Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Schaufenster Berlin
Künstler- und Kiezgemeinschaften gegen Verdrängung

„Berlin: Kauf dich zurück!!“, Protest-Banner in der Dieffenbachstraße, Kreuzberg
Foto: © Katerina Valdivia Bruch

Berlin ist seit einigen Jahren von steigenden Mieten betroffen. Viele Einwohner wehren sich dagegen, unter anderem mit Protest-Aktionen, die zum Teil sehr kreativ sind. Können diese Proteste gegen Verdrängung und steigende Mieten etwas bewirken?

Von Katerina Valdivia Bruch

Bis vor einigen Jahren galt Berlin als Paradies der niedrigen Mieten. Heutzutage ist die deutsche Hauptstadt von Immobilien-Spekulation und Mieterhöhungen betroffen. Eine der Folgen ist die Verdrängung von mehreren Stadteinwohnern und die Schließung von Geschäften.
 
In Berlin gibt es über zwei hundert Mieterinitiativen, die sich gegen Verdrängung und steigenden Mieten einsetzen. Ein Beispiel ist die Mietergemeinschaft Kotti & Co., die im Jahr 2012 einen informellen Gecekondu (Türkisch „über Nacht erbaut“) am U-Bahnhof Kottbusser Tor erbaut hat. Seitdem treffen sich dort regelmäßig Nachbarn, um mögliche Aktionen und Proteste gegen Verdrängung zu besprechen und aktiv zu gestalten. Die Initiative, die als informelle Aktion startete, hat große Aufmerksamkeit erlangt. Im Jahr 2015 war Kotti & Co. Teil der Ausstellung, Publikationsreihe und Akademie Wohnungsfrage am Haus der Kulturen der Welt, die sich unter anderem mit Möglichkeiten von bezahlbaren Wohnräumen und alternativen Wohnkonzepten im urbanen Kontext beschäftigte.
 
Der Kampf gegen Verdrängung schafft Räume für den Dialog zwischen Menschen aus unterschiedlichsten Hintergründen, die unter anderen Bedingungen eventuell nie ins Gespräch kommen würden. Nachbarn lernen sich kennen, engagieren sich, demonstrieren gegen Mieterhöhungen und stehen kündigungsbedrohten Mietern und Kiez-Geschäften mit Rat und Tat zur Seite. Unterstützt werden sie von Initiativen wie Bizim Kiez (Bizim bedeutet „Unser“ auf Türkisch), eine Initiative, die vor dem Hintergrund der Kündigung des Bizim Bakkal-Gemüsehändlers ins Leben gerufen wurde. Oder die Initiative FuckOffGoogle, die gegen die Eröffnung eines Google-Campus in der Kreuzberger Ohlauer Straße kämpfte und es geschafft hat, den Einzug des Profit-Konzerns in einer überwiegend linksorientierten Wohngegend zu verhindern.       

Lause bleibt! – Kreative Protestform gegen Verdrängung  

Das Prozedere der Investoren und Immobilienmakler sieht in der Regel so aus: Ganze Gebäude werden gekauft, saniert und später als Eigentums-/Mietflächen viel teurer als die Ursprungspreise angeboten. Dadurch werden einige einkommensschwache Stadtteile der Berliner Innenstadt durch Bewohnern mit höheren Einkommen ersetzt. Das sollte auch mit den Wohn-und Gewerbeflächen in der Lausitzer Straße 10 und 11 passieren. Beide Gebäude sollten verkauft werden und daraus Luxuswohnungen entstehen. Jedoch laufen noch Verhandlungen dem Eigentümer und den Altmietern. Die Mieter möchten Wege finden, wie sie dauerhaft dort bleiben können, denn keiner will ausziehen.
 
In den beiden Häusern leben und arbeiten über hundert Menschen, unter anderem verschiedene Kreative, linksorientierte Aktivisten und Kollektive. Seit 2016 haben sie sich unter dem Namen „Lause bleibt!“ als Kollektiv organisiert und führen unterschiedliche kreative Protest-Aktionen gegen den dänischen Immobilienmakler und Kunstmäzen Jørn Tækker durch.
 
Die Gemeinschaft, die durch den Kampf gegen Jørn Tækker entstanden ist, fühlt sich mittlerweile wie eine große Familie. Umso schwieriger ist es für sie, ihre Wohn- und Arbeitsräume zu verlassen.
 
Lause TV // 2019 Regie & Schnitt: Claire Roggan Kamera: Michael Zimmer Produktion: Neue Ufer Filmproduktion

Wo Kunst entsteht, hat oft Aufwertung einer Gegend und teure Mieten zur Folge. Mit der Ausrede der sogenannten „Kultur- und Kreativwirtschaft“ spekulieren Investoren und Immobilienmarkler mit Wohn- und Arbeitsflächen in der Innenstadt. Auch der Kunstmäzen Tækker wünscht sich „kreative Bezirke“ zu gestalten, ohne zu berücksichtigen, dass genau die Künstler, die er als Klientel gerne hätte, Widerstand gegen ihn leisten würden.
 
Wir haben uns mit drei Künstlerinnen getroffen, die seit 2018 unterschiedliche Veranstaltungen in der Lausitzer Straße organisieren. Sie berichten über einige ihrer kulturellen Aktivitäten und Protest-Aktionen der „Lause bleibt!“:
 

Ob diese Proteste, Veranstaltungen und Kunstaktionen zu einem erfolgreichen Abschluss kommen werden, ist noch ungewiss.
 
Einst ist klar für Berlin: Die Einwohner mobilisieren sich und haben als gemeinsames Ziel bezahlbare Wohnräume zu erhalten und steigende Mietpreise zu stoppen. Die kollektive Kraft soll es eventuell möglich machen. „Die Stadt gehört uns“ lautet eines der Parolen. Da ist was Wahres dran.
 
BIOGRAFIEN DER INTERVIEW-PARTNERINNEN (in der Reihenfolge des Auftretens auf dem Video)
Alexandra Klobouk ist Autorin und Kulturillustratorin zwischen Berlin und der Welt. In ihrer Arbeit mischt sie Genres von Journalismus bis Visual Storytelling. Bisher sind folgende Bücher von ihr erschienen: Istanbul, mit scharfe Soße?, Polymeer, Der Islam für Kinder, Die portugiesische Küche und Lissabon, im Land am Rand. Sie arbeitet als Illustratorin für verschiedene Medien wie SZ-Magazin, ZEIT-Magazin, Merian, Kurier und war Ideengeberin für Picture Politics, eine internationale Initiative des Goethe-Instituts.
 
Konstanze Schmitt ist bildende Künstlerin und Theaterregisseurin, sowie Dozentin für  Performance und Theater im Masterstudiengang „Raumstrategien“ an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Ausgehend von dokumentarischem und biografischem Material und in Interaktion mit politischen Kontexten, erforschen ihre Performances und Installationen Möglichkeiten und Wirklichkeiten von Utopien, wie zum Beispiel kommunistische Sehnsucht und romantische Liebe.
 
Die schwedische Sopranistin Marieke Wikesjo tritt als Opern-, Konzert- und Oratoriensängerin regelmäßig in Deutschland, Österreich, Italien und Skandinavien auf.
 

Top