Italiener mit Italienern in Berlin Von Palermo nach Berlin, um den Italienern in Deutschland das Gesundheitssystem zu erschließen

Serena Manno
Serena Manno | © Serena Manno

Berlin, Januar 2014. Serena Manno, Jahrgang 1984 und aus Palermo, begleitet ihren ebenfalls aus Italien stammenden Freund, der sich bei der AOK, der wichtigsten gesetzlichen Krankenkasse in Deutschland, versichern möchte. Sie spricht gut Deutsch, er etwas weniger gut, weshalb er sie für den Termin um Hilfe gebeten hat.

Der Angestellte staunt über Serenas Fähigkeiten als Dolmetscherin. Bevor sie aufbricht, fragt er sie deshalb, ob sie nicht eine Stelle suche. „Wir eröffnen gerade eine neue Abteilung, die sich um den Markt der Italiener in Deutschland kümmern soll, und wir suchen noch einen Verantwortlichen.“ Zu der Zeit war Serena beim Kundenservice eines berühmten Online-Versandhändlers für Kleidung angestellt. In Italien hatte sie Vergleichende Literaturwissenschaft und Postcolonial Studies an der Universität Bologna studiert. Sie nimmt sich einige Tage Zeit, um darüber nachzudenken, dann nimmt sie das Angebot an. Sie beginnt im August. Ihre Aufgabe besteht darin, ihre in Berlin ansässigen Landsleute dazu zu bringen, sich bei der AOK zu versichern. Viele Freiberufler versichern sich gar nicht, weil sie oft nicht genau verstehen, wie das deutsche Gesundheitssystem funktioniert, das vom italienischen sehr verschieden ist und monatlich bezahlt werden muss. „Nun ändert sich das aber langsam. Seit ich mit der Arbeit angefangen habe, habe ich ungefähr 500 Leute registriert. Man kann nicht in Berlin oder anderswo in Deutschland wohnen bleiben und nur auf seine italienische Krankenkassenkarte vertrauen. Das funktioniert zwar, aber nur für Notfälle. Wenn man sich Therapien oder Kontrollen unterziehen muss, muss man die Arztkosten selbst tragen.“ Ihr typischer Arbeitstag ist bestimmt von Begegnungen und langen E-Mail-Korrespondenzen voller Informationen und Ratschläge, was die beste Handlungsoption sei. Sie hat also einen privilegierten Blick auf die neuen Italiener in Berlin, um zu verstehen, was sie tun und warum sie hergezogen sind. Dafür müssen wir aber erst einmal mit Serena selbst anfangen.

Stipendium? Nein, danke.

Serena Manno © Serena Manno Serena ist 2012 nach Berlin gekommen, um für ein Fernsehprogramm eines Privatsenders zu arbeiten, der telefonisch Schmuck verkauft. Nicht gerade ein spannender Job, für sie bloß ein Vorwand, um sich einer Sprache und Kultur anzunähern, die sie während ihres Studiums geliebt hatte. Sie hatte die Stelle nach zwei Jahren als Doktorandin an der Universität Palermo, allerdings ohne Stipendium, angenommen.

„Der Plan war, in Berlin zu leben und von dort meine Studien fortzuführen. Kurz bevor ich umzog, hatte ich dennoch eine Bewerbung um ein DAAD-Stipendium abgeschickt. Die Antwort kam, als ich schon in Deutschland war. Eine Zusage. Sie hätten mir meine Forschung für wenigstens ein paar Monate finanziert, aber ich hätte nach Palermo zurückgehen müssen. Da habe ich lieber abgelehnt und die Promotion endgültig aufgegeben, um mich auf mein Leben in Berlin zu konzentrieren.“ Nach acht Monaten bei dem Fernsehsender hat sie ihre Stelle gewechselt und bei dem oben erwähnten Onlineversandhandel angefangen. Die Arbeit bei der AOK ist also ihre dritte Anstellung in Berlin. „Es ist eine interessante Herausforderung. Ich bin die einzige Ausländerin im Unternehmen. Gleichzeitig zu der italienischen sind weitere 13 nicht-deutschsprachige Abteilungen aufgemacht worden, aber sie werden alle von Leuten geleitet, die in Deutschland aufgewachsen sind. Den Unterschied merkt man vor allem an der Mentalität.“

Die Italiener in Berlin

„Ich habe die verschiedensten Leute gesehen, sowohl aus Nord- als auch aus Süditalien. Manche sind auf gut Glück hergekommen, sie ziehen nach Berlin als wäre es Bologna, und stoßen dann auf Schwierigkeiten, die sie nicht vorhergesehen haben, wie Bürokratie oder Schwarzarbeit. Andere haben schon Freunde hier, und wenn sie kommen, gewöhnen sie sich dank einiger Ersparnisse und der Hilfe von Bekannten schnell ein. Dann sind da noch die, die hier investieren und Lokale oder Startups gründen wollen. Sie sind sehr entschlossen, sie bringen aus Italien Reichtümer mit, die dazu beitragen, Berlin zu einem besonderen Ort zu machen. In letzter Zeit fallen mir immer mehr Familien auf, Eltern, die ihre feste Stelle in Italien aufgeben, weil sie denken, dass ihre Kinder hier eine rosigere Zukunft haben werden. Doch auch eine andere Kategorie nimmt zu: diejenigen, die nach Italien zurückkehren. Sie konnten sich nicht an das Klima und an die Mentalität gewöhnen oder haben keine Arbeit gefunden, die sie wirklich befriedigt. Also probieren sie es lieber noch einmal in Italien.“

Und wird es bei Serena für immer Berlin sein? „Ich weiß es nicht. Hin und wieder fehlt mir Sizilien, aber ich kann mir ein Leben in Italien nicht mehr vorstellen. Berlin gibt dir nicht alles, aber es gibt dir genug, um glücklich zu sein. Und das ist nicht wenig, das ist wirklich nicht wenig.“