Turiner Buchmesse 2017 Stimmen aus Deutschland

Turiner Buchmesse 2017
© Goethe-Institut Italien | Foto (Ausschnitt): Fabio Melotti

Sechs deutsche Autoren, sechs Stimmen aus Deutschland, nahmen mit ihren Werken an der Begegnungsreihe „Wege ins Neuland“ teil. Organisiert wurde die Veranstaltungsreihe im Rahmen der 30. Turiner Buchmesse vom Goethe-Institut und der Frankfurter Buchmesse.

Alle Treffen der Reihe „Wege ins Neuland“ waren, gleich ob sie in großen oder kleineren Räumlichkeiten stattfanden, ausnahmslos ausgebucht. Und auch insgesamt zählte die Buchmesse so viele Besucher wie noch nie: mit über 140.000 verkauften Karten für die Hallen des Messegeländes Lingotto Fiere und über 25.000  für die verschiedenen Begleitveranstaltungen in der Stadt.

Christoph Hein, Tilmann Lahme, Robert Domes, Jenny Erpenbeck, Bov Bjerg und Andreas Pflüger standen dabei mit ihren Beiträgen – jeder auf seine eigene, individuelle Art – für jenes Ideal des Friedens und zivilen Zusammenlebens, das der Direktor der Buchmesse, der italienische Schriftsteller Nicola Lagioia, am Ende der Messe so deutlich betonte.

  • Auf der Turiner Buchmesse 2017 © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Auf der Turiner Buchmesse 2017
  • Andreas Pflüger © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Andreas Pflüger
  • Auf der Turiner Buchmesse 2017 © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Auf der Turiner Buchmesse 2017
  • Jenny Erpenbeck und Muhammad Dibo © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Jenny Erpenbeck und Muhammad Dibo
  • Die italienische Ausgabe Tilmann Lahmes „Die Briefe der Manns. Ein Familienporträt“ © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Die italienische Ausgabe Tilmann Lahmes „Die Briefe der Manns. Ein Familienporträt“
  • Auf der Turiner Buchmesse 2017 © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Auf der Turiner Buchmesse 2017
  • Bov Bjerg © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Bov Bjerg
  • Bov Bjerg © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Bov Bjergs Roman
  • Bov Bjerg © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Bov Bjerg
  • Auf der Turiner Buchmesse 2017 © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Auf der Turiner Buchmesse 2017
  • Christoph Hein © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Christoph Hein
  • Christoph Hein © Goethe-Institut Italien | Foto: Fabio Melotti
    Christoph Hein signiert sein Buch

Robert Domes

Die erste Stimme, die zu hören war, war die von Robert Domes. Und sie muss wohl auch eine kräftige gewesen sein, angesichts der über 400 Schülerinnen und Schüler, die dem Autor ebenso gespannt wie bewegt zuhörten. Domes präsentierte sein Buch „Nebel im August“, das er nach fünf Jahren der Recherche zu Papier gebracht hat und in dem er die Geschichte von Ernst Lossa erzählt, der mit 15 Jahren Opfer des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten wird. Ernst stammte aus einer Familie von Jenischen, dem drittgrößten fahrenden Volk Europas nach den Sinti und Roma. Aber Ernst war auch ein unbequemer Zeuge der Grausamkeiten eines Kriegs, der zu Ende ging. „Wir müssen eine höhere Stufe der Erinnerung erreichen. Der Erinnerung daran, was in der Vergangenheit geschehen ist”, richtet Domes seine Stimme an die Schüler, aber nicht nur an sie, „damit das nicht noch einmal passiert. Das Allheilmittel gegen jede Angst ist immer die Liebe – auch für die, die anders sind als wir.“
 

Christoph Hein

Über Erinnerung sprach auch Christoph Hein, einer der führenden Intellektuellen aus dem Osten Deutschlands. Sein intensiver Roman „Glückskind mit Vater“ stellt die Frage, ob man als Sohn eines hingerichteten Naziverbrechers ein normales Leben führen kann. Konstantin, die Hauptfigur, ist unschuldig. Doch sein ganzes Leben lang trägt er das Schandmal seines Vaters, der sich als Industrieller unter anderem durch die Errichtung eines Konzentrationslagers auf seinem Fabriksgelände bereichert hat. Die Stimme von Hein tönt hart: „Das Übel der Konzentrationslager existiert nach wie vor, nur dass wir dieses Übel heute woandershin verlagern.“ Aber zumindest Konstantin wird von ihm freigesprochen. „Konstantin ist das letzte Opfer seines Vaters, zerfleischt von Schuldgefühlen. Aber der Roman ist nicht ausschließlich düster, er erzählt die Geschichte eines Lebens, die Geschichte einer Familie im Laufe der Jahre.” Und alles in allem spricht Hein letztlich auch den Bruder von Konstantin frei, der nach dem Krieg die Fabrik erbt. „In Deutschland haben wir oft gesehen, wie das Leben des Vaters zwar abgelehnt wird, aber dennoch alle daraus resultierenden Vorteile genutzt werden. Ich verurteile den Bruder von Konstantin nicht, aber ich würde mit ihm nicht zusammen auf ein Bier gehen. Die Einsamkeit meiner Figuren ist ein wichtiges Element, aber kein Selbstzweck. Ich denke, dass auch einsame Menschen ihr Leben auf die Reihe bekommen können.“
Weicher wird die Stimme von Hein hingegen, wenn er über den Beruf des Schriftstellers spricht. „Es gibt nichts Besseres für einen Schriftsteller, als wenn ihm Steine in den Weg gelegt werden, und das war bei mir der Fall. Man schreibt besser, man schreibt mehr. In meinen Büchern versuche ich, die Geschichte eines Menschen zu erzählen. Auch wenn das Leben, wie in diesem Fall, auf Politik trifft. Und wie immer versuche ich, in den Roman auch etwas aus meinem Leben einfließen zu lassen. Wenn ich sterbe, wird keine eigene Biografie mehr nötig sein, das steht dann schon alles in meinen Büchern.“
 

