Kulinarisches & Kultur Wissenschaftlerin in Neapel, Köchin in Berlin

Wissenschaftlerin in Neapel, Köchin in Berlin
Wissenschaftlerin in Neapel, Köchin in Berlin | © Fabio Nigro

4.811.163: Das ist die Zahl der Italiener, die am ersten Januar 2016 ihren Wohnsitz offiziell im Ausland hatten. Im Durchschnitt sind es einer von zwölf: ein sehr hoher Anteil, wobei das bevorzugte Ziel Deutschland ist.

Hauptsache, Kultur verbreiten

Stefania Impagliazzo Stefania Impagliazzo | © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Nigro Eine von ihnen ist Stefania Impagliazzo, Neapolitanerin aus dem Stadtteil Arenella, Jahrgang 1974, die 2014 nach Berlin gezogen ist, um im Herzen Friedrichshains, dem lebhaften Viertel im ehemaligen Ostteil der Stadt, ein Restaurant mit typisch neapolitanischer Küche zu eröffnen.

„Gastwirte gab es in meiner Familie vor mir keine, und auch ich hatte nie zuvor in einem Restaurant gearbeitet, außer ab und an als Kellnerin.“ Wie kommt es dann, dass Jamme Ja heute zu einem der besten italienischen Restaurants in Berlin zählt? Das hat zwei Gründe: zum einen Stefanias Persönlichkeit wie auch die ihres Lebens- und Geschäftspartners Fabio Nigro, zum anderen allgemeiner die neue Generation italienischer Restaurants in Berlin, die man regelrecht als soziales Phänomen bezeichnen kann.

Von der Wissenschaftlerin zur Köchin

„Ich habe an der Universität von Neapel Biologie studiert. 2011 beschloss ich, eine Doktorarbeit in Agrarwissenschaften zu schreiben, mit einem Projekt über die Wälder der nördlichen Anden, insbesondere Ecuadors und Kolumbiens. Durch die Analyse des Kohlenstoffgehalts im Boden lässt sich herausfinden, warum die Bäume nur bis zu einer bestimmten Höhe wachsen und nicht höher. Ich bekam kein Stipendium, das meine Ausgaben gedeckt hätte, sondern arbeitete beim Museum „Città della scienza“ (Stadt der Wissenschaft) in Neapel, wo ich Workshops für Schulklassen organisierte, sowie als freie Wissenschaftsvermittlerin. Ich war mit Herzblut dabei, schließlich war ich immer schon eine Naturliebhaberin, und alles, was ich sparen konnte, investierte ich in meine Forschung. Zur Vertiefung meiner Studien flog ich mehrmals nach Südamerika ins Naturschutzgebiet von Guandera und verbrachte einige Monate im Forschungszentrum der Universität von Montpellier.“ Unterdessen bereicherte die Bekanntschaft mit Fabio ihr Leben, erst als Kollege, dann als Lebensgefährte. „Er kommt auch aus Neapel, ist ein Jahr älter als ich und ebenfalls Naturwissenschaftler. So schloss ich mich dem Verein Vento di Natura an, den er mit zwei Freunden, einem Geologen und einem Naturforscher, gegründet hatte und der Naturerkundungen mit langen Spaziergängen in Mittelitalien anbietet. Es gelang uns, an Fördermittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung zu kommen, der die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen armen und reichen Regionen der EU verkleinern soll. Wir hielten Wissenschaftsvermittlung für einen guten Weg, zum Wachstum in der Region beizutragen, also in Neapel und Kampanien. 2011 wurden wir vom Wissenschaftsfestival „Festival delle scienze“ in Genua eingeladen. Alles schien gut zu laufen, aber europäische Fördermittel zu bekommen wurde immer schwieriger. Früher bewarben sich für diese Förderlinie nur Studierende und Nachwuchswissenschaftler. Durch die Krise beantragten plötzlich auch Gymnasiallehrer und Unidozenten solche Mittel. Für uns wurde es also immer schwerer, da reifte in uns nach und nach die Idee, ins Ausland zu gehen.

