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eine Bilanz
Sharing Economy in Italien: Wo stehen wir heute?

Sardex – Staff
Sardex – Staff | © Sardex S.p.A.

Fünf Jahre sind seit den Anfängen der Sharing Economy in Italien vergangen. Neue Dienstleistungen sind entstanden und auch das traditionelle Angebot hat sich geändert.

Von Marta Mainieri

Fünf Jahre nach der Economist-Titelstory vom März 2013, die in Italien die allgemeine Diskussion zur Sharing Economy einleitete, ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Die britische Wochenzeitung berichtete damals von der Entstehung und Entwicklung einer neuen Wirtschaftsform, die – getragen von der Krise und den neuen Technologien – auf den Zugang zu Gütern über digitale Plattformen statt auf deren Besitz abzielte, und die auf Wiederverwendung statt auf Kauf setzte. Man glaubte, dass durch das Teilen von Gütern eine gerechtere Verteilung des Reichtums erzielt werden könnte, die Umwelt geschont würde und jene gesellschaftlichen und sozialen Beziehungen wieder gestärkt würden, die das kapitalistische System in die Krise gestürzt hatte. Gefördert wurde dieses Narrativ zudem durch zahlreiche digitale Plattformen, die in den vergangenen Jahren im Kielwasser internationaler Erfolgsmodelle wie Airbnb und Blablacar in allen Branchen entstanden. Kennzeichnend für Italien waren dabei vor allem die stark soziale Ausrichtung der einzelnen Unternehmen sowie die natürliche Bereitschaft der italienischen Bevölkerung, miteinander zu teilen. Ebenso auffällig waren aber auch die Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Investitionsmitteln und der Überwindung der digitalen Kluft, die die Verbreitung technologischer Dienstleistungen in Italien seit jeher erschwert. Herausforderungen, mit denen die Sharing Economy in unserem Land noch heute zu kämpfen hat – und doch fand die Ökonomie des Teilens bald auch hier Verbreitung. Neue Dienstleistungen entstanden, und auch das traditionelle Angebot begann sich zu wandeln.

Die Sharing Economy in Italien in Zahlen

Tatsächlich ist die Sharing Economy laut dem Bericht Participation in the Sharing Economy: European Perspectives 82 % der Italiener ein Begriff, beinahe 30 % nutzen entsprechende Angebote. Der größte Anteil entfällt dabei auf die Bereiche Home Sharing (22,7 %) und Verkehr (18,8 %), die dank internationaler Plattformen sowie Car- und Bike-Sharing-Angeboten im Wachstum begriffen sind. Informationen zur Zahl der angebotenen Dienstleistungen liefert die Initiative Collaboriamo, die 125 digitale Plattformen aus 11 Bereichen listet. Darunter finden sich auch originelle Modelle wie etwa der Sardex, ein Handelskredit-Klub der regionalen Wirtschaft, das Portal Sharewood, das zur gemeinsamen Nutzung von Sportgeräten, aber auch zu gemeinsamen Reisen einlädt, Gnammo, die erste Plattform für Social Eating, die Community Fubles, über die gemeinsame Fußballspiele organisiert werden können, aber auch das Netzwerk Twletteratura, das die Möglichkeit bietet, gemeinsam Romane zu lesen und zu kommentieren.
Rafting-Team, Sharewood Rafting-Team, Sharewood | © Sharewood

Fortschreitende Hybridisierung: Die italienische Sharing Economy heute

Doch es gibt nicht nur die digitalen Plattformen. Das Prinzip der Sharing Economy hat sich in Italien inzwischen auch außerhalb des Internets etabliert und beeinflusst damit zugleich das traditionelle Angebot. Hybride Modelle bringen in vielen Bereichen spannende Innovationen und lassen künftige Entwicklungen erahnen. Denken wir etwa an das Konzept des „kollaborativen Wohnens“: Wohnhäuser mit gemeinschaftlich nutzbaren Bereichen, etwa zum Sortieren der Einkäufe (die vielleicht von einer Einkaufsgemeinschaft übernommen werden), zum gemeinsamen Arbeiten (in Form von Coworking Spaces) oder für den Büchertausch (als Hausbibliotheken), für Feiern oder einfach als zusätzliche Räume (die dann eventuell auf Airbnb zur Vermietung angeboten werden und so eine gemeinsame Einkommensquelle darstellen könnten). Oder denken wir etwa an den Wandel im Einzelhandel: In Mailand, Bologna und Florenz werden immer mehr Orte gemeinschaftlich genutzt. Zeitungskiosks und Bibliotheken bieten zunehmend die Möglichkeit, auch Kompetenzen auszutauschen, Bars werden zu Portierstellen von Stadtteilen, zu unkomplizierten Orten der Begegnung und zu praktischen Anlaufstellen bei den kleinen Problemen des Alltags. Buchhandlungen dienen zugleich als Cafés und Coworking Spaces und kleine lokale Märkte werden zu Community Hubs, die Raum für lokale Initiativen bieten, für Bürger ebenso wie für Verbände und lokale Organisationen. Diese Entwicklung hat auch Auswirkungen auf das Sozialsystem. Immer häufiger sind es lokale Zusammenschlüsse, die sich verstärkt auf kollaborative Lösungen konzentrieren. So beispielsweise in Lavenone, einem kleinen Dorf in einem Tal im Umland von Brescia. Dort haben die Bewohner und Projektpartner ein Netzwerk zur Aufwertung der Region gegründet, zu dessen Aktivitäten auch die Bewerbung von Wohnmöglichkeiten über Airbnb zählt.

Es handelt sich um hybride Modelle, die profitorientierte und nicht profitorientierte Elemente in sich vereinen, digital wie auch lokal agieren, und die sich an einzelne Bürger ebenso wie an Verbände und Unternehmen richten. Die spontane Entwicklung und Verbreitung dieser Modelle ist Ausdruck einer neuen Kultur, die neue Lösungen gegen Einsamkeit und andere Schwierigkeiten bereithält und darauf beruht, dass wir Güter, Raum und Zeit miteinander teilen. Es sind Modelle, die noch in den Kinderschuhen stecken und deren Auswirkungen nur schwer abzuschätzen sind, und dennoch zeigen sie, dass fünf Jahre nach den Anfängen der Sharing Economy in Italien etwas in Gang gekommen ist. Und auch wenn die Auswirkungen eventuell nicht mehr so stark spürbar sein werden wie zu Beginn, werden sie doch Veränderungen mit sich bringen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass neue und traditionelle Dienstleistungen einander künftig immer stärker ergänzen und immer mehr miteinander verschmelzen werden, statt einander als gegensätzliche Modelle gegenüberzustehen.

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