Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Rom 2.0
Wie man die Krise überlebt und sich für die eigene Stadt nützlich macht

Rom – Schlagloch im Stadtzentrum
Rom – Schlagloch im Stadtzentrum | © Goethe-Institut Italien / Chiara Sambuchi

Rom, Piazza Venezia, 18 Uhr an einem schwülen Sommernachmittag. Die Touristen ballen sich für ihre unvermeidlichen Selfies vor dem Vittoriano. Die Römer haben gerade Feierabend gemacht und eilen, mühsam Autos und Taxis ausweichend, zu den Bushaltestellen, gestresst von der höllischen Mischung aus Schwüle, Smog und dem Wunsch, anderswo zu sein.

Von Chiara Sambuchi

Roms Verfall bemerkt man zurzeit überall: an den Straßen, die gut vierzigtausend Löcher zählen,  an den überquellenden Müllcontainern, den immer heruntergekommeneren städtischen Parks und den mit haufenweise sinnlosen Schriftzügen beschmierten Fassaden schmucker alter Gebäude, welche man nicht als Ausdrücke von Street Art verteidigen kann.
Doch es ändert sich was!

Stadtaktivisten sorgen für den Umschwung: „Retake“ und andere

An diesem Spätnachmittag scharen sich auf der Piazza Venezia plötzlich Menschen jeglichen Alters, die mit Eimern, Pinseln und Besen bewaffnet sind. Sie begrüßen sich herzlich, ziehen sich blaue T-Shirts über und fangen an zu arbeiten: Sie schneiden das Unkraut an den Straßenecken ab, säubern die Bürgersteige, entfernen Schmierereien und Schriftzüge von Straßenlaternen, Balustraden und Straßenschildern. Es sind Mitglieder von Retake, einem Zusammenschluss Freiwilliger, die ehrenamtlich gegen den Verfall ihrer Stadt kämpfen. Um den Müll zu beseitigen, wagen sie sich auch auf die Wiese unter dem Kapitol, die von Ratten unterschiedlichster Größe bevölkert ist; manch einer ist verunsichert, aber Nino, Aktivist der ersten Stunde, erwidert: „Soll ich etwa Angst vor Ratten haben? Da, wo ich lebe, klingeln sie bei dir an der Tür!“

Und die außergewöhnliche Fähigkeit der Römer, zuweilen mit Leichtigkeit und viel Ironie Großes zu vollbringen, kommt hier ganz zum Vorschein: Man scherzt, amüsiert sich und hilft gleichzeitig großmütig der Stadt in einem Moment offenkundiger Krise. Ereignisse wie dieses spielen sich überall in der Hauptstadt ab, im Zentrum wie auch am Stadtrand, jeden Tag. Organisiert werden sie ganz einfach: Auf der Facebook-Seite von „Retake Roma“ melden die Aktivisten eine Ecke der Stadt, die sie säubern wollen, und verabreden sich für einen bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit, um sich darum zu kümmern. Jeder, der Zeit hat, trägt sich fürs Mitmachen ein. Retake wird immer größer, so schnell, dass selbst die Organisatoren nicht wissen, wie viele Freiwillige dabei mitmachen. Alessia Mollichella, die sich bei Retake unter anderem um die Kommunikation kümmert, spricht von mindestens fünftausend Personen, es könnten aber auch sehr viel mehr sein. Und Retake ist nur einer von Hunderten solcher Zusammenschlüsse von Bürgern, die sich für die Verbesserung der Lebensqualität in der italienischen Hauptstadt einsetzen.
  • Alessia Mollichella von „Retake“ © Goethe-Institut Italien / Chiara Sambuchi
    Alessia Mollichella von „Retake“
  • „Retaker“ an der Arbeit © Goethe-Institut Italien / Chiara Sambuchi
    „Retaker“ an der Arbeit
  • „Retake“-Gruppe nach der Arbeit © Goethe-Institut Italien / Chiara Sambuchi
    „Retake“-Gruppe nach der Arbeit
  • „Tappami”-Gründer Cristiano Davoli füllt Schlaglöcher auch in der Mittagspause. © Goethe-Institut Italien / Chiara Sambuchi
    „Tappami”-Gründer Cristiano Davoli füllt Schlaglöcher auch in der Mittagspause.
  • Cristiano hat bereits 5.000 Schlaglöcher geflickt. © Goethe-Institut Italien / Chiara Sambuchi
    Cristiano hat bereits 5.000 Schlaglöcher geflickt.
  • Cristiano mit anderen „Tappami“-Mitgründern © Goethe-Institut Italien / Chiara Sambuchi
    Cristiano mit anderen „Tappami“-Mitgründern
  • I deserve the best © Goethe-Institut Italien / Chiara Sambuchi
    I deserve the best