Warum Berlin?

„Nach Berlin hatte uns einige Jahre zuvor unsere erste Reise als Paar geführt – oder besser gesagt als Trio, schließlich war auch ein Freund von uns dabei. Es war Liebe auf den ersten Blick, aber als wir übers Auswandern nachdachten, hatten wir zuerst Paris im Kopf. Französisch sprach ich schon, ich dachte also, dass ich dort im Bereich der Naturwissenschaften arbeiten könnte. Auf Berlin kamen wir dann durch ein befreundetes Paar, das gerade hinzog. Das Leben war hier zweifellos günstiger als in Frankreich. Erst gingen wir für ein paar Wochen hin, um das Terrain zu erkunden, dann für einen ganzen Monat, um Kontakte mit Schulen und italienischen Verbänden zu knüpfen, um die Stadt zu verstehen und herauszufinden, ob es sinnvoll und nicht zu riskant wäre, unser beiseitegelegtes Geld in ein neues Abenteuer zu investieren: nämlich damit ein Restaurant zu eröffnen.“ So wurde Jamme Ja geboren. „Eröffnet haben wir im März 2014. In den Jahren davor hatte ich in Neapel einige Kochkurse bei Antonio Tubelli besucht, einem Chefkoch, durch den ich verstand, wie außergewöhnlich die Geschichte der traditionellen neapolitanischen Küche ist. Ich liebte kochen schon immer, aber durch ihn habe ich entdeckt, dass sich hinter jedem Rezept eine Geschichte und ein Wissen verbirgt, das es zu bewahren und zu verbreiten gilt.“

Jamme Ja als Vorwand, Kultur zu verbreiten

„Als wir in Berlin angekommen und noch dabei waren, ein Lokal zu renovieren, boten wir zunächst auf Märkten neapolitanischen Street Food an. So testeten wir, wie unsere Gerichte bei den Deutschen ankamen. Das war nicht einfach, viele unserer Ideen wurden anfänglich vom Publikum verschmäht, aber wir haben nicht davon abgelassen.“ Den Geschmäckern der Nichtitaliener nachzujagen, die – zumindest im Ausland – auf der Karte immer Lasagne und Spaghetti Carbonara erwarten, war nicht ihr Ziel. „Vielleicht hätten wir so auf Anhieb mehr Geld verdient, aber für uns war das Restaurant nicht einfach eine Möglichkeit, über die Runden zu kommen, sondern wir hatten den Ehrgeiz, Kultur zu verbreiten.“ Hier also der zweite der oben genannten Gründe für den Erfolg von Jamme Ja: Stefania Impagliazzo und Fabio Nigro haben es, anders als viele italienische Restaurants der Vergangenheit, nicht nötig, die italienische Flagge über den Eingang zu hängen, denn Italien, das wahre Italien, steckt in ihren Rezepten. „Wir sind beharrlich bei bestimmten Rezepten geblieben, und nun trägt diese Entscheidung Früchte. Jeden Freitag organisieren wir einen Aperitif mit neapolitanischem Street Food: frittierter Pizza sowie panierten Zucchini und Auberginen. Da ist der Laden immer proppenvoll.“ Berlin gibt, Berlin nimmt: „Im Moment haben wir das Projekt, mit Schulen zusammenzuarbeiten, erst einmal beiseitegelegt. Das Restaurant fordert unsere ständige Anwesenheit, aber wir hoffen, dass wir unsere früheren Wege mit der Zeit teilweise wieder aufnehmen können. In Berlin liegt noch immer die Vorstellung in der Luft, dass alles möglich ist, dass die rosige oder weniger rosige Zukunft von Initiativen wie unserer nur von uns selbst abhängt. Wir wissen nicht, ob wir für immer hier leben werden, wir würden das Reisen gerne wieder aufnehmen und hätten auch nichts gegen ein milderes Klima, aber im Moment ist hier unser Platz in der Welt, und wir sind glücklich damit.“