Kulinarisches & Kultur Meine von Blixa Bargeld ins Herz geschlossene Eisdiele

Auf der Berliner Max-Beer-Straße, einer kleinen Wohnstraße in Mitte, gibt es einen zweistöckigen Laden mit hausgemachtem Eis, vor dessen Theke sich im Sommer wie im Winter gewöhnlich eine Schlange bildet. Die Eisdiele heißt Cuore di Vetro, und zwei junge Italiener haben sie gegründet: die 31-jährige Angelika Kaswalder und der ein Jahr ältere Guido Dorigo.

Cuore di vetro Cuore di vetro | © Goethe-Institut Italien | Foto: Cuore di vetro Wenn man bedenkt, was die Deutschen normalerweise unter Eis verstehen, nämlich einen sommerlichen Nachtisch für heiße Tage, ist den beiden eine regelrechte „Revolution“ gelungen. Sie setzen auf die Qualität ihrer Zutaten und dank diverser Studien und Experimente erneuern sie ihre Rezepte regelmäßig; so wurde aus einem saisonalen Geschäft ein Laden, der das ganze Jahr über auf hat. Dieses Jahr wurden sie von Slow Food sowohl als beste „Chef del gelato“ als auch für das beste Pistazieneis der Stadt ausgezeichnet. Vor zwei Jahren wurde bereits ihr Schokoladensorbet prämiert, damals vom Stadtmagazin Zitty. Doch wenn wir Angelika fragen, worüber sie sich seit Eröffnung des Lokals am meisten gefreut hat, antwortet sie sofort: „Dass einer meiner Lieblingsmusiker zu unseren treuen Kunden zählt: Blixa Bargeld. Ich bin mit den sagenhaften Einstürzenden Neubauten aufgewachsen. Guido und ich haben uns vor vielen Jahren ausgerechnet auf einem ihrer Konzerte in Bologna kennengelernt. Es war Schicksal, dass wir die Eisdiele vor seinem Haus aufgemacht haben und dass wir ihn eines Tages unser Eis kosten sahen.“ Was er seitdem so oft wiederholt hat, dass Bargeld sie bei einem Auftritt in der Volksbühne in den ersten Reihen sitzen sah und das Publikum gleich darüber aufklärte, dass Cuore di Vetro seine Lieblingseisdiele sei. „Nie hätte ich gedacht, dass Eis Teil meines Berufslebens werden würde. Guido und ich waren mit ganz anderen Zielen nach Berlin gezogen. Aber es ist gut, wie es ist, vielmehr: bestens.“

Der Umzug

Angelika und Guido, damals ein Paar, heute Freunde und Geschäftspartner, sind beide 2011 in der deutschen Hauptstadt angekommen: „Ich hatte kurz zuvor meine Stelle bei einem römischen Verlag aufgegeben, für den ich mehrere Jahre gearbeitet hatte, der aber schon seit einiger Zeit keine Gehälter mehr auszahlte. Dabei war es ein wichtiger Verlag, für den ich von Florenz, wo ich Politikwissenschaft studiert hatte, nach Rom gezogen war.“ Ihre Wurzeln hat Angelika aber im Trentino, in „Vattaro, in der Provinz Trient, wohin meine aus Südtirol stammenden Großeltern eine Generation vor meiner Geburt gezogen waren, aus beruflichen Gründen.“ Was treibt eine Geisteswissenschaftlerin dazu, nach Deutschland auszuwandern? „Eine Leidenschaft für die deutsche Kultur und die Lust, Musik zu machen. Damals spielte ich in einer vierköpfigen Band. Wir hätten eigentlich alle nach Berlin ziehen sollen, um ein Musiklabel zu finden, aber als alles schon geplant war, hat der Gitarrist einen Rückzieher gemacht. Guido ist aus Liebe mitgekommen, machte aber auch selbst Musik und wollte ebenfalls sein Glück in Berlin versuchen.“ Wie kommt man vom Musikmachen zu einer Eisdiele? „Während wir uns als Künstler zu etablieren versuchten, mussten wir irgendwie für unseren Unterhalt sorgen. Ich nahm einen Job in einem Call Center an und Guido arbeitete in einer Bar in Charlottenburg. Irgendwann wurde uns dann klar, dass wir, wenn wir uns schon totarbeiten mussten, das lieber für uns selbst tun sollten. So entstand die Idee, ein Lokal zu eröffnen. Im Sommer davor hatte ich auf einer Reise nach Italien einen mit meinem Vater befreundeten Gelatiere kennengelernt, der mir von seiner Arbeit erzählte. Ich war begeistert. Und so habe ich meinen ganzen Jahresurlaub auf einmal genommen, um die Carpigiana Gelato University in Bologna zu besuchen. Zurück in Berlin machte ich mich ans Lernen wie früher zu Unizeiten: Biochemie, Mathematik… die Ausgewogenheit der Zutaten zu finden, ist nicht einfach; um gutes Eis herzustellen, muss man lernen, Komponenten miteinander zu verbinden, die das von Natur aus nie tun würden.“ Die Suche nach einem geeigneten Lokal zog sich lange hin. „Auch weil wir nicht viel Geld hatten und alle Geschäfte, die wir uns anschauten, eine Abfindung von mindestens zwanzigtausend Euro verlangten. Keine Bank wollte uns einen Kredit geben. Als wir schon langsam den Mut verloren, war der Laden in Mitte wirklich ein Glückstreffer: kein Makler, keine Abfindung. Er musste bloß renoviert werden. Das machten wir mit Hilfe von Freunden an den Wochenenden. Unsere alten Jobs gaben wir erst zwei Wochen vor der Ladeneröffnung auf, anders hätten wir es uns nicht leisten können. Der Name Cuore die Vetro bezieht sich auf Herz aus Glas, einen unserer Lieblingsfilme von Werner Herzog. Außerdem stellen wir unser Eis mitten im Herzen der Eisdiele her, nur durch eine große Glasscheibe vom Rest des Lokals abgetrennt, sodass alle zusehen können.“

Die ersten Eiswaffeln und die Zukunft

„Um Kunden zu gewinnen, lief Guido auf die Straße und bot Passanten Eis an, als wären wir auf einem Markt. Zum Glück mussten wir nicht lange warten, bis nach ein paar Monaten Erlös und Ausgaben ausgeglichen waren. Heute haben wir sechs Angestellte und haben vor, unsere Marke auch in andere Länder zu exportieren.“ Nach Italien? „Nein, Europa zwar schon, aber weiter östlich. Italien fehlt mir, ich sehne mich nach den Fußgängerzonen der Altstädte und nach der landschaftlichen Vielfalt, dort findet man ja im Umkreis weniger Kilometer ganz unterschiedliche Dialekte, Geschmäcker und Panoramen, hier ist alles flach und gleichartig, aber auch wieder nicht so sehr, dass ich übers Zurückgehen nachdenken würde, jedenfalls nicht mittelfristig.“ Und die Musik? „Guido spielt weiter in einer Band, bei mir ruht die Musik gerade, ein Funken würde genügen, wer weiß, ob mir Berlin nicht auch den bald schenkt…“.