Italiener mit Italienern in Berlin Ich spiele auf Italienisch für meine Landsleute in Berlin – und ich könnte nicht glücklicher sein

Carlo Loiudice
Carlo Loiudice | © Vincenza Benedettino

„Berlin? Ich bin hierhergekommen, weil ich nach fünfzehn Jahren Schauspielerei in Italien das Schauspielerleben satt hatte. Ich wollte eine normale Arbeit. Die ersten 40 Tage in Berlin habe ich in einem Hostel verbracht.“

„Währenddessen suchte ich einen Job, aber da gab es ein großes Problem: Wer wird sich wohl für deinen Lebenslauf interessieren, wenn du in deinem Leben bis zum Alter von 38 Jahren nur als Schauspieler gearbeitet hast? Bloß Theater. Also habe ich als Mädchen für alles in einem kleinen Theater und Kreativraum im Wedding, dem Mica Moca, angefangen.“

Die erste Zeit in Berlin

Carlo Loiudices Geschichte könnte auf den ersten Blick in die Kategorie italienischer Künstler in Berlin eingeordnet werden, zu der immer mehr Menschen zählen. Im Unterschied zu vielen anderen aber hat er sich sein Publikum nicht bloß gesucht, sondern selbst geschaffen. Als er 2011 aus seiner Heimatstadt Altamura (Teil der Metropolitanstadt Bari in Apulien)[M1]  in die deutsche Hauptstadt zog, waren Theatervorführungen in italienischer Sprache in Berlin eine Seltenheit. Zwar wurde hin und wieder irgendein – durchaus sehenswertes – Stück aufgeführt, doch kein Gesicht katalysierte die Aufmerksamkeit der Zugezogenen aus dem Bel Paese. „Ich sprach kein Deutsch, nur ein bisschen Englisch. Nach kurzer Zeit gewann ich das Vertrauen aller Mitarbeitenden des Mica Moca, und nach ein paar Monaten durfte ich dort einen italienischen Monolog von mir über Dino Buzzati aufführen. Um dafür zu werben, verteilte ich vor italienischen Restaurants Flyer auf der Straße. Ich versuchte, Restaurantgäste und Passanten neugierig zu machen. Das Resultat? Drei Tage hintereinander Aufführungen, neunzig Zuschauer.“

Talent und Entschlossenheit

Carlo Loiudice © Carlo Loiudice Mittlerweile, fünf Jahre nach seiner Reise ohne Rückfahrschein, kann Carlo Loiudice auf einige Dutzend Theateraufführungen in Berlin zurückblicken. „Bis jetzt ist es mir gelungen, nur von der Schauspielerei zu leben.“ Italien zu verlassen ist nie leicht. „Auch wenn es viele strukturelle Probleme gibt, ist die Lebensqualität doch gut, sofern man auf feste Einnahmen zählen kann. Aber ich bekam in Apulien, obwohl ich sehr  viel arbeitete, keine Luft mehr. Ich hatte das Bedürfnis nach einer Hauptstadt, den Rhythmen, den Klängen, den kulturellen Anreizen. Während meines Studiums hatte ich schon in Rom gelebt, wollte aber nicht dorthin zurück. 2009 kam ich für eine Aufführung im Grips Theater nach Berlin und verliebte mich sofort in die Stadt. Seitdem dachte ich über die Möglichkeit nach hierherzuziehen. Zwei Jahre später hängte ich dann den sogenannten festen Job an den Nagel, verließ also das Theaterensemble „Cerchio di Gesso“[M2] , mit dem ich seit elf Jahren zusammengearbeitet hatte, und brachte mich wieder ins Spiel. Vielleicht war ich ein bisschen naiv, aber manche Entscheidungen kann man nicht rational treffen, man muss sie in sich spüren.“ In den letzten Jahren hat Carlo Loiudice mit dem Italienischen Kulturinstitut und dem internationalen Ensemble „Theater am Tisch“ zusammengearbeitet, außerdem hat er in größeren oder kleineren Rollen bei vielen deutschen Theater-, TV- und Radioproduktionen mitgespielt. „So gut mein deutsches Sprachniveau inzwischen ist, geben sie mir doch vor allem Rollen, in denen ich einen Italiener spiele. Man sieht es an meinem Gesicht und hört es an meinem Akzent, aber Berlin ist so international, dass ich auch glaubhaft einen Berliner spielen kann, ohne meine Nationalität zu verbergen.“

Die Italiener in Berlin

„Mindestens einmal im Monat produziere ich ein Stück in meiner Muttersprache oder werde dafür engagiert. Ich kann nicht behaupten, dass ich die Szene beherrsche, ich bin nicht der einzige italienische Schauspieler und Regisseur in Berlin. Es gibt sehr viele gute Kollegen, mit denen ich manchmal auch zusammenarbeite. Das Publikum ist im Allgemeinen empfänglicher und interessierter, als man es durchschnittlich in Italien vorfindet. Das Bildungsniveau ist normalerweise höher, viele sind selbst Künstler, und das ist zweifellos hilfreich. Eine meiner größten Genugtuungen bisher war, innerhalb von zwei Jahren etwa ein Dutzend Male eines meiner Lieblingsstücke auf die Bühne zu bringen: I corteggiatori (Die Verehrer), das ich mit meinem Freund und Kollegen Vito de Girolamo zusammen geschrieben und aufgeführt habe.“ Was bietet Berlin einem italienischen Schauspieler, was er in Italien nicht findet? „Den kosmopolitischen und gegenwärtigen Charakter. In Italien kann vielleicht höchstens Mailand mithalten, aber eigentlich ist Berlin derzeit einzigartig in Europa. Es befindet sich in ständigem Wandel, im Guten wie im Schlechten. Hier hat man den Eindruck, seine Ziele erreichen zu können, wenn man es nur versucht, vielleicht nicht für immer, aber doch für eine Weile. Wenn es dann irgendwann schlechter aussehen sollte, wer weiß, dann schaut man sich vielleicht doch noch nach einer normalen Arbeit um. Zumindest ich habe das eigentlich nie wirklich versucht.“