ich auf der Autospur um den Transporter herumfahre. Dabei verursache ich ein kurzes Hupkonzert, was nicht weiter tragisch ist, denn die Berliner*innen hupen oft und gern. Ich setze meine Fahrt fort.

Immerhin ist er nett

Auf einmal wird mir wieder klar, warum ich das Fahrrad überhaupt erst in den Keller geräumt hatte. Während einer zehnminütigen Radtour durch Berlin produziert mein Körper so viel Adrenalin wie bei einem Fallschirmsprung, zumindest wenn der Fallschirm erst beim dritten Versuch öffnet.

Ich gewöhne mich schnell an den Slalom um die Lieferfahrzeuge, auch die herumliegenden E-Roller sind für mich keine unüberwindbaren Hürden. Als eine besondere Herausforderung offenbaren sich jedoch Verkehrsteilnehmer*innen, die Ampelfarben freier interpretieren als vorgesehen. Hinter dem Hermannplatz, an der Hasenheide entlang, reihen sich Schlaglöcher und Unebenheiten aneinander. Glasscherben bedrohen meine Reifen, und Leute, die plötzlich vom Gehweg auf den Radweg taumeln, ohne sich umzusehen, nagen an meinem Nervenkostüm.

Mit den Nerven am Ende

Auf der Gneisenaustraße: wetterfeste Jacken, Helme und Luxus-Satteltaschen – Berufspendler*innen begleiten mich also nun auf meinem Weg. Ich bin jetzt zwanzig Minuten unterwegs, völlig verschwitzt und mit den Nerven am Ende. Zum Glück ist der Park am Gleisdreieck nicht weit. Hier fahren keine Autos, es ist schön grün und auf den alten Bahnbrachen kann ich durchatmen.

Ich parke mein Fahrrad, ohne es anzuschließen, denn in diesem Moment könnte ich mit seinem Verlust gut leben. Ein kleiner Spaziergang soll mich auf andere Gedanken bringen. Ich freue mich an den Eichhörnchen, die von Baum zu Baum huschen, und am Vogelgezwitscher um mich herum, bis es von dröhnenden Bässen übertönt wird. Was ich sehe, lässt mich daran zweifeln, ob es mit der menschlichen Zivilisation wirklich vorwärtsgeht: Acht Männer sitzen auf einem Bierfass mit Rädern, trinken, rauchen, grölen und treten in die Pedale. Ein Bierbike, auch Thekenfahrrad genannt, fährt an mir vorbei und ich erkenne an den bedruckten T-Shirts der Männer, dass Manni „endlich unter die Haube” kommt. Ein Junggesellenabschied. Womit habe ich das verdient? Normalerweise sieht man so etwas am Brandenburger Tor oder am Alex. Wenn man nicht mal mehr im Park sicher vor diesem Spektakel ist, wo dann?

Nachdenklich laufe ich zurück. Mein Fahrrad steht noch da. Die Zeit ist reif für einen Helm.
 

„AUSGESPROCHEN …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Gerasimos Bekas, Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen und Dominic Otiang’a. Gerasimos Bekas wirft sich in „Ausgesprochen … Berlin“ für uns ins Getümmel, berichtet über das Leben in der Großstadt und sammelt Alltagsbeobachtungen: in der U-Bahn, im Supermarkt, im Club.

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