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Zeitgenössische Literatur aus Deutschland gilt in Italien als schwierig
Klassiker und Spitzentitel

Frankfurter Buchmesse
Frankfurter Buchmesse | © Frankfurter Buchmesse | Foto (Zuschnitt): Fabio Melotti

Das Interesse an deutscher Literatur ist in Italien in den vergangenen Jahren gesunken, vor allem für zeitgenössische Literatur. Gleichzeitig setzen Klassikerausgaben wie die soeben erschienene Hölderlin-Übersetzung auch Maßstäbe für deutsche Wissenschaftler.
 

Wenn Luigi Reitani Friedrich Hölderlin gegen mangelnde Achtung in Deutschland vor dessen Werk als Autor von Briefen verteidigt, entsteht der Eindruck, nirgends herrsche größeres Interesse für dessen Werk als ausgerechnet in Italien. Der bisherige Leiter des Istituto Italiano di Cultura in Berlin verfügt in seiner eigenen Bibliothek nicht nur über eine liebevoll gehütete große Sonderabteilung zu dem Dichter. Er hat vor Kurzem auch eine viel beachtete Neuübersetzung von Hölderlins Werken ins Italienische herausgegeben.
 
Michele Sisto Michele Sisto | © Bettina Gabbe Die Leidenschaft des zurückhaltend auftretenden Reitani und die Liebe zum Wort des Übersetzers Cesare Lievi für Hölderin, überzeugte offenbar Mondadori. Der große Mailänder Verlag rechnete mit ausreichend Verkäufen, um das Projekt des soeben erschienen zweiten Hölderlinbandes mit Prosawerken zu wagen.
 
Dabei hat das Interesse an deutscher Literatur in Italien in den vergangenen zehn Jahren nachgelassen. Das gelte vor allem für den Umgang großer Verlage mit zeitgenössischen Autoren, sagt Reitani. Gleichzeitig seien kleinere Verlage wie Keller, L’Orma und Del Vecchio geradezu auf der Jagd nach jungen Autoren aus Deutschland, meint Michele Sisto von der Universität Pescara.

Italien bei Auslandslizenzen deutscher Titel an dritter Stelle

Laut Börsenverein des deutschen Buchhandels belegte Italien im vergangenen Jahr bei ins Ausland verkauften Lizenzen den dritten Platz nach China und Russland. Wie üblich entfielen von den insgesamt 411 Titeln nur eine Minderheit von 135 auf Belletristik, darunter 26 vom Goethe-Institut geförderte Übersetzungen.
 
In Italien bilden Übersetzungen aus dem Englischen und Amerikanischen achtzig Prozent der ausländischen Neuerscheinungen. Unter den restlichen zwanzig Prozent rangiert deutsche Belletristik nach französischer etwa gleichauf mit spanischer.

Vorurteile gegen angeblich schwierige deutsche Literatur

Bei großen Verlagen gebe es möglicherweise das Vorurteil, dass deutsche Literatur von heute „schwierig, nicht so unterhaltsam sei und sich nicht verkauft“, meint der Hölderlin-Experte Reitani. Nicht nur kleinere Verlage sondern auch größere wie Bompiani mit einer in Kürze erscheinenden Auswahl der Gedichte von Jan Wagner setzen mitunter jedoch auf nicht als Verkaufsschlager bekannte Lyrik.
 
Deutsche zeitgenössische Literatur wird in Italien zwar veröffentlicht, aber „sehr wenig wahrgenommen“, beobachtet Ludwig Paulmichl vom Bozener Folio Verlag, der als Kulturvermittler zwischen beiden Sprachen aktiv ist. Das Lizenzgeschäft gehe vor allem mit Krimis. „Funktioniert aber auch nicht grandios“, sagt der Verleger. Übersetzt würden vor allem „Spitzentitel und Spitzenunterhaltungstitel“ wie der österreichische Bestseller „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer oder Robert Menasses „Die Hauptstadt“. Klassikerausgaben wie die von Reitani herausgegebenen Werke von Hölderlin setzten allerdings auch für Deutschland einen neuen „Maßstab“.

Prestigeverlust

Der junge Germanist Sisto führt das gesunkene Interesse an deutscher Literatur auf „Prestigeverlust“ zurück. Nach W.G. Sebald habe es mit Ausnahme von Durs Grünbein keine Autoren mehr gegeben, die als „Bezugsgröße“ wahrgenommen würden. In der deutschen Literatur gehe es vielfach um die Wiedervereinigung oder das Leben in Berlin, weniger um Themen, die auch außerhalb Deutschlands relevant seien.
 
Während Autoren wie Günter Grass, Heinrich Böll, Franz Kafka, Rainer Maria Rilke und Hölderlin in der Nachkriegszeit in Italien entdeckt wurden und laut Sisto zur Modernisierung der Kultur beigetragen haben, gab es in den 80er Jahren starkes Interesse an DDR- und  nach dem Mauerfall an Wendeliteratur.
 
Das Interesse an Klassikern ist in Italien nach wie vor groß, beobachtet auch Maria Gazzetti in den Räumen, in denen Goethe und der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein einst eine Künstler-WG bildeten. Die Leiterin der Casa di Goethe in Rom beklagt, dass es in Deutschland an Bestsellerautoren wie Andrea Camilleri, Roberto Saviano und Elena Ferrante mangle, die das Interesse auch für andere Schriftsteller wecken. Deutsche Autoren, die etwa verschrobene Figuren in der Uckermark beschrieben, „wollen nicht von der Welt gelesen werden“, glaubt die ehemalige Leiterin des Literaturhauses Frankfurt.
 
In dieser Gemengelage kommt Persönlichkeiten wie der preisgekrönten Übersetzerin Roberta Gado eine besondere Rolle als Kulturvermittlerin zu. In der Vergangenheit sei zeitgenössische deutsche Literatur zeitweise mit der Vorstellung von KZ-Literatur verbunden gewesen, sagt die in Leipzig lebende Übersetzerin. In der Literaturvermittlung der letzten zwanzig Jahre sei es daher darum gegangen, das italienische Bild der deutschen Literatur zu verändern. Es sei wichtig, neben Wendeliteratur frische, zeitgenössische, interessante, auch humorvolle Texte aus Deutschland bekannt zu machen.
 
 

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