Rezension ZWEISCHNEIDIGE ERINNERUNG

Christoph Hein, kritische Stimme im kulturellen Panorama der DDR und einer der wichtigsten Schriftsteller im wiedervereinten Deutschland, hat sich in seinem umfangreichen Werk mit den Kernpunkten der deutschen Geschichte auseinandergesetzt. Sehr zeitnah ist sein letzter Roman „Glückskind mit Vater“, der 2016 im Suhrkamp Verlag erschien und in Deutschland ein großer Publikumserfolg war, nun unter dem Titel „Il figlio della fortuna“ auch in Italien im Verlag Edizioni E/O herausgekommen. Das Buch, das lange auf der Spiegel-Bestseller-Liste stand, entwirft ein großes Sittengemälde von der Nachkriegszeit bis heute. Auch die einhellige Zustimmung der deutschen Literaturkritik bestätigt das erneuerte Interesse deutscher Autoren und der deutschen Öffentlichkeit am Thema Gedächtnis und Erinnerung.

Geburtsjahr 1945

Christoph Hein Christoph Hein | © Heike Steinweg SV Die Geschichte ist in der ersten Person erzählt und in einem Provinzstädtchen in Ostdeutschland angesiedelt – eine dem Autor vertraute Dimension, der, 1944 in Schlesien geboren, in Sachsen, nicht weit von Leipzig, aufwuchs. Konstantin, der Protagonist, ist insofern ein Glückskind, als er 1945, in Friedenszeiten, auf die Welt kommt. Als einfallsreiches Kind voller Neugier auf die Welt, startet er seinen Flug ins Leben. Allerdings ist er der Sohn eines grausamen Naziverbrechers, der in Polen hingerichtet wurde, und dieses Stigma wird er nie los, es steht ihm immer im Weg – und dafür gibt es keine Rehabilitation: „Die Akte weiß alles und vergisst nie etwas, dafür wurde sie erfunden.“ Im ‚Arbeiter-und-Bauern-Staat‘ wird der Witwe eines Folterknechts nur eine Arbeit als Hausangestellte gewährt, während Konstantin, obwohl er ein Musterschüler ist, der Besuch der Oberschule verwehrt bleibt.
 
Der Pfarrerssohn Hein ruft hier eine unentrinnbare biblische Härte auf: Als eine Art moderner Jahwe zwingt der sozialistische Staat seine Bürger in einen Bund zur Ausstoßung des Bösen, der so weit geht, im Namen des Vaters die unschuldigen Nachkommen zu bestrafen. Ein zweischneidiges Gedächtnis, das Konstantins Kindheit in Beschlag nimmt, ihn aus den Angeln der Welt um ihn herum hebt. Heins Erzählmaschine setzt sich in Gang, wobei sie auf ihre Art die Widrigkeiten des Bildungsromans nachahmt, und schon sehen wir unseren bildungshungrigen Gymnasiasten auf der Flucht. Im Kopf den zielgerichteten Traum von einem neuen Leben passiert Konstantin auf waghalsige Art die Grenze und sinkt, wir befinden uns im Jahr 1960, in München in die potenten Arme seines Onkels Richard, der im Nachkriegsbayern reich gewordene, eiskalte Bruder des Naziverbrechers.

Auf der anderen Seite

Christoph Hein - Glückskind mit Vater Christoph Hein - Glückskind mit Vater | © Suhrkamp Benjamin paraphrasierend könnte man sagen, Glückskind mit Vater zeigt, wie staatliche Gewalt immer enthüllt, dass am Recht etwas faul ist. Denn Onkel Richard verkörpert das verborgene Gesicht der Bonner Republik, das revanchistische. Im Einklang mit der antisowjetischen Front und den revisionistischen Zielen der besiegten Nazis interpretiert Richard unter Berufung auf den westlichen „Rechtsstaat“ Hitlers Vernichtungskrieg als patriotische Verteidigung der Zivilisation gegen die bolschewistische Barbarei. Und dank des Urteils eines ordentlichen deutschen Gerichts kann er Konstantin schwarz auf weiß bekunden, sein „Vater sei ein deutscher Offizier, der nichts als seine Pflicht getan habe.“
 
Die Figurenkonstellation lässt den ideologischen Graben deutlich werden, der in jenen Jahren nicht nur das Land, sondern auch viele Familien durchzog. Auf der einen Seite Konstantin und seine Mutter, auf der anderen der Onkel – im Einklang mit Gunthard, dem älteren Sohn des Naziverbrechers, einer Nebenfigur, die jedoch mit dazu dient, dieses gesellschaftliche Ungleichgewicht zu markieren. So großherzig die einen sind, so von Raffgier angetrieben die anderen.

Neuanfang und Erinnerung

Christoph Hein - Il figlio della fortuna Christoph Hein - Il figlio della fortuna | © Edizioni e/o Konstantins Loslösung aus diesen Blutsbanden erfolgt dank eines französischen Intermezzos. Vergessensdurstig wie er ist, träumt der Junge davon, der Fremdenlegion beizutreten. In Marseille wird er stattdessen von Monsieur Duprais aufgenommen, einem alten, väterlichen Antiquar – einem Partisanen, der tatsächlich ein wahrer Patriot war. Dies sind Seiten der Hommage an die Résistance, die im Roman der Auslöser für eine authentische politische Bildung Konstantins ist, und damit das Vorspiel zur Heimkehr des Protagonisten an den Kreuzungspunkt des geteilten Himmels. Man schreibt das Jahr 1961, die Mauer bremst das „Ausbluten“ gen Westen, nicht aber jene wachsame und strenge Bürokratie, die weiter in der Genealogie des verlorenen Sohns wühlt und den Schatten des väterlichen Hakenkreuzes jeweils so lenkt, wie es politisch gerade passt. Am Ende wird Konstantin Karriere in der Provinz machen und auch ein guter Lehrer sein, er wird die Liebe kennenlernen und die Wiedervereinigung erleben. Und doch schließt der Roman am Ende den Kreis zum schweren Atem der deutschen Geschichte. In der traumhaften Abblende einer Narkose taucht eine Zeit voller herumliegender Trümmer wieder auf, ein Theater aus Ruinen, gezeichnet vom Unbehagen der Erinnerung.

Die italienische Ausgabe von „Glückskind mit Vater“, „Il figlio della fortuna“, ist im Februar 2017 im Verlag Edizioni E/O erschienen.