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Europa
Europa auf der Couch der Psychotherapeuten

Europa auf der Couch der Psychotherapeuten
Europa auf der Couch der Psychotherapeuten | Foto (particolare): © Colourbox.de

In Mailand haben Psychoanalytiker, Historiker, Philosophen über das psychische Befinden des Alten Kontinents gesprochen. Über Missverständnisse und Traumata, die weit in die Geschichte zurückgehen.

Von Andrea Affaticati

„Hier geht es um Europa. Aber fangen wir mit folgender Frage an: Kann man einen Schuh lieben? Warum nicht, wenn er vom Stil und der Größe her perfekt passt? Aber kann man einen Schuh lieben, der überall drückt? Wenn die Antwort ja lautet, dann haben wir ein Problem. Jetzt versuchen wir, Europa mit einem Schuh zu vergleichen. Dass dieser im Moment nicht wirklich passt ist eine Tatsache. Meine Frage also an Sie, kann man Europa lieben?“.
 
Diesen in der Tat außergewöhnlichen Vergleich stellte der Moralphilosoph Davide Tarizzo im Laufe des Forums Liebe und Hass gegenüber Europa, das am 16. Februar in der Mailänder Università Statale stattgefunden hat. Es war das dritte Treffen zum Thema Europa und Psychoanalyse, das der Europäische Verband der Psychoanalyse zusammen mit der Lacan-Schule und der internationalen Lacan-Bewegung Movida Zadig hierzulande organisiert hat. Den Vergleich mit dem Schuh fanden nicht alle treffend. Der Brüssler Psychiater Alexandre Stevens meinte, man könne doch Europa nicht auf ein Objekt reduzieren, während sich seine Kollegin Christiane Alberti unangenehm an die Nazispringstiefel erinnert fühlte.

Bevormundung vs. Regression

Aber was hat die Psychoanalyse mit Europa zu tun? Die Antwort lieferte Domenico Cosenza, Vorsitzender des europäischen Psychoanalytiker-Verbands. Er wies darauf hin, dass schon Freud sich mit diesem Thema in seinem Werk Massenpsychologie und Ich-Analyse beschäftigt habe. „Wenn ich an die Geschichte Europas des 20. Jahrhunderts denke, dann fällt mir immer Joseph Conrads Herz der Finsternis ein“, bemerkte wiederum der Psychoanalytiker Marco Fiocchi. „Europa entstand aus den Trümmern des zweiten Weltkriegs, hatte selbst die Finsternis des Herzens erfahren. Danach rückten die Staaten nach jedem Vertrag einen Schritt näher zusammen.“ Zumindest taten dies die westeuropäischen Staaten, Osteuropa stieg erst nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 in diesen Prozess ein. Und gerade anhand der West- und Ostannäherung, von Integration kann vielleicht doch noch nicht die Rede sein, sieht man wie sehr hier die Psychologie mit im Spiel ist. Die seit 2004 der EU beigetretenen Länder klagen darüber, vom Westen wie „arme Verwandte“ behandelt und bevormundet zu werden. Die Westeuropäer haben wiederum das ungute Gefühl, die Nachbarn würden sich mit ihren zunehmend autoritären, oder wie es der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán nennt „illiberalen“ Demokratien, in einer Regressionsphase befinden. Außerdem finden sie, die Osteuropäer würden sich, was die Aufnahme der Migranten betrifft, absolut unsolidarisch benehmen.

Nicht nur der Einzelne, auch ein ganzes Land kann traumatisiert sein

„Es nützt aber wenig mit dem Finger auf den andere zu zeigen“ meint Giulia Lami, die Osteuropäische Geschichte lehrt. „Um zum Beispiel die Ablehnung der Oststaaten gegenüber den Migranten auch nur ansatzweise zu verstehen, muss man sich mit der Geschichte dieser Länder befassen. Eine Geschichte in der Totalitarismus und Massendeportationen eine große Rolle gespielt haben. In der Fachsprache sagt man, diese Völker leiden unter einem ‚post-totalitärem Syndrom’“. Einerseits ist da die Angst, dass sie niemand mehr vor dem Nachbarn Russland schützt unter dessen Herrschaft Millionen von ihnen deportiert wurden, andererseits die Befürchtung, die Migranten könnten ihnen ihre nationale Identität rauben. Wobei nicht nur „der Fremde“ in sich das Problem ist, sondern auch die Auswanderung vieler Osteuropäer in den Westen. Deswegen investieren Polen und Ungarn in die Familienpolitik. Natürlich sind Ängste oft irrational, „und Aufgabe der Psychoanalyse ist es nicht; Lösungen aufzudrängen“, bemerkte die Psychologin Luisella Brusa. Bei Lacan heißt es, man muss dem Patienten aus seiner übermäßigen Angst heraushelfen, nur so könne er wieder für die „Jouissance“, Lust, empfänglich sein und nach vorne blicken.
 
Welche Rolle dabei die Sprache spielt, unterstrich der Moralphilosoph Gianfranco Mormino. Heute stünden sich Hasstiraden und „Political Correctness“ im ständigen Konfrontationsmodus gegenüber, wobei sich die Rhetorik in beiden Fällen der Abstraktionen bediene: die Brüsseler Beamten, die Engländer usw. „Uns Bürgern hat man das Recht auf das Verstehen genommen“, meinte Mormino. Ein interessanter Ansatz, um die Debatte über Europa, ihre Bürger, ihr Wohlbefinden fortzuführen.

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