Einführung zur Debatte “Auf dem grünen Sofa” vom 07.03.2018 Die Linke neu definieren. Paolo Flores d’Arcais und das historische 1968

Paolo Flores D’Arcais im Goethe-Institut Rom
Paolo Flores D’Arcais im Goethe-Institut Rom am 7.03.2018 | © Goethe-Institut Italien / Christine Pawlata

Welche Philosophie für welche Linke? Es ist die erste von drei Veranstaltungen, die das Goethe-Institut dem Gedenken an das fünfzig Jahre zurückliegende historische 1968 widmet. Auf der Suche nach einer neuen Perspektive für die Linke werden an der Diskussion teilnehmen: Paolo Flores d’Arcais, Philosoph und Direktor der Zeitschrift ‚MicroMega‘ und Axel Honneth, Philosoph und Professor für Humanwissenschaften an der New Yorker Columbia University. Die Moderation übernimmt Stefano Petrucciani, Professor für Politische Philosophie an der Universität Sapienza in Rom.

Wir haben Flores d’Arcais, einen der Protagonisten dieses bewegten Jahres, um eine kurze Einleitung der Debatte gebeten.

Die Linke neu definieren

„Fünfzig Jahre nach ’68 ist es nur sinnvoll, über eine Linke zu sprechen, wenn man den Mut hat, sie neu zu definieren, ausgehend von all dem, was in diesem halben Jahrhundert geschehen ist. Seitdem, vor allem seit dem großen Umsturz von ’89, also dem Fall des Kommunismus, oder wie man damals sagte, des Realsozialismus, hat es die Linke nicht geschafft, sich auf einem theoretischen Fundament neu zu konstituieren. Die Sozialdemokratien hatten  nichts mehr zu sagen, an einem bestimmten Punkt haben sie aufgehört, zu reformieren, nach Blair, aber auch schon seit der zweiten siebenjährigen Amtszeit Mitterands. Und sie waren immer weniger Teil der Linken. Denn die Linke zeichnet sich aus durch ihren Kampf für Gleichheit, und von diesem Kampf für die Gleichheit war in all den sozialdemokratischen Erfahrungen mindestens der letzten dreißig Jahre nichts mehr zu spüren. Auf der Grundlage dieses Scheiterns der Sozialdemokratie hat sich bei der Linken auf theoretischer Ebene nur eine Art Nostalgie nach dem Kommunismus entwickelt, der den Lauf der Geschichte völlig außer Acht lässt.“

Ein System der Reformen

Wenn es nicht reicht, nur ‚gegen‘ etwas zu sein, erklärt Flores d’Arcais, wenn die Zerschlagung des Kapitalismus zu entweder „Sozialismus oder Barberei“ führt, muss man sofort und ganz konkret sagen, womit man ihn ersetzen will.
„Kein Kampf an und für sich kann Garantien geben, wenn er nicht erklärt, was er morgen erreichen will, und er kann auch in sein Gegenteil umschlagen, wie man ständig an so vielen gut gemeinten Bewegungen sieht, die aber desaströse Ergebnisse bringen, wie der Arabische Frühling. Sofort sagen zu können, was man für die Zukunft erreichen will, bedeutet unvermeidlich, eine Reihe von Reformen zu nennen. Auch wer über eine kommunistische Revolution nachdenkt, muss anfangen, eine Reihe von Maßnahmen zu ergreifen, die Reformen bedeuten, wenn das bürgerlich-kapitalistische System erst einmal gestürzt ist. Darum hat es auch keinen Sinn mehr, Reform als Gegensatz der Revolution zu begreifen. Heute brauchen wir eine System fortwährender Reformen, die Tag für Tag die Werte der Linken konkretisieren, das heißt, immer mehr Gleichheit schaffen, oder wenigstens immer weniger Ungleichheit. Ohne die grundlegenden zivilen Freiheiten anzutasten. Damit meine ich nicht die Eigentumsfreiheit, die kein grundlegendes Bürgerrecht darstellt. Die Eigentumsfreiheit, die Unternehmen, der Markt und die wirtschaftlichen Bedingungen sind Instrumente. Doch es ist nutzlos, gegen das Instrument zu wüten, wenn man keine konkreten Alternativvorschläge hat.“

„Sozialismus“, die Opferung eines Begriffes

In dieser neuen Perspektive muss laut Flores d’Arcais jedoch der Begriff ‚Sozialismus‘ geopfert werden.
„Ich denke, die Begriffe sind aufgeladen mit ihrer Geschichte, und es hat wenig Sinn, weiter von Kommunismus oder Sozialismus zu sprechen, denn keine noch so kluge theoretische Bewegung in ihrem Namen wird es je schaffen, im großen Stil zu mobilisieren. Denn der Begriff Sozialismus bleibt mit seiner Geschichte des Scheiterns, oder noch schlimmer des Totalitarismus behaftet. Darum haben wir heute keine geeigneten Begriffe. Begriffe drängen sich auf, wenn in der Realität Kampferfahrungen stattfinden, die auf irgendeine Weise als Beispiele und Ausgangspunkte genommen werden. Wir tragen heute keine Kämpfe aus, haben keine klaren Perspektiven, also geht es darum, auf die Dinge hinzuarbeiten, die vor uns liegen,  die Werte festzuhalten, die uns als Entscheidungskriterien dienen können, um in diesen Kämpfen Maß zu halten, zu agieren. Mehr können wir, glaube ich, im Augenblick nicht tun.“