Andreas Pflüger

Ganz anders die Stimme von Andreas Pflüger, einem der bekanntesten deutschen Drehbuchschreiber, der seinen ersten Roman nun auch in Italien veröffentlicht hat. „Endgültig“ ist ein hochspannender Thriller, in dessen Mittelpunkt eine blinde Profilerin steht, die jedoch laut Pflüger „besser zwischen Gut und Böse zu unterscheiden weiß als ein Sehender“. Eine Figur, wie aus einer modernen Fernsehserie. „Ich sehe mich als Drehbuchschreiber. Ein guter Roman ist für mich wie ein Film, der in meinem Kopf spielt.“ Zu hören ist die Stimme von Pflüger auch unter nachstehendem Link, im Interview mit Jessica Kraatz-Magri, Leiterin des Goethe-Instituts Turin.
 

Tilmann Lahme

Eine Stimme, die in Turin leider nicht live zu hören war, sondern nur durch sein Buch, war die von Tilmann Lahme. Der Literaturhistoriker und Journalist ist Autor des Werks „Die Manns – Geschichte einer Familie“, ein Epos rund um die Familie des legendären Thomas Mann. Auf der Buchmesse unterhielten sich Journalist und Schriftsteller Gian Luca Favetto und der Germanist Luca Crescenzi über das Werk. „Das Buch basiert auf authentischen Briefen“, erläutert Favetto. „Aber es ist dennoch ein echter Briefroman. Das Bild, das ich bei diesem Buch im Kopf habe, ist das des Meers. Auf eine Geschichte folgt die nächste, wie auf eine Welle die nächste folgt.“ Laut Crescenzi findet sich in der Geschichte der Manns hingegen ein Konglomerat der verschiedenen „Seelen“ Deutschlands. „Diese Komplexität zeigt sich in allen sechs Kindern. Wie in Thomas, der versteckt hinter seiner Gleichmütigkeit seine Kunst einsetzen muss, um die Familie finanziell durchzubringen. Eine bürgerliche, furchtbar verwöhnte und unsympathische Familie, die jedoch Ozeane, Kontinente und Jahrhunderte durchquert und überall ihre Zeichen hinterlassen hat.“
 

Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck – nominiert für den Premio Strega Europeo mit „Gehen, ging, gegangen“ – spricht dagegen über Exilanten und Exil. Und über Aufnahme. „Gehen, ging, gegangen“ erzählt die Geschichte eines pensionierten Philologieprofessors, der mit einer Gruppe von Immigranten in Kontakt tritt. „Ich habe versucht, die verschiedenen Kulturen, einschließlich der klassischen, miteinander zu verbinden, als handle es sich um eine Verbindung zwischen Menschen“, erläutert Erpenbeck. „Der Protagonist Richard ist im fortgeschrittenen Alter und stellt sich dieselben Fragen wie die Immigranten, mit denen er in Kontakt kommt. Er fragt sich, wohin er gehen wird. In diesem Sinn soll der Titel des Romans an Richtungen denken lassen, soll eine Frage beinhalten und nicht allein das Thema des Buchs beschreiben. Mir ist bewusst geworden, dass eine neue Bewegung begonnen hat, nicht nur die der Migranten. Globalisierung passiert nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene, sondern auch auf individueller und es ist wichtig, dass wir wieder über das Thema Exil sprechen, denn Exil gibt es auch heute. Europa war das Land der Exilanten und heute nimmt es sie auf. Wenn ich an Exil denke, denke ich an meine kommunistischen Großeltern, die aus Deutschland in Stalins Sowjetunion ins Exil gegangen sind. Und an mich selbst nach dem Mauerfall. Ich war aus Ostberlin, war im Exil, ohne je weggegangen zu sein. Ich bin im Zentrum Berlins aufgewachsen und noch heute gibt es viele Stadtteile, die ich nicht kenne, gibt es viele Gebäude, die früher nicht da waren. Der Himmel über Berlin ist nicht mehr so frei wie er es einmal war, heute sieht er aus wie der Himmel irgendeiner beliebigen Stadt.“
 

Bov Bjerg

Die letzte Stimme, die auf der Buchmesse zu hören war, war die von Kabarettist und Autor Bov Bjerg, der dort sein wundervolles „Auerhaus“ präsentierte, die Entwicklungsgeschichte einer Gruppe Jugendlicher in den 80er-Jahren. Ein scheinbar leichtfüßiger Roman, der uns jedoch schwer zum Nachdenken bringt – darüber, wie die Zeit vergeht und wie wir sie als Erwachsene verschwenden. „Das zentrale Thema des Buchs ist sicher das der Freundschaft“, meint Bjerg, „und vielleicht das der Solidarität im Allgemeinen.“ Seine Stimme hören wir im Interview mit Gabriele Kreuter-Lenz, Länderleiterin der Goethe-Institute in Italien.