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Mitarbeiter-Buyout
Wie man gemeinschaftlich ein Unternehmen vor der Insolvenz rettet

Gazzotti 18 Società Cooperativa – Die 18 Mitarbeiter und Gründer der Genossenschaft
Gazzotti 18 Società Cooperativa – Die 18 Mitarbeiter und Gründer der Genossenschaft | © Gazzotti 18 Società Cooperativa

Der neue Name sollte unbedingt die Zahl 18 enthalten. Denn 18 Personen umfasste die Gruppe der Gründer und Gründerinnen und 2018 war das Gründungsjahr der Genossenschaft aus Bologna. Damit ist die Gazzotti 18 momentan wohl die jüngste Genossenschaft in Italien, die in Folge einer Firmenpleite ins Leben gerufen wurde. Tatsächlich erfolgte ihre Gründung erst vor wenigen Wochen, wie der neue Vorstand Andrea Signoretti erzählt. Abgewickelt wurde sie in Form eines sogenannten Mitarbeiter-Buyouts, also einer Übernahme des insolventen Unternehmens durch einen Teil der Belegschaft.

Von Chiara Sambuchi

Denn die Geschichte der Gazzotti 18 ist eine traurige – eine, wie man sie in den vergangenen Jahren oft gehört hat: Die Wirtschaftskrise in Italien, verschärft durch die globale Krise sowie die Unzahl asiatischer und osteuropäischer Produkte, die den italienischen Markt überschwemmen, treibt den Traditionsbetrieb aus Bologna in die Insolvenz. Das Unternehmen ist auf die Herstellung von hochwertigem Parkett spezialisiert und die fünfzig Angestellten, die dessen finanziellen Zusammenbruch miterleben, fühlen sich mit dem Betrieb stark verbunden. Sie arbeiten bereits seit zehn bis zwanzig Jahren bei Gazzotti und haben „dort sicher mehr Zeit verbracht als zu Hause“, erklärt Andrea Signoretti. Was die Situation für sie besonders schwierig macht, ist das Wissen, dass die Insolvenz allein auf externe Faktoren zurückzuführen ist, die nichts mit der Qualität der Produkte zu tun haben. So meldeten in Italien zwischen 2009 und 2016 über 100.000 Unternehmen Insolvenz an, oft aus ähnlichen Gründen. Vor diesem Hintergrund fällt es schwer, ein Kapitel zu schließen, das den eigenen beruflichen Lebensweg entscheidend geprägt hat. Gleichzeitig motiviert dieses Wissen aber auch für einen Neubeginn.

Neustart nach der Insolvenz. Ein Weg voller Hindernisse

Im März 2018 meldet das Unternehmen Insolvenz an, worauf sofort Versuche anlaufen, den Betrieb zu retten. Doch um das zu tun, müssen die ehemaligen Angestellten neue Investoren von ihrem Projekt überzeugen, allen voran den Genossenschaftsverband Bologna, dessen Unterstützung benötigt wird, um das Unternehmen wieder auf die Beine zu bringen. „Das war wahrscheinlich der schwierigste Punkt“, gesteht Signoretti. Und nicht nur für ihn und seine Kollegen.

„Finanzielle Deckung zu erreichen, ist für ein Start-up fast unmöglich“, erklärt Matteo Potenzieri, Vorstand der neapolitanischen Genossenschaft WBO Italcables. „Banken gewähren neu gegründeten Unternehmen keine Finanzierung, aber um die Produktion zu starten, wird hohe Liquidität benötigt: zum einen, um das benötigte Material zu kaufen, zum anderen um die laufenden Kosten zu decken, bis die ersten Zahlungen der Kunden eintreffen.“ Hinzu kommt, dass im Fall der neapolitanischen Genossenschaft das Ausgangsmaterial, Stahl, extrem teuer ist. Nach dem Insolvenzvergleich 2013, bei dem der Verkauf von Vermögenswerten vereinbart wurde, schien die Rettung des Unternehmens in unerreichbare Ferne gerückt. Bis Mitte 2014 hoffen die 68 ehemaligen Angestellten, doch noch einen Unternehmer zu finden, der die nötigen finanziellen Mittel mitbringt, aber der Traum scheitert.
 
