Rezension Auerhaus. Sechs Jugendliche zwischen persönlicher Entwicklung und harter Realität

Bov Bjerg
Bov Bjerg | Foto (Ausschnitt): © Milena Schlösser

Zwei Lieder ziehen sich wie ein roter Faden durch Auerhaus, den Roman des deutschen Autors Bov Bjerg, der in Italien von Keller verlegt wird. Eines ist der eingängige Hit Our House der englischen Band Madness, der sich bereits im Titel des Buches wiederfindet, Auerhaus, und zwar gemäß dessen deutscher Aussprache. Er beschreibt auf idyllische Weise das Leben der sechs Protagonisten während ihrer gemeinsamen Monate im Haus des Großvaters von einem von ihnen.

Etwas subtiler ist das zweite Lied, Birth, School, Work, Death, ein weiterer Hit aus den 80er Jahren, in denen auch der Roman angesiedelt ist. Die Post-Punk-Hymne der düsteren The Godfathers, ebenfalls eine englische Band, verweist gleichermaßen bereits im Titel auf die größte Angst der Jugendlichen – in einem Mechanismus gefangen zu sein, der ihre Identität und ihre Hoffnungen unweigerlich ersticken wird.

In diesem Kontext spielt das Buch von Bov Bjerg. Ein warmherziger Entwicklungsroman und zugleich eine Beschreibung des ersten Bewusstwerdens, dass das Leben nicht so glatt laufen wird, wie wir uns das vorstellen. Erzählt wird die Geschichte vom lispelnden Höppner, gespickt mit zahlreichen „egal“, seinem Lieblingsfüllwort. Höppner, ein mittelmäßiger Schüler, oder vielleicht sollte man besser sagen ein durchschnittlicher Schüler mit einer gewissen Veranlagung zum Katastrophalen, das vorerst immer wieder abgewendet werden kann, bis es pünktlich zum wichtigsten Tag, dem Tag seines Abiturs, schließlich geschieht.

Höppner, der Hühnerbauer

Höppner lebt in einem namenlosen Dorf im Einzugsgebiet einer namenlosen Stadt im Süden Deutschlands. Er besucht außerdem ein namenloses Gymnasium, ganz am Stadtrand, das nur von den „Schülern aus den Dörfern“ besucht wird. Zwei Abende pro Woche arbeitet er auf einer Hühnerfarm und weiß, wie das Leben so spielt, zumindest das des Federviehs, das er aus den Käfigen hebt und sorgfältig auf einen Laster lädt, der sie zur Schlachterei bringt. Nach Stuttgart, Köln, aber auch nach Berlin oder sogar bis Verona. Städte, die weit weg scheinen, aber in Wirklichkeit doch nahe sind, nur einen Autostopp entfernt.
Höppner muss sich mit dem Freund seiner Mutter auseinandersetzen, den er nicht leiden kann. Auch er hat keinen Namen und wird einfach der „Fiese Freund Meiner Mutter“ genannt, oder auch nur abgekürzt „F2M2“. Höppner hat aber auch eine Freundin, Vera, mit der er noch nie geschlafen hat, und vor allem hat er einen besten Freund, Frieder. Und mit dem nimmt alles seinen Anfang. Frieder, der Bauer, der Sohn eines Bauern, hat immer eine philosophische Antwort auf jede Frage parat, ob es nun darum geht, ein Päckchen Kaffee aus dem Supermarkt zu stehlen oder um den besten Sarg für das eigene Begräbnis. Eines schönen Tages kommt er nicht zur Schule, nimmt nicht seinen Platz neben Höppner ein, und das zufälligerweise genau an dem Tag, an dem der Deutschlehrer vom jungen Werther erzählt. An dem Tag versucht Frieder sich umzubringen. Und überlebt - allerdings nicht, weil er anders als Werther keine Pistole, sondern Schlaftabletten und schlechten griechischen Wein verwendet hat, sondern nur, weil sein Vater zu einer ungewöhnlichen Zeit nach Hause kommt, um seine vergessene Axt zu suchen.

Frieder und die anderen

Auch wenn das Leben und die Schule letztlich weitergehen, als wäre nichts gewesen, ändert sich für die Freunde jedoch alles. Frieder soll sich von seinen Eltern lösen, sagen die Ärzte, und so zieht er nach einem kurzen Aufenthalt in der städtischen psychiatrischen Klinik in das alte Haus seines Großvaters mitten im Dorf – das Auerhaus. Seine Freunde nimmt er als Schutzengel mit: Höppner, der sich große Sorgen macht Frieder könnte es nochmal versuchen, die schöne, flüchtige und leicht kleptomanische Vera sowie Cäcilia, die einzige aus einer reichen Familie, die sich Vera anschließt, um dem großen und leeren Haus ihrer Eltern zu entfliehen, die nie da sind. Komplett machen die Runde schließlich zwei echte Außenseiter. Harry, der zwar Elektrikerlehrling, aber vor allem schwul ist und dafür von seinem italienischen Vater geschlagen und aus dem Haus geworfen, Gras verkauft und am Bahnhof von Stuttgart auf den Strich geht, um sich etwas dazuzuverdienen. Und Pauline, die wunderschöne Brandstifterin, die in der psychiatrischen Klinik bereits bekannt und vielleicht Frieders große Liebe ist.

Wie in der Südsee

Die sechs Jugendlichen erleben im Auerhaus, wie sie es nennen, ihre schönste Zeit. Erzählt wird sie mit großen Augen von Höppner in der Zeit zwischen seinem Abitur, mehr oder minder gewagten Verrücktheiten, legendären Festen und diversen tragikomischen Versuchen, dem Wehrdienst zu entgehen. Bjerg gelingt es dabei, ab der ersten Seite die Tragödie anzudeuten, die die Jugendlichen nach der Schule, nach der Zeit im Auerhaus, unweigerlich treffen wird. Aber noch besser gelingt es ihm, uns die Hoffnung zu schenken, dass es nie zu dieser Tragödie kommen wird. Mit einem falschen Ende, an das niemand glaubt - nicht einmal Höppner, während er es erzählt - und auf das nach wenigen Seiten das echte, dramatische folgt. Es gelingt ihm, uns bewusst zu machen, wie die Zeit verfliegt und dass wir den Moment genießen müssen, so wie die sechs Jugendlichen. Er lässt uns mit ihm und Frieder auf einer Luftmatratze treiben, als wären wir „in der Südsee“ und dabei „ist es doch nur ein Baggersee“. Nicht nur Höppner und Frieder, sondern auch wir wissen nur zu gut, dass es mit den Jahren und mit der Zeit genügt die Augen zu öffnen, wie es Frieder tut, und auch dies verflogen sein wird. Und genau das ist vielleicht auch die Moral der Geschichte vom Auerhaus.

Die italienische Ausgabe von „Auerhaus“, „La nostra casa“, ist am 9. Mai 2017 im Verlag Keller erschienen.