Stopf mich zu, „Tappami“ im Kampf gegen Roms Löcher

Viale Parioli, an einem Sonntagnachmittag im Sommer. Auf den ersten Blick erscheint die Allee des reichen römischen Viertels verlassen. Dann bemerkt man jemanden, der mit einem einsamen Espresso in der Bar sitzt, und eine elegante Dame, so vorsichtig, als wäre es ein Verbrechen, sich an einem Sommersonntag in der Stadt blicken zu lassen. Ein leuchtend roter Kleintransporter parkt neben einer der wenigen geöffneten Bars. Cristiano Davoli steigt vom Fahrersitz. Mit Schaufel und Handschuhen bewaffnet läuft er zur Straßenmitte. Sorgfältig mustert er ein großes Loch im Asphalt, flüstert seinem Freund Raffaele Scamardì irgendetwas zu, geht zurück zum Transporter und holt einen Sack Asphalt. Die beiden schütten den Inhalt in das Loch und drücken ihn leicht mit der Schaufel platt. „Sobald ein Auto drüberfährt, wird der Asphalt aktiv und das Loch ist repariert.“

Cristiano Davoli ist der Gründer von „Tappami“ (‚Stopf mich zu‘), einer Organisation römischer Bürger, die seit vier Jahren die Löcher in den Straßen Roms stopft. Und zwar mit „Kaltasphalt“, einem Produkt, mit dem die Löcher für eine Zeitspanne bis zu zwei Jahren nicht wieder aufgehen. Hunderte Bürger schreiben jeden Tag auf die Facebook-Seite von Tappami oder schicken Cristiano eine Whatsapp-Nachricht, um den Aktivisten Adresse und Foto gefährlicher Löcher zukommen zu lassen. Cristiano und seine Leute sind in jedem Viertel von Rom unterwegs, sorgfältig, schnell und mit viel guter Laune. „Manche Leute treffen sich zum Kicken, andere zum Löcher-Stopfen“, scherzt Cristiano, der neben seinen Freunden Raffaele und Sibi immer mehr Leute für sein Projekt gewinnt. Dank Spenden und einiger Asphalt-Hersteller als Sponsoren von Tappami kommt Cristiano an das Material, dem er einen starken Gemeinsinn für seine Stadt hinzufügt.
Die Hauptstadt kämpft also nicht nur durch Sondermittel oder Ad-hoc-Maßnahmen der Verwaltung gegen die Krise. Denn in Rom gibt es zwar Leute, die Dreck machen, die ihre Stadt mit Gleichgültigkeit behandeln, die jammern, „weil sich ja sowieso nie was ändert“. Demgegenüber gibt es jetzt aber auch Tausende gut organisierter und versicherter Bürger, die sich über die sozialen Medien verbinden und sich um ihre Stadt kümmern, wie sie es bei ihrer eigenen Wohnung und ihrem eigenen Garten täten. Und alles ohne Kosten für die Gemeinde. Ein nie dagewesenes Beispiel bürgerschaftlichen Engagements in Europa, das sich wie ein Ölfleck ausbreitet und schon die Bürger vieler anderer italienischer Städte inspiriert hat.

Top