  • Ein Arbeiter der neapolitanischen Genossenschaft WBO Italcables © WBO Italcables
    Ein Arbeiter der neapolitanischen Genossenschaft WBO Italcables
  • Material – WBO Italcables, Neapel © WBO Italcables
    Material – WBO Italcables, Neapel
  • Material – WBO Italcables, Neapel © WBO Italcables
    Material – WBO Italcables, Neapel
  • Eine Bearbeitungsphase in der Genossenschaft WBO Italcables © WBO Italcables
    Eine Bearbeitungsphase in der Genossenschaft WBO Italcables
Also sammeln sie ihren Mut und beschließen das Problem selbst in die Hand zu nehmen. Aber der Weg, der vor ihnen liegt, ist lang und steinig. Allen 68 Mitarbeitern wird angeboten, sich an der Gründung einer Genossenschaft zu beteiligen – 17 von ihnen ziehen sich sofort zurück. Die anderen stimmen zu, „nach vielen schlaflosen Nächten und langen Diskussionen in den Familien“, erzählt Matteo Potenzieri. Denn eine der Voraussetzungen, um ausreichend Kapital für die Wiederbelebung von Italcables aufbringen zu können, ist die Investition des gesamten Arbeitslosengelds aller Beteiligten in das Unternehmen. Grundlage dafür bildet das Gesetz „Marcora“, das es in Italien ermöglicht, entlassenen Mitarbeitern, die einen neuen Betrieb gründen wollen, die gesamte Arbeitslosenunterstützung im Voraus auszuzahlen. „Allerdings muss das neue Unternehmen mindestens zwei Jahre Bestand haben, andernfalls ist das gesamte Geld an die Sozialversicherung zurückzuzahlen“, erinnert Potenzieri.

Die ehemaligen Angestellten von Italcables stehen also vor einer schwierigen Situation: Unmittelbar nach ihrer Entlassung müssen sie zunächst sich selbst und dann ihre Familien überzeugen, ihre einzige finanzielle Absicherung dafür zu nutzen, sich in ein Abenteuer mit zahlreichen Unbekannten zu stürzen. Und das mitten in Zeiten der Wirtschaftskrise und während sich hunderte italienische Unternehmen gezwungen sehen zu schließen. Dennoch nehmen 51 der 68 Angestellten die Herausforderung an. Der Wunsch, es der Welt zu beweisen, spielt bei dieser Entscheidung eine wesentliche Rolle. „Wir kommen aus einer Region in Italien, die den Ruf hat, dass die Menschen hier nur von sozialer Unterstützung leben“, erklärt Matteo Potenzieri. Die künftigen Genossenschaftsmitglieder von WBO Italcables gehören nicht zu dieser Gruppe. Sie wollen zeigen, dass man auch in Neapel sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann.

Auch in Bologna haben die 18 Genossenschaftsmitglieder für die Gründung ihres jungen Betriebs ihr Arbeitslosengeld in das Gesellschaftskapital eingezahlt. Das Wissen, dass auf dem Markt nach wie vor Nachfrage besteht und der Wille, wertvolle Arbeitsplätze zu erhalten, eint viele Genossenschaften. „Aber jetzt geht es erst richtig los. Jetzt geht es darum, die Maschine wieder zum Laufen zu bringen, unseren alten Kunden zu zeigen, dass wir wieder da sind und dieselbe Qualität liefern können wie zuvor.“ Außerdem hofft Andrea Signoretti, die ehemaligen Angestellten des alten Unternehmens, die momentan Leistungen aus der Lohnausgleichskasse beziehen, weil die neu gegründete Genossenschaft nicht genug Arbeit für alle garantieren konnte, bald wieder regulär anstellen zu können.
 
Die Erfolge ähnlicher Beispiele in Italien geben jedenfalls Anlass zur Hoffnung. Über 15.000 Arbeitsplätze konnten auf diese Weise bereits gesichert werden – dank dem unbeugsamen Willen der Mitarbeiter, ihre Unternehmen retten zu wollen, dank der Motivation, die entsteht, wenn man plötzlich selbst Herr über die eigene Arbeit ist, dank dem Unternehmergeist, von dem viele Genossenschaftsmitglieder vermutlich gar nicht wussten, dass er in ihnen steckt, und vor allem dank ihrer Entscheidung, gemeinsam wieder aufzustehen. 370 Unternehmen sind bisher durch einen Buyout von Seiten der Mitarbeiter gerettet worden. Sie allein werden Italien nicht aus der Wirtschaftskrise führen, aber sie sind ein positives Zeichen und in jedem Fall ein menschliches wie unternehmerisches Beispiel, das es nachzuahmen gilt